Auch Althistoriker verstehen zu streiten. Manchmal sogar heftig und lautstark. So war es auch 1998. Der renommierte britische Altertumswissenschaftler Fergus Millar rüttelte in seinem Buch „The Crowd in Rome in the Late Republic“ („Die Masse in Rom in der späten Republik“) an den Grundfesten einer kollektiven Gewissheit. Diese Gewissheit lautete: Die römische Republik war eine Aristokratie. Die ganze Macht im Staat lag in den Händen des Adels, der Reichen, der Senatoren. Das Volk schaute zu, wie die Eliten Politik machten.
Millar überraschte die Fachwelt mit einer fundamental anderen Sicht der Dinge: Das Volk war ein wichtiger politischer Faktor. Die römische Republik war keine Aristokratie, sondern eine Demokratie. Zwar wurden die Richtlinien der Politik hinter den verschlossenen Türen des Senats bestimmt. Doch um sie durchzusetzen, bedurfte es der Zustimmung des Volkes. Alle politischen Entscheidungen fielen in der Öffentlichkeit, in informellen Versammlungen fanden überaus lebhafte Debatten statt.
Eine grundsätzliche Erkenntnis der Herrschaftssoziologie lautet: Niemand, der herrschen will, kommt ganz ohne die Zustimmung der Beherrschten aus – sei es ein Monarch, ein Diktator, ein Tyrann, ein Oligarch, ein Demokrat.
Senatoren wie Cicero mussten in ihren Reden vor dem Volk oder vor Gericht zu Hochform auflaufen, um das kritische Publikum zu überzeugen. Cicero selbst, im Nebenberuf Publizist und Staatstheoretiker, hat zu dem Thema als Zeitgenosse Stellung genommen. In seiner berühmten Schrift über den Staat („De re publica“) unterscheidet er drei Typen von Verfassung. Das entscheidende Kriterium ist dabei die Zahl derjenigen, die aktiv das politische Geschehen im Staat bestimmen dürfen. Liegt die Macht in den Händen eines Einzelnen, so handelt es sich um ein Königtum. Bei der Aristokratie regiert eine elitäre Minderheit. Es gibt aber auch, so doziert der kundige Autor, einen Staat, in dem alle Macht beim Volk liegt.
Dafür verwendet er nicht den griechischen Begriff „Demokratie“, der in den römischen Quellen überhaupt vermieden wird. Er sagt vielmehr civitas popularis – ein Gemeinwesen, in dem der populus, das Staatsvolk, das Sagen hat. Begeistert ist er davon nicht. Diese Form der Verfassung ist, so sagt er, am wenigsten akzeptabel, aber auch nicht gerade der Untergang des Staates: Eine Herrschaft des Volkes „kann, wenn keine Unbilligkeiten und Leidenschaften sich dazwischendrängen, doch, wie es scheint, von einigermaßen sicherem Bestand sein“.
Cicero war nicht der Ansicht, in einer Demokratie zu leben. Rom wurde von den boni, den „Guten“, oder den optimates, den „Besten“, regiert. Anders sah es gut 100 Jahre vorher der griechische Historiker und Politiker Polybios. Er verfasste ein umfangreiches Geschichtswerk über den Aufstieg Roms zur Weltmacht und wusste, wovon er schrieb. Denn er war als griechischer Oppositioneller von den Römern 168 v. Chr. nach Italien deportiert worden, durfte sich dort der Protektion einflussreicher Senatoren erfreuen und revanchierte sich für die Gastfreundschaft mit einer Darstellung der römischen Geschichte.





