Die Karriere des Jean-Baptiste Poquelin, alias Molière (1622 bis 1673) wirkt erstaunlich: Er stammte aus bürgerlichem Hause, besaß vergleichsweise bescheidene Bildung und avancierte dennoch zu einer der schillerndsten Figuren seiner Zeit. Er wurde zu einem berühmten Schauspieler, Theaterdirektor, Schriftsteller und Günstling des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. Molière erfüllte diese Rollen gleichzeitig und war dennoch in der Lage, ein ausgesprochen umfangreiches literarisches Werk zu schaffen. Er ist vor allem für Komödien wie Amphitryon und Tartuffe bekannt, die als klassische Meisterwerke gelten.
War Pierre Corneille der Ghostwriter?
Der erste, der Zweifel anmeldete, ob Molière diese Werke tatsächlich selbst verfasst hat, war der französische Dichter und Schriftsteller Pierre Lou im Jahr 1919: Er behauptete, Molière wäre nur der Hauptdarsteller der Stücke gewesen – geschrieben habe sie jemand anderes. Seiner Ansicht nach zeigten einschlägige Ähnlichkeiten im Stil der Werke, dass der französische Dramatiker Pierre Corneille (1606 bis 1684) die Stücke für Molière verfasst hat. Seitdem konnte die Debatte um die Autorenschaft der „Molière-Werke“ nie klar beendet werden.
Die Befürworter der Ghostwriter-Hypothese führen neben sprachlichen Aspekten als weitere Indizien an, dass Molieres Schreibtalent erst auffällig spät aufblühte, er vergleichsweise wenig gebildet gewesen sei und dass es sein geschäftiges Leben gar nicht ermöglicht hätte, so viele Werke zu schreiben. Zudem scheint es plausibel, dass der für seine Dramen bekannte Pierre Corneille bereit war, in Molières Namen Komödien zu schreiben. Er konnte dadurch vom Ruhm und Talent seines Zeitgenossen profitiert, ohne sich Kontroversen auszusetzen oder seinen Ruf als seriösem Dramatiker zu beeinträchtigen, so die Argumentation.
Hypothese widerlegt
Der Autorenschaft-Kontroverse haben sich nun Florian Cafiero von der Université Paris-Diderot und Jean-Baptiste Camps von der Université Paris Sciences et Lettre erneut gewidmet. Sie setzten dazu modernste Verfahren der computergestützten Sprachforschung ein. Dabei werden Merkmale des Sprachgebrauchs statistisch erfasst und ausgewertet, um Autoren von Texten zu identifizieren. Konkret: Jeder schreibt unter Verwendung eines für ihn typischen Anteils von Wörtern, Ausdrücken oder grammatikalischen Elementen. Selbst wenn jemand versucht, einen anderen Stil bewusst nachzuahmen, verraten ihn Aspekte wie etwa der Einsatz von Funktionswörtern wie „von“, „dann“ „oder“…. DennMenschen verwenden diese meist, ohne darüber nachzudenken. Auf diesen Merkmalen basierende Sprachanalysen haben sich bereits als ausgesprochen zuverlässig erwiesen. Unter anderem setzen Geheimdienste sie ein, um zu erfassen, wer einen anonymen Text geschrieben hat.





