Archäologische Ausgrabungen an zahlreichen Orten in Mitteleuropa brachten die neue Bestattungsform ans Licht: Die Toten wurden nicht mehr verbrannt, sie wurden mit dem Kopf nach Westen in die Erde gelegt; als Beigaben erhielten die Verstorbenen Kleidung, Schmuck und Waffen. Der Begriff „Reihengräber“, der sich inzwischen dafür etabliert hat, ist eigentlich missverständlich, da eine streng symmetrische Ausrichtung der Gräber nebeneinander eher selten ist.
Interessanterweise findet sich diese Grabform fast ausschließlich innerhalb des untergehenden Römischen Reichs, also im Fall des heutigen Südwestdeutschland südlich des Limes. Ihre „Fremdheit“ führte dazu, dass die Gräber als „germanisch“ betrachtet wurden. Allerdings bleibt dabei ungeklärt, weshalb die sogenannten Germanen sich erst im römischen Milieu so verhalten haben sollten und nicht auch jenseits des Limes.
Die Vorbilder für Körperbestattung und eine einheitliche Grabausrichtung finden sich tatsächlich im Imperium: Erstere hatte sich in den Westprovinzen im 3. Jahrhundert durchgesetzt, und die Ausrichtung geht auf spätantike Erlösungsreligionen zurück.
Neu war jetzt die recht umfangreiche Grabausstattung. Auch dafür hat man die „Germanen“ verantwortlich gemacht, die – im Unterschied zu den christlichen Römern – ihre Toten für ein heidnisches Jenseits ausgestattet hätten. Es erscheint aber plausibler, die Gräber aus ihrem Kontext zu erklären. Sie kommen von Britannien über Nordgallien, das Rheinland und Süddeutschland bis nach Pannonien, aber ebenso in der Po-Ebene und im Innern der Iberischen Halbinsel vor. Dies waren alles zunehmend periphere Regionen des Römerreichs.
Dort waren die damaligen Umbrüche besonders ausgeprägt. Wurden zuvor sozialer Status und politischer Einfluss durch Beziehungen zur Kapitale Rom ausgedrückt und umgesetzt, so war dies immer weniger möglich, denn das Auseinanderbrechen des Imperiums schritt zügig voran.
Am besonders verunsicherten Rand der römischen Welt entdeckten Lokalgemeinschaften daher wohl die Bestattung als Bühne, auf der sich soziale Positionen und Ansprüche demonstrieren ließen. Wirkung entfaltete diese „kulturelle Neuorientierung“ nur noch im kleinen Rahmen der näheren und weiteren Nachbarschaft.
Bei den Alamannen war die Situation noch einmal besonders. Die Region im heutigen Südwestdeutschland war in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts von der römischen Verwaltung aufgegeben worden. Römischen Einfluss gab es zwar noch, aber vor allem entlang den grenznahen Bereichen. Und dennoch erstreckt sich die Verbreitung der 200 Jahre später angelegten Reihengräberfelder im Norden noch genau bis zu jener Linie, die den einstigen Limes-Verlauf markiert.





