Das „Reisebuch” enthält die Porträts von Tausenden von Städten und Siedlungen zwischen Istanbul und Kairo, Wien und Bagdad mit den Beschreibungen der dazwischen liegenden “nackten Berge” und “blühenden Landschaften”. Allein die Schilderung der 1638 vor dem Sultan Murâd IV. paradierenden Istanbuler Zünfte ist ein einmaliges Panorama der osmanischen Gesellschaft. Das Reisebuch ist zugleich eine unterhaltsame Sammlung von Anekdoten, Märchen- und Sagenstoffen, Personenbeschreibungen und Erzählungen aus Vergangenheit und Gegenwart. Evliyâ sammelte also nicht nur Städte, auch wenn man das Reisebuch noch heute wie einen gigantischen Baedeker nutzen kann; er war auch ein glänzender Erzähler, der sich eines reichen Osmanisch bedient. Und nicht zuletzt ist es eine große Autobiographie.
Um seine Leser zu erheitern, setzte Evliyâ häufig Dialektformen des Türkischen ein und schreckte auch vor obszönen Wendungen nicht zurück. Auch fremde Sprachen zeichnete er gewissenhaft auf, von griechischen und slawischen Dialekten bis zu afrikanischen Idiomen. Seine Beobachtungen über die Verwandtschaft des Deutschen und des Neupersischen sind älter als die schüchternen Anfänge der Indogermanistik im 18. Jahrhundert und müßten ihm eine Büste in der Ruhmeshalle der Sprachwissenschaft reservieren. Für eine solche Skulptur fehlt freilich ein Porträt, fast alles, was wir über Evliyâ wissen, stammt aus seinem eigenen Werk. Hinzukommen einige wiederaufgefunden Graffiti an Moscheen, mit denen er sich verewigt hatte, im südostanatolischen Adana etwa oder in Bulgarien (Kustendil) und in Fotscha/Hercegovina (diese Inschrift wurde allerdings mit der berühmten Moschee ein Opfer des jugoslawischen Bürgerkriegs). In Adana kann man hingegen noch heute eine Formel lesen, wie sie sich auch auf Grabsteinen findet: “Um Gottes Wohlgefallen eine Fatiha [die 1. Sure des Koran] für die Seele Evliyâs des Weltreisenden aus dem Haushalt des Melek Ahmed Pascha im Jahr 1082/beg. 10. Mai 1671”.
Evliyâ wurde an seinem 20. Geburtstag durch ein Traumgesicht, in dem ihm der Prophet Muhammad erschien, aufgefordert, das Reisen zum Lebensinhalt zu machen. Auch sein verstorbener Vater wünschte ihm in einem Traum den Segen des Propheten für seine Reisen, Handelsgeschäfte und Pilgerfahrten. Aus praktischen Gründen verband er seine Fahrten, die er zehn Jahre später (1640) antrat, allerdings meist mit politischen und administrativen Aufgaben oder damit, wichtige Nachrichten zu überbringen.
Zur Familie des Reisenden soll hier nur das Notwendigste gesagt werden: Der Vater Dervisch Mehmed Zillî war ein gesuchter Goldschmied, der auch zahlreiche Aufträge des Hofes entgegennahm. An vielen Stellen weist Evliyâ darauf hin, daß seine Vorfahren gleichsam osmanischer “Uradel” war, der mit den ersten Sultanen Anatolien unter seine Hufe nahm. Evliyâ wuchs in Unkapan? (“Mehlmagazin”) in der Istanbuler Altstadt unweit des Goldenen Horns auf. Er besuchte die Koranschule und über sieben Jahre die Medrese. Er konnte den Koran über seine ganze Länge von acht Stunden auswendig und wurde ein gesuchter Rezitator und Müezzin. Als die Osmanen die kretische Festung Candia (Heraklion) einnahmen (1670), stand Evliyâ auf der Mauern und verkündete den Sieg über Venedig, indem er die erste Sure des Koran vortrug.





