Erik der Rote war der legendäre Gründer: Der nordische Entdecker brachte der Überlieferung zufolge um das Jahr 986 die ersten Siedler von Island zur Südspitze Grönlands. In der folgenden Zeit etablierte sich dort schließlich eine florierende Kolonie aus kleinen Siedlungen: Auf dem Höhepunkt der Entwicklung erreichte die Bevölkerung Grönlands etwa 6000 Einwohner und besaß sogar einen Bischof.
Doch gegen Ende des Mittelalters ging es mit der Kolonie bergab. Etwa 500 Jahre nach ihrer Gründung verschwanden die letzten europäischen Einwohner von der entlegenen Insel. Man geht bisher davon aus, dass vor allem eine Verschlechterung des Klimas in der Region zum Untergang der Grönland-Kolonie in der Mitte des 15. Jahrhunderts geführt hat. Die Studie der Forscher um James Barrett von der University of Cambridge verweist nun auf einen weiteren Aspekt.
Abhängigkeit vom Walross-Elfenbein
Wie sie erklären, bildete die Jagd auf Walrosse eine wichtige Lebensgrundlage der Grönland-Kolonie. Das Elfenbein aus den Stoßzähnen dieser Tiere war ein wichtiges Exportgut, das im Gegenzug die Einfuhr von lebenswichtigen Waren ermöglichte. Klar ist: Walross-Elfenbein war im mittelalterlichen Europa sehr begehrt. Zahlreiche Kunstwerke – vom Kruzifix bis zur Schachfigur – wurden aus dem edlen Material hergestellt. Es gibt Vermutungen, dass ein wichtiges Motiv für die Gründung der Grönland-Kolonie die Ausrottung der isländischen Walross-Bestände gewesen war.
Im Rahmen der Studie haben die Wissenschaftler Proben von Walross-Elfenbein aus dem 11. bis 15. Jahrhundert von verschiedenen Orten Europas untersucht. Die Analysemethoden ermöglichten dabei Rückschlüsse auf Größe, Geschlecht und Herkunft der Tiere, die das Material geliefert haben. Es zeigte sich: Fast das gesamte in Europa gehandelte Elfenbein stammte über Jahrhunderte hinweg von Walrossen, die in Meeren gejagt wurden, die nur über nordischen Siedlungen im Südwesten Grönlands zugänglich waren. Dies bestätigte somit die große Bedeutung der Handelsware für die Bewohner der entlegenen Kolonie.
Schwindender Jagderfolg und Preisverfall
Wie die Forscher berichten, zeichnet sich in den Untersuchungsergebnissen zudem ein charakteristischer Trend ab: Im Laufe der Zeit stammte das Elfenbein von immer kleineren und häufiger von weiblichen Tieren. Die genetischen und archäologischen Hinweise deuten zudem darauf hin, dass sie in immer weiter nördlich gelegenen Gebieten gejagt wurden. Demnach waren die lokalen Bestände offenbar erschöpft und die Grönländer waren gezwungen, immer weitere Strecken zurückzulegen, um den Jagderfolg zu sichern.
Zudem mussten sie wohl auch immer mehr Elfenbein liefern, um den gleichen wirtschaftlichen Ertrag zu erhalten, sagen die Wissenschaftler. Denn durch das wachsende Angebot von importiertem Elefantenelfenbein aus Afrika gab es in Europa im Verlauf des späten Mittelalters einen Preisverfall bei dem edlen Material. „Um die Wirtschaftlichkeit der grönländischen Kolonien zu gewährleisten, wurden die Walross-Bestände deshalb wahrscheinlich immer mehr belastet”, sagt Barrett. So mussten sich die Jäger im kurzen Sommer des Nordens immer weiter in die arktischen Bereiche vorwagen – die Walross-Jagd lohnte sich dadurch immer weniger.





