Die Wikinger kommen! Der Überfall auf das englische Kloster Lindisfarne im Jahr 793 gilt als Anbeginn der Wikingerzeit. Von da an plünderten die gefürchteten Nordmänner vielerorts Klöster und Städte und avancierten schließlich zu einem bedeutenden Machtfaktor im mittelalterlichen Europa. Schon lange befassen sich Historiker mit der Frage, was die Triebfeder hinter den aggressiven und waghalsigen Unternehmungen war. Neben der simplen Gier nach Reichtümern und Sklaven wurden bereits demographische, klimatische, politische und technologische Faktoren ausgiebig diskutiert. Ashby legt nun hingegen den Fokus auf die persönliche und soziale Ebene bei der Motivation zu den Fahrten der Wikinger.
Ihm zufolge darf man die Abenteuerlust und Phantasie des Menschen als Triebfeder nicht unterschätzen: „Der Reiz des Exotischen, der Welt hinter dem Horizont, war ein wichtiger Faktor”, sagt Ashby. „Die Geschichte hat gezeigt, dass die Macht des Geheimnisvollen enorm sein kann, was Führungspersönlichkeiten oft für ihre Ziele zu nutzten wussten. Man kann sich gut vorstellen, wie das auch in der Wikingerzeit der Fall war”, so der Historiker.
Die Tat war genauso kostbar wie die Beute selbst
Dass die Wikinger nicht einfach nur an den Reichtümern an sich interessiert waren, spiegelt sich Ashby zufolge auch in Funden wider: Viele der goldenen und silbernen Kunstschätze, welche die Nordmänner in Europa geraubt haben, wurden nicht eingeschmolzen. Obwohl es sich oft um christliche Symbole handelte, ließen die Wikinger sie unversehrt und nutzten sie sogar als Beigaben bei ihren heidnischen Begräbniszeremonien. Das verdeutlicht, dass man diesen Gegenständen symbolischen Charakter zuschrieb, sagt Ashby: Es handelte sich um prestigeträchtige Erinnerungsstücke der glorreichen Siege in der geheimnisvollen Ferne.
Diese Symbole der Macht waren auch zugkräftige Argumente bei der Vorbereitung von neuen Fahrten, sagt Ashby. Die Mitglieder der Mannschaften folgten nämlich nicht einfach blind einem Führer, sondern traten den Stoßtruppen aktiv bei. Für den Einzelnen ging der Reiz dabei ebenfalls weit über das Materielle hinaus: Die Fahrten boten Gelegenheit, Mut, Stärke und Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und damit letztlich Sozialkapital aufzubauen. Unterm Strich lautet das Fazit Ashbys: „Der Akt des Raubens von Gold uns Silber war den Wikingern genauso kostbar, wie diese Reichtümer selbst”, sagt der Historiker.





