Die Spanische Grippe gilt als eine der großen Pandemien der Menschheitsgeschichte. Die von einem Influenzavirus des Typs H1N1 verursachte Infektion brach Anfang 1918 wahrscheinlich in den USA aus und gelangte dann mit US-Soldaten in der Endphase des Ersten Weltkriegs nach Europa. Dort konnte sich die Grippe in der teilweise unter schlechten Bedingungen lebenden Bevölkerung rasch ausbreiten. Auf die erste Welle im Frühjahr 1918 folgte im Herbst 1918 eine zweite Welle der Influenza-Pandemie. Sie breitete sich rasch auch bis nach Asien aus und forderte vielerorts mehr Todesopfer als im Frühjahr. Insgesamt starben zwischen 20 und 50 Millionen Menschen im Zuge der Grippe-Pandemie, darunter besonders viele junge Erwachsenen zwischen 29 und 40 Jahren. Schätzungen zufolge wurden rund 500 Millionen Menschen infiziert.
Zweite Welle im Blick
Auch die aktuelle Corona-Pandemie hat in den meisten Regionen zwei Wellen durchlaufen: Nach einer ersten Zunahme der Infektionen und Covid-19-Fälle im Frühjahr 2020 sanken die Fallzahlen im Sommer, um dann vielerorts im Herbst und Winter 2020 wieder drastisch und stärker als zuvor anzusteigen. Angesichts der Parallelen zur Grippe-Pandemie von 1918 haben nun Forscher um Kaspar Staub von der Universität Zürich und Peter Jüni von der University of Toronto sich den Ablauf und die möglichen Hintergründe der beiden Influenzawellen am Beispiel des Kanton Bern näher angeschaut. Dieser Kanton ist ihrer Ansicht nach eine gut geeignete Fallstudie, weil er groß und räumlich heterogen ist, von der Spanischen Grippe besonders hart getroffen wurde und gleich zu Beginn der Pandemie im Juli 1918 die Meldepflicht einführte.
Als Quellen für die Studie wertete das Forscherteam unter anderem die damals wöchentlich an die kantonalen Behörden gemeldeten Fälle von influenzaähnlichen Erkrankungen nach Gemeinden und Regionen aus, die im Staatsarchiv Bern zugänglich sind. “Diese Quelle ist ein wahrer Archivschatz und ein hervorragendes Beispiel dafür, dass mehr als 100 Jahre alte Daten für die Gegenwart relevant sein können”, betont Staub. Bereits 2015 hatten er und sein Team damit begonnen, die über 9000 ärztlichen Meldungen mit mehr als 120.000 Influenzafällen aus 473 Berner Gemeinden zwischen Juni 1918 und Juni 1919 zu transkribieren, um sie dann mit modernen epidemiologischen Methoden zu analysieren. Außerdem rekonstruierten sie damals getroffenen behördlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie.





