Das Bild Hildegards – Visionärin, Heilerin, Ratgeberin – wurde endgültig erst im 20. Jahrhundert um die Facette einer hochgradig innovativen Musikerin bzw. Komponistin erweitert. Diese Entwicklung setzte seit 1857 ein und ist der Weitsicht vor allem eines Mannes zu verdanken: Ludwig Schneider. Der Ortspfarrer von Eibingen hatte die Aufgabe, die Feierlichkeiten zur Erhebung der Hildegard-Reliquien musikalisch-liturgisch zu konzipieren, und kam dabei auf die Idee, eine Hildegard-Sequenz nach Jahrhunderten der Stille wieder zum Klingen zu bringen. Der Erfolg war überwältigend – seit der Aufführung an jenem 17. September 1857 war Hildegard aus dem musikalischen Kosmos des Abendlands nicht mehr wegzudenken.
In den Jahrhunderten nach ihrem Tod 1179 war diese Seite ihres Wirkens gänzlich in Vergessenheit geraten. Ihre Musik wurde ebenso wie einige von ihr vertonte Texte als „dunkel“ (obscurus) begriffen. Bereits 1220 hatte Gebeno von Eberbach in seinem „Pentachronon“ auf Hildegards „dunklen“ Stil verwiesen und damit ihre verschriftlichten Visionen gemeint. Noch Dom Joseph Pothier (1835 –1923), ein aus dem nordfranzösischen Kloster von Solesmes stammender Benediktiner, der im 19. Jahrhundert maßgeblich an der Renaissance des gregorianischen Chorals beteiligt war, merkte an, Hildegards Stil sei „deutlich expressiver als die Gesänge Gregors des Großen, einfühlsamer und dramatischer“, er bescheinigte ihm ein „hohes Maß an Erhabenheit [grandeur]“, kam jedoch nicht umhin zu bemerken, dieser Stil präsentiere sich „recht dunkel“.





