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Wer war Messalina?

Autor: Prof. Dr. Michael Sommer

Prof. Dr. Michael Sommer Roms Kaiserinnen erfreuten sich nur selten einer guten Presse. Agrippina? Eine gattenmordende Helikoptermutter, deren kühnster Traum in Erfüllung ging, als ihr Sprössling, Ner…

Wer war Messalina?
Roms Kaiserinnen erfreuten sich nur selten einer guten Presse. Agrippina? Eine gattenmordende Helikoptermutter, deren kühnster Traum in Erfüllung ging, als ihr Sprössling, Nero, den Purpur anlegte. Theodora? Eine religiöse Fanatikerin, die ihren kaiserlichen Gemahl, Justinian, unterm Pantoffel hielt. Livia, der Frau des Augustus, konnte man in puncto Tugend nichts ans Zeug flicken. Dafür hielt sich hartnäckig das Gerücht, sie habe beim vorzeitigen Ableben diverser Nachfolgekandidaten nachgeholfen, damit ihr Sohn, Tiberius, freie Bahn hatte. Wilder als alle diese Damen trieb es Messalina, Cousine und von etwa 38 bis 48 n. Chr. dritte Gattin des Kaisers Claudius.
Autor
Prof. Dr. Michael Sommer
26. Juni 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Rezensionen

Prof. Dr. Michael Sommer

Roms Kaiserinnen erfreuten sich nur selten einer guten Presse. Agrippina? Eine gattenmordende Helikoptermutter, deren kühnster Traum in Erfüllung ging, als ihr Sprössling, Nero, den Purpur anlegte. Theodora? Eine religiöse Fanatikerin, die ihren kaiserlichen Gemahl, Justinian, unterm Pantoffel hielt. Livia, der Frau des Augustus, konnte man in puncto Tugend nichts ans Zeug flicken. Dafür hielt sich hartnäckig das Gerücht, sie habe beim vorzeitigen Ableben diverser Nachfolgekandidaten nachgeholfen, damit ihr Sohn, Tiberius, freie Bahn hatte. Wilder als alle diese Damen trieb es Messalina, Cousine und von etwa 38 bis 48 n. Chr. dritte Gattin des Kaisers Claudius.

Honor Cargill-Martin, Verfasserin einer vor einigen Jahren auf Englisch erschienenen und jetzt achtbar ins Deutsche übersetzten Biographie der Kaiserin, weiß, warum den Damen publizistisch so übel mitgespielt wurde: Die römische Gesellschaft sei „patriarchalisch und in ihrer Kultur oft rasend misogyn“ gewesen. Tacitus, der wichtigste Gewährsmann für die frühe römische Kaiserzeit, sei nicht nur „kein Fan von Messalina“ gewesen, sondern „niemals zu Freundlichkeit gegenüber Kaiserfrauen aufgelegt“.

Das stimmt zwar, aber Cargill-Martins Anspruch, die „wahre Geschichte“ hinter den verzerrenden Darstellungen aufzudecken, lässt sich nicht einlösen. Dabei hat die Verfasserin ihr Buch dramaturgisch klug aufgebaut. Sie beginnt mit dem plötzlichen Sturz der Kaiserin. Messalina begeht Hochverrat, indem sie den Senator Gaius Silius, mit dem sie bereits seit Monaten eine Affäre hat, in aller Öffentlichkeit heiratet. Der Freigelassene Narcissus rettet Claudius’ Prinzipat, indem er die Hochzeitsgesellschaft verhaften und den in Ostia weilenden Kaiser nach Rom schaffen lässt. Silius und Messalina werden hingerichtet.

Dann lässt Cargill-Martin im Zeitraffer einen Film vor den Augen ihres Lesers abrollen, um ihn mit der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit im frühkaiserlichen Rom vertraut zu machen: Augustus begründet den Prinzipat, Tiberius wird sein Nachfolger und zieht sich schließlich nach Capri zurück. Das Regiment des misanthropischen Kaisers terrorisiert die Elite und das julisch-claudische Kaiserhaus. Alle atmen auf, als der junge Caligula Kaiser wird, doch den verwandelt eine Krankheit vom Jekyll zum Hyde.

Cargill-Martin schwelgt in den Bildern, die ihr die römische Geschichtsschreibung frei Haus liefert. Das macht die Lektüre anschaulich, streckenweise sogar unterhaltsam. Ausführlich behandelt sie die berühmte Episode, die sich unter Caligula im Golf von Baiae abgespielt haben soll: Der Kaiser lässt eine Schiffsbrücke bauen und anschließend die Legionäre in einer Art maritimem Triumphzug darüber paradieren. Offenbarte sich hier der Größenwahn, den die antiken Historiker bei Caligula diagnostizierten? Mitnichten, meint Cargill-Martin. Für sie sandte der Kaiser mit der Brücke eine „politische Botschaft“ aus: Er demonstrierte den Zeitgenossen seine Willkürmacht.

Diese Lesart stammt von dem Historiker Aloys Winterling. Sie ist bestechend, aber eben nur eine Deutung, die sich auf die Quellen reimt. Der „wahre“ Caligula bleibt verborgen. Cargill-Martin allerdings glaubt, ihn gefunden zu haben. Ähnlich geht die Verfasserin im Fall ihrer Heldin vor. Sie erzählt die Geschichte von Messalina so, als ob sie durch den Schleier der Quellen blicken könnte. Doch prallt ihre Quellenkritik ab, so scharfsinnig sie oft auch ist.

Auch Messalinas Ende gibt sie ihren eigenen Spin: Die Kaiserin sei aufrichtig in Silius verliebt gewesen. Sie habe über ein großes Netzwerk von Unterstützern verfügt, zu denen auch Narcissus gezählt habe, und sei deshalb mit dem Staatsstreich ins kalkulierte Risiko gegangen. Sie habe geglaubt, stark genug zu sein, um den schwachen Claudius durch Silius ersetzen zu können.

Es könnte so gewesen sein. Es könnte auch anders gewesen sein. Das Problem besteht darin, dass die „wahre Geschichte“ Messalinas nie aufzuklären sein wird. Dabei ist sie gar nicht so interessant. Faszinierend an Messalina ist etwas ganz anderes: Warum wird die Kaisergattin zum Kristallisationspunkt geschichtspolitischer Deutungskämpfe? Die gegenwartsdiagnostische Lektion aus ihrer Geschichte besteht darin, dass wir nicht wissen, wer Messalina war, obwohl die Quellen vergleichsweise üppig sprudeln. Nichtwissen kann erhellend sein. Das lehrt uns Messalina.

Honor Cargill-Martin, Messalina. Intrigen, Macht und Orgien im antiken Rom. Die wahre Geschichte der Skandalkaiserin. Verlag C. H. Beck, München 2026, 459 Seiten, € 34,–.

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