Die britische Historikerin Kathryn Lomas, die am Department of Classics and Ancient History der Universität Durham lehrt, wählt in ihrem Buch einen anderen Ansatz. Sie plaziert die Geschichte Roms in den Kontext der Frühgeschichte Italiens und sucht im Vergleich mit den zahlreichen anderen Völkern und Kulturen auf der Apennin-Halbinsel wie den Etruskern, Griechen und Samniten nach Merkmalen und Entwicklungen, die Rom vor diesem Hintergrund besonders auszeichneten. Der zeitliche Bogen reicht dabei vom 10. Jahrhundert v. Chr., als in Italien die ersten größeren Siedlungen entstanden, bis zum Jahr 264 v. Chr., als Rom in den ersten Punischen Krieg gegen die auswärtige Führungsmacht Karthago eintrat.
Die Römer waren, so das überzeugende Ergebnis, keine genialen Strategen, die von Anfang an über die optimale Rezeptur zur Herrschaft verfügten. Erst nach Phasen des Experimentierens bildeten sich jene Faktoren heraus, die primär Roms Aufstieg ermöglichten. Dazu gehörten nach den monarchischen Anfängen eine stabile republikanische Ordnung und der Wettstreit der Aristokraten um Prestige und Einfluss, wie er sich in der expansiven Außenpolitik artikulierte.
Vor allem aber entwickelten die Römer wirksame Konzepte zur politischen Umsetzung militärisch gewonnener Herrschaft, indem sie in Italien ein Flechtwerk aus Bündnissen, Kolonien und Formen direkter Abhängigkeiten schufen. Günstig wirkte sich auch die prinzipielle Bereitschaft aus, die Führungsschichten der unterworfenen Städte und Völker in den römischen Staat zu integrieren.
Das Buch, allgemein verständlich geschrieben und doch wissenschaftlich fundiert, ist höchst anregend. Auf der Basis einer stupenden Kritik der schriftlichen Quellen und unter Einbeziehung neuester archäologischer Forschungen werden viele vertraute Vorstellungen auf den Prüfstand gestellt und neu bewertet. Hervorzuheben ist die flüssige Übersetzung der englischen Originalausgabe von 2017 durch Uwe Walter, dem auch ein kluges und instruktives Nachwort zu verdanken ist.
Angesichts all dieser Vorzüge wären die etwas bemüht wirkenden Bezüge zur Gegenwart und Modernismen (Stichworte wie multiethnische Gemeinwesen, Integration und Innovation) gar nicht notwendig gewesen. Die Darstellung ist auch so spannend und lehrreich genug.
Rezension: Prof. Dr. Holger Sonnabend
Kathryn Lomas
Der Aufstieg Roms
Von Romulus bis Pyrrhus
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019, 546 Seiten, € 32,–





