Schon in der archaischen Zeit trafen sich in der gesamten griechischen Welt Männer von Rang und Namen am Abend zum Trinken und zum Gespräch. Sehr früh entstand aus diesem sogenannten Symposion eine Institution, die von Genuss und Ausschweifungen ebenso lebte wie von Kunst und Politik.
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Der erste literarische Beleg für ein „Symposion“ im antiken Griechenland lautet so: „Vor sieben Liegen stehen sieben Tische / mit Mohngebäck beladen und mit Kuchen / aus Lein und Sesam und mit großen Schüsseln / voll Honigbroten.“ Der Vers aus der Feder des spartanischen Dichters Alkman entstand im 7. Jahrhundert v. Chr., also in der frühen archaischen Epoche. Beim Symposion traf sich die Elite der griechischen Gesellschaft, trank, dichtete, sang und diskutierte – anlässlich wichtiger Festtage oder nur um des Feierns willen.
Der Symposiarch, gewählter Leiter des Symposions, wurde auch als König (Basileus) angesprochen. Es oblag seiner Verantwortung, für das richtige Mischverhältnis von Wein und Wasser zu sorgen. Normalerweise war der Wein stark verdünnt – halb und halb oder sogar mit drei Teilen Wasser und einem Teil Wein. Unverdünnter Wein galt als äußerst gesundheitsschädlich. So berichtet Herodot (um 485 – um 424 v. Chr.) in seinen „Historien“, Kleomenes, König der Spartaner (gest. um 488 v. Chr.), habe von skythischen Gesandten die Angewohnheit übernommen, Wein pur zu trinken, und sei bald darauf dem Wahnsinn verfallen. Seitdem verlange ein Spartaner, dem der Sinn nach starkem Wein stehe, nach einem „skythischen Becher“.
Dennoch: Nicht jede zum Symposion versammelte Runde verstand es maßzuhalten. Daran störten sich die asketischeren Geister, so etwa der Philosoph Xenophanes (geb. um 580 v. Chr.), der sich Sittsamkeit und Gottesfurcht bei dieser Art der Treffen wünschte. In dem Bedürfnis, sein Publikum zu tugendhaftem Verhalten zu motivieren, schrieb er: „Anfangs müssen verständige Männer mit löblichen Reden / und mit lauterem Wort preisen den waltenden Gott. / Brachten sie Trankopfer dar und flehten um Kraft zu gerechtem / Tun – denn dieses Gebet liegt ja dem Menschen zunächst [am nächsten] –, / dürfen bedenkenlos trinken sie, so viel, daß sie nach Hause / kommen noch ohne Geleit, sind sie nicht allzu betagt.“
Man sollte also noch in der Lage sein, den Weg nach Hause allein zu meistern – nicht nur der Würde wegen, sondern auch, um das Symposion nicht seiner zahlreichen anderen Funktionen zu berauben. Denn nicht selten wurden hier wichtige Entscheidungen getroffen und philosophische Debatten geführt. In Platons Werk „Symposion“ werden reihum Reden gehalten. So formell musste es nicht zugehen. Die Diskussion sollte allerdings zentraler Bestandteil des Beisammenseins bleiben, wenn es nach den Mahnern ging.
Im „Männerzimmer“ eröffnet der Symposiarch den geselligen Abend
Was sich auch genau über Jahrhunderte hinweg an unzähligen Abenden in Tausenden griechischer Häuser abspielte – es trug sich im Andron, dem „Männerzimmer“, zu. In diesem repräsentativen Teil des Hauses wurden kreisförmig Sitzkissen auf Bänken oder Klinen angeordnet, auf denen je zwei Gäste Platz fanden. Alles begann damit, dass die Reste des Abendessens abgeräumt und die Tische fortgetragen wurden. Die Gäste wuschen sich die Hände; zudem rieben sie sich zuweilen auch mit wohlriechenden Ölen ein.
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Der Symposiarch beaufsichtigte die Eröffnungsrituale des Abends, zu denen auch das von Xenophanes erwähnte Trankopfer gehörte – die einzige Gelegenheit, bei der es erlaubt war, puren Wein zu trinken. Dann legte er fest, wie viel im Lauf des Abends getrunken werden sollte – eine Maßgabe, die sich natürlich ändern ließ. In diesem Fall trat der geistige und rhetorische Wettstreit in den Hintergrund.
Wein war nicht die einzige Ablenkung: Sogenannte Flötenmädchen waren nicht nur für die musikalische Untermalung des Symposions zuständig, sondern standen den Gästen danach auch zum Sex zur Verfügung. Obwohl Platon behauptet, die Flötenmädchen seien keine besonders guten Musikantinnen, sondern eher wegen ihrer anderen Fähigkeiten beliebt, war das Flötenspiel ein wichtiger Teil des Symposions. Die Flöte gab den Ritualen, den Gesängen und selbst dem Verteilen des Weins einen Rhythmus.
Andere junge Frauen spielten Harfe, sangen oder tanzten. In ihren Liedern ging es eigentlich immer um Ehebruch. Und für sie alle galt, dass sie für Liebesdienste bezahlt wurden. Zu ihnen gesellten sich bisweilen auch die Hetären, gesellschaftlich höher stehende Prostituierte, die keine musikalischen Fähigkeiten besitzen mussten und neben ihrem attraktiven Äußeren für ihre Schlagfertigkeit und Intelligenz geschätzt wurden.
Sex gehörte zur Welt der Symposien dazu wie der Wein. Abbildungen auf Schalen und Bechern geben dazu allerdings mehr Informationen als schriftliche Quellen. Platons Symposionsgesellschaft lädt keine Hetären ein und schickt selbst die Flötenmädchen wieder fort. Xenophon (um 430 – nach 355 v. Chr.), wie Platon ein Schüler des Sokrates, gewährt zwar einen Einblick, kaschiert ihn aber: So beschreibt er ein tanzendes Paar, das in seiner Rolle als Brautpaar aufgeht und dem Bett zustrebt. Die Reaktion der versammelten Zuschauer sei die Lobpreisung des Ehelebens gewesen. Verheiratete Männer hätten sich verabschiedet, um zu ihren Ehefrauen zu gehen.
Mitunter wurde dem Gastgeber das Flötenmädchen gleich abgekauft
Wer Flötenspielerinnen nach Hause schickte, war unter Umständen eher an deren Kollegen interessiert. Besonders junge Männer, die die Kithara, ein Saiteninstrument der Antike, zu spielen verstanden, waren begehrt.
Da viele Prostituierte Sklaven und somit das Eigentum ihrer Zuhälter waren, konnte es auch vorkommen, dass sich das Symposion in einen Sklavenmarkt verwandelte, wenn ein Flötenmädchen einzelnen Gästen so gut gefiel, dass sie es kaufen wollten und sich gegenseitig mit ihren Geboten zu übertreffen suchten. Zu fortgeschrittener Stunde floss dann nicht nur Wein, sondern manchmal auch Geld.
Hatte sich der Leiter des Symposions vorgenommen, die geistreiche Konversation am Leben zu erhalten, war das oftmals eine große Herausforderung. In Platons „Symposion“ droht der Abend zu kippen, als Alkibiades auftaucht: Bis dahin haben sich die Gäste im Haus des Agathon mit dem Alkoholkonsum zurückgehalten.
Dann pocht plötzlich jemand lautstark an das Hoftor. Der Hausherr lässt nachsehen. Kurz darauf hört man den betrunkenen Alkibiades (um 450 – 404 v. Chr.) auf dem Hof grölen. Auf ein Flötenmädchen und andere Begleiter gestützt, erscheint er dann im Andron. Dort ernennt er sich kurzerhand selbst zum Symposiarchen, um die Anwesenden zum schnelleren Trinken zu zwingen. Er selbst trinkt puren Wein und bringt auch Sokrates dazu, dies zu tun.
Dem eigentlich von der Gruppe zum Symposiarchen bestimmten Eryximachos gelingt es schließlich, die Kontrolle zurückzugewinnen und Alkibiades in die Gruppe und ihre Diskussion einzubinden.
Wenn das Weintrinken auch oft einen größeren Anteil an den abendlichen Treffen hatte, als es dem Anspruch der Beteiligten eigentlich entsprach, so war das Symposion doch in erster Linie eine aristokratische Institution. Der Umtrunk fand nicht umsonst im Herzen des Hauses statt, umgeben von Reichtümern, eingehüllt in Wohlgerüche und eingeleitet von Schwüren und Ritualen.
Mit diesem Ritual versichert sich der Adel seiner Klassenzugehörigkeit
Die Lebenswelt des Adels drehte sich um das Geschehen im eigenen Haus. Man lud ein und wurde eingeladen. Man gab Gastgeschenke und wurde beschenkt. So wurden Allianzen geschmiedet und Hierarchien festgelegt. Dabei zwang der Konkurrenzkampf untereinander die Adligen dazu, verschwenderisch zu sein. Geschichten aus dem Orient, homerische Epen, die Gier nach Silber, Land und Arbeitskraft sowie die Glorifizierung von Werten, die sie hochhielten, um sich von der Masse – und vor allem den wirtschaftlichen Aufsteigern – abzugrenzen, trieben sie schon im 7. Jahrhundert v. Chr. in einen ausufernden Kampf um immer größere Reichtümer.
So war die Ausrichtung eines Symposions und die Teilnahme daran auch ein Zeichen von Klassenzugehörigkeit. Dass es einen großen Unterschied machte, ob man sich mit Freunden in einer Taverne betrank oder im Symposion, war zumindest aus Sicht der griechischen Oberschicht unbestritten. Alles anders zu machen als die Masse konnte sogar zum ausgesprochenen Konzept einer Männergruppe werden. So fanden sich die Mitglieder der Gruppe „Kakodaimonistai“ („böse Geister“) stets an Tagen mit schlechtem Omen zum Feiern zusammen.
Aristokratische Männerbünde wurden durch wiederkehrende Symposien im gleichen Kreis oft zu verschworenen Gemeinschaften, die auch politisch gemeinsam aktiv werden konnten. Was unter Gesang, Gelächter und gegenseitigem Zuprosten begann, konnte in Staatsstreich-Plänen enden.
Ein einjähriger Wettstreit um die Hand der Tochter des Kleisthenes
Wie ein Symposion abgehalten wurde und welche politischen und gesellschaftlichen Werkzeuge es seinen Ausrichtern und Teilnehmern an die Hand gab, änderte sich im Lauf der Jahrhunderte, konnte von Region zu Region variieren und lässt sich heute nicht immer gänzlich nachvollziehen. Das zeigt beispielsweise die Geschichte des Hippokleides, die Herodot in seinen „Historien“ überliefert: In Sikyon, einer Stadt nordöstlich von Korinth, herrschte im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. ein gewisser Kleisthenes. Er war über die Grenzen seiner Stadt hinaus zu einigem Ruhm gelangt, als er bei den olympischen Spielen den Sieg im Wagenrennen davontrug. Er hatte den Ruhm des Sieges sofort genutzt, um zu verkünden, dass er plane, seine Tochter Agariste zu vermählen, und dass jeder um ihre Hand anhalten könne, der binnen einer bestimmten Frist nach Sikyon kommen und sich dort in einer Reihe von Wettbewerben messen wolle.
Die jungen Adligen, die die Herausforderung annahmen, traten sportlich und in den Disziplinen des Symposions gegeneinander an – für die Dauer eines ganzen Jahres. Ein gewisser Hippokleides etablierte sich als klarer Favorit und war kurz davor, zum Sieger erklärt zu werden, als er während eines Symposions einen Tanz vorführte, bei dem er auf einen Tisch stieg und schließlich auf dem Kopf stehend mit den Beinen strampelte. Kleisthenes war erzürnt und rief aus: „Du hast deine Hochzeit vertanzt!“. Hippokleides, so berichtet Herodot, habe das völlig kalt gelassen, und er habe erwidert: „Das kümmert den Hippokleides nicht.“ Daraus wurde ein geflügeltes Wort in der ganzen griechischen Welt: Wer fortan ein kühles Schulterzucken mit der passenden Bemerkung unterstreichen wollte, der sprach es aus.
Wie es aber zu einem derartigen Eklat hatte kommen können, wusste vermutlich schon Herodots Generation nicht mehr mit Gewissheit zu sagen. Während der Tanz im 6. Jahrhundert v. Chr. noch fester Bestandteil des aristokratischen Wettbewerbs beim Symposion gewesen war, tanzten dort 100 Jahre später nur noch professionelle Unterhaltungskünstler, zu denen auch die sogenannten Tanzzwerge gehörten – Kleinwüchsige, die meist nackt, mit Stirnglatze und ungepflegtem Bart dargestellt wurden.
Wer Herodots Geschichte vernahm, mochte denken, dass Hippokleides sich so oder so lächerlich gemacht hatte, ganz egal, um welchen Tanz es sich handelte – doch das ist ein Trugschluss. Warum brach Hippokleides mit den Konventionen? Hatte er den Geschmack des Gastgebers falsch eingeschätzt? Möglich ist, dass er absichtlich aufgab – und das auf eine Art und Weise, die als bewusste Schmähung des Gastgebers gesehen werden sollte. Vielleicht wollte er sich für alle sichtbar aus einer vermeintlich untergeordneten Stellung befreien.
Solons Gedichte mit politischen Pointen
Die Dynamik zwischen Teilnehmern unterschiedlicher Machtfülle und Fertigkeiten prägte das Symposion. Dennoch war das kollektive Bewusstsein der Teilnehmer das einer im Zusammenschluss herrschenden Elite. So kam es im Symposion auch zu Debatten über grundsätzliche politische Fragen: Als im Athen des 6. Jahrhunderts eine fortschreitende Verschuldung und Versklavung der Kleinbauern zu beobachten war, wandte sich Solon (um 640 – nach 561 v. Chr), der später zu den Sieben Weisen gezählt werden sollte, mit hochpolitischen Elegien an die Elite seiner Heimat.
In den Symposien der Stadt machten diese Gedichte bald die Runde. Sie wurden vorgetragen und anschließend ganz sicher auch gemeinsam diskutiert. Umgeben von all ihrem Luxus und all ihren Vergnügungen, bequem auf Kissen gebettet, mussten sich die Adligen anhören, dass ihr Lebensstil und ihr Umgang mit den Armen die eigene Herrschaft gefährdete. In den Symposien gaben sich Unterstützer und Gegner Solons zu erkennen. Und schließlich wurde Solon das Amt des Archon, des höchstrangigen Amtsträgers, übertragen.
Nun war es an ihm, die Krise zu lösen. Neben der wachsenden Unzufriedenheit im Volk hatten ihm seine Elegien durch ihre Verbreitung in den Symposien den Weg geebnet. Viele Adlige – sosehr sie dem Wein auch zugesprochen hatten – waren plötzlich nüchtern geworden. Auch dies vermochte das Symposion zu leisten: In Zeiten, die nach neuen Ideen verlangten, boten sie den idealen Boden für deren Wachstum.
Natürlich gab das Symposion als zentrales Element der Adelswelt mit all seinen Verführungen und Genüssen Einzelnen das Gefühl, gesellschaftliche Grenzen übertreten zu können. So wurde jenem Alkibiades, der völlig betrunken in das Symposion des Platon hineingeplatzt war, bald darauf nachgesagt, er strebe nach der Alleinherrschaft – nicht, weil man ihn politisch so einschätzte. Vielmehr war seine Genusssucht so ausgeprägt und so berüchtigt, dass viele davon überzeugt waren, Getriebenheit und völliger Kontrollverlust müssten Alkibiades über kurz oder lang gewissermaßen dazu zwingen, nach uneingeschränkter Macht zu streben.
Ein Jahrhundert später sollte für die griechische Welt das Zeitalter der Königreiche anbrechen. Die Symposien, in denen echte Machtentfaltung zu sehen war, hatten nun nicht mehr allzu viel gemein mit den verhältnismäßig kleinen Runden im intimen Rahmen des eher beengten Andron. Alexander der Große, der nach seinem Sieg über das Perserreich in die Fußstapfen der Perserkönige trat, verlangte von den Gästen seiner Symposien Huldigung. Wer sich dem verweigerte, setzte seine Karriere oder sogar sein Leben aufs Spiel.
In einer Gesellschaft, in der wichtige Entscheidungen an Königshöfen getroffen wurden, verlor die Adelskultur unweigerlich an Strahlkraft. Doch das Symposion verschwand nicht. Regeln und Gepflogenheiten mochten sich ändern; aber das Debattieren, Ränkeschmieden, Singen, Lachen und Streiten bei Wein, Musik und käuflicher weiblicher Begleitung blieb für Männerbünde formgebend und hat vielerorts die Zeiten überdauert.
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