Der Anlaß für den Festzug der Württemberger war ein Jubliäum: 25 Jahre zuvor hatte König Wilhelm I. den Thron bestiegen. So wurde der Festzug zu einer Huldigung für den Monarchen. Doch indem die Untertanen ihrem König huldigten, huldigten sie auch dessen Reich und akzeptierten Württemberg als „ihr“ Land – unabhängig davon, ob sie schon zuvor im Herzogtum Württemberg gelebt hatten oder in einer der fürstlichen, gräflichen, geistlichen, ritterlichen oder reichsstädtischen Herrschaften, die Württemberg 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluß bzw. 1806 dank des Bündnisses mit Napoleon (durch das es zum Königreich aufstieg) geschluckt hatte. Da waren die Fürsten und Grafen, die auf einmal selbst zu Untertanen geworden waren und ihre Unterwerfung mit einer tiefen Verbeugung vor dem neuen König Friedrich I. hatten dokumentieren müssen. Da waren aber auch die Bürger der traditionsreichen Freien Reichsstädte wie Reutlingen, Rottweil, Heilbronn oder Schwäbisch Gmünd, deren Räte sich fortan nur noch um ihre inneren Angelegenheiten kümmern durften. Besonders einschneidend war der Herrschaftswechsel in den katholischen Gebieten, vor allem in den geistlichen Territorien, die auf einmal einen protestantischen Landesherrn bekamen.
Überall wurde damals das württembergische Wappen als Zeichen der Inbesitznahme aufgepflanzt, die Erinnerung an frühere Verhältnisse durch aus heutiger Sicht fast kuriose Anordnungen unterbunden: So durften die Menschen in Wiblingen bei Ulm die Gebäude des aufgelösten Benediktinerklosters unter Androhung von Strafe nicht mehr als „Kloster“ bezeichnen; da seit 1808 Herzog Heinrich von Württemberg darin lebte, galt es fortan als „Schloß“. Ernsthaften Widerstand gab es gegen die Vereinnahmung gleichwohl nicht. Die meisten Neu-Württemberger sahen ein, daß sie an der Situation nichts ändern konnten. Andere erhofften sich von dem größeren Württemberg eine fortschrittliche Entwicklung, fern der beengten Verhältnisse des Alten Reichs. So blieb es bei wenigen Zeichen des Unmuts, wie in Esslingen am Neckar, wo unbekannte Täter im Schutz der Dunkelheit ein württembergisches Wappen herunterrissen.
Der erste württembergische König Friedrich I. war ein autokratisch herrschender Monarch, der Widerspruch nicht duldete. Zwar gewährte er auch seinen neuen katholischen Untertanen religiöse Toleranz, doch stellte er unmißverständlich fest: „Glauben kann jeder, was er will, gehorchen aber muß jeder.“ Regionale Besonderheiten kamen in dem zentralistischen Württemberg Friedrichs I. nicht vor.
Das Bündnis mit Napoleon hatte Friedrich zwar die Königskrone eingebracht, doch die Gegenleistung dafür waren Soldaten, die an der Seite des französischen Kaisers in Rußland kämpfen mußten. Die Niederlage des großen Korsen vor Augen, wechselte Friedrich 1814 die Seite. Die Hoffnung, dafür auf dem Wiener Kongreß mit neuerlichen Gebietszuwächsen belohnt zu werden, erfüllte sich nicht.





