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Geschichte & Archäologie
Wie der Enkel zum Großvater wurde
Rotbart und Weißbart, Kaiser im Ätna oder im Kyffhäuser, frühes Widergängertum – die Staufer sind ein wichtiger Bestandteil im Mythos zweier europäischer Völker. Die italienische wie die deutsche Romantik und Nationalbewegung versuchten sich in abenteuerlichen Deutungen.
An einem Julitag des Jahres 1285 qualmte es auf einem Feld vor den Toren der Stadt Wetzlar in der Wetterau gewaltig. Der Rauch rührte von einem Scheiterhaufen her, den man errichtet hatte, um einen Kaiser zu verbrennen. Jedenfalls behauptete der zum Feuertod verurteilte Mann, einer zu sein. Kein geringerer sei er, als Kaiser Friedrich II., der Hammer der Welt. Doch er starb als Ketzer und Zauberer zum Tode verurteilt in den Flammen. In seinen letzten Worten soll sich der vermeintliche Kaiser angeblich an seine Anhänger gewandt und sie aufgefordert haben, nach Frankfurt zu kommen, denn dort werde man sich schon bald wiedersehen, wie die 1320 entstandene Österreichische Reimchronik berichtet. Und tatsächlich: Kurze Zeit später tauchte in Frankfurt am Main ein neuer Kaiser Friedrich auf, der von sich behauptete, aus der Asche des in Wetzlar Verbrannten wie Christus am dritten Tage wieder auferstanden zu sein. Mit seiner Geschichte, er sei Kaiser Friedrich II., durchzog der Mann in der folgenden Zeit verschiedene Städte und Dörfer. In Gent nahm man ihn zum ersten Mal gefangen. Doch nach seiner Freilassung behauptete er weiterhin Friedrich zu sein und reiste weiter nach Utrecht, wo man ihn ergriff und an den Galgen brachte. Im Jahr 1286 trat dann in Lübeck erneut ein alter Mann auf, der glauben machen wollte, er sei Kaiser Friedrich II. Doch wurde er schnell als Betrüger entlarvt, denn einige der alten Ratsherren kannten den Imperator noch persönlich. Nach einem zeitgenössischen Bericht machte man nicht viel Aufhebens um diesen falschen Friedrich, steckte ihn kurzerhand in einen Sack und versenkte ihn im Fluss. Noch einmal im Jahr 1295 – immerhin über ein halbes Jahrhundert nach dem letzten Deutschlandaufenthalt des echten Kaisers, der nun schon über hundert Jahre alt gewesen wäre – zog ein Mann als Kaiser Friedrich durch Deutschland. Er wurde schließlich in Esslingen gefangengenommen und endete ebenfalls auf dem Scheiterhaufen.
Was mit diesen Überlieferungen über die falschen Friedriche greifbar wird (s. Beitrag Schubert?), ist eines der interessanten Nachahmungsphänomene großer Vorgänger, die wie umgehende Geister durch die Jahrhunderte irren. Wiedergänger haben deshalb immer wieder eine besondere politische Bedeutung besessen, weil die vom irdischen Jammertal Bedrückten ihre Hoffnungen auf Besserung an sie hefteten. Erst eine breit ausgeprägte Sehnsucht nach Ordnung, die man der Herrschaftszeit des tatsächlichen Kaisers als Realität zuschrieb, ermöglichte dies. Dazu kam, dass es den vielen Friedrich-Imitatoren offenbar gelang, sich so sehr in ihre selbstgewählte Rolle hineinzuversetzen, so dass sie schließlich zuweilen selbst daran glaubten, zumindest aber andere Menschen davon zu überzeugen vermochten.
Unmittelbar nach seinem Tode 1250 begannen, wie man an den falschen Friedrichen sehen kann, die Sehnsüchte nach Kaiser Friedrich II. und seiner verklärten Herrschaft. Es häuften sich zudem Legenden, Kaiser Friedrich befinde sich auf einem Büßergang, einem Kreuzzug oder habe sich in einem fernen Land vor der Verfolgung des Papstes in Sicherheit gebracht. In vielen Kreisen, wie wir schon von dem viel in Italien und Frankreich herumgekommenen Franziskaner Salimbene de Adam hörten, lief auch die Weissagung der Erythräischen Sibylle um: „sonabit et in populis ‚Vivit et non vivit’ – tönen wird es unter den Völkern: Er lebt und er lebt nicht“. Im Jahr 1257 schloss man in der Nähe von Florenz sogar notariell beglaubigte Wetten darauf ab, dass der Kaiser noch lebe. Andere wiederum glaubten, der Kaiser sei zwar verstorben, werde aber bald auferstehen, seine Widersacher auf die Knie zwingen und für seine Reiche eine neue Periode des Wohlstands und des Friedens bringen. Man sehnte sich danach, Kaiser Friedrich II. möge wiederkehren und als eine Art Wiedergänger die alte Ordnung erneuern.
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Die Entstehung und weitere Verformung des Sagenstoffes in den folgenden Jahrhunderten zeigt dann, wie Kaiser Friedrich II. sich in seinen Großvater Friedrich I. Barbarossa verwandelte. Die Sage vom entrückten Kaiser hat zuerst ihre Spuren in Italien hinterlassen, um dann nördlich der Alpen liebevoll weiter ausgebaut zu werden. Jans Enikel, ein Wiener Bürgersohn und Dichter des 13. Jahrhunderts, schloss seine Chronik mit der Frage nach dem wirklichen Tod des Kaisers: „ob er wær tôt an der zît, / dâ von ist wærlîch noch ein strît / in welhischen landen über al.“ Der englische Franziskaner und Chronist Thomas von Eccleston berichtet von einem Mönch, der den Kaiser im Berge Ätna habe verschwinden sehen. Daran knüpfte offensichtlich der erste der falschen Friedriche an. Ein Jahrzehnt nach dem Tode des Kaisers behauptete ein Bettler namens Johannes Cocleria, der Kaiser zu sein und suchte mit einer Schar von Anhängern Zuflucht in den Bergen des Ätnamassivs. Durch die Poesie der Troubadours war der Boden für bergentrückte Herrscher, wie den legendären englischen König Artus, ohnehin schon bereitet. Die Kaisersage in der Prophetie wandelte sich durch die Zeitverhältnisse zum Kaisertraum und erfüllte zunehmend die Funktion eines Mythos, nämlich einer sozialen Gruppe als identitätsstiftende Urerzählung dienen. Nun kam es zu einer Verbindung der Legende um Friedrich II. mit der separat entstandenen Kyffhäusersage.
In der Düringischen Weltchronik des Eisenacher Stadtschreibers Johannes Rothe aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts ist in der Erzählung vom,“falschen Friedrich“ des Jahres 1261 die Rede, dass Kaiser Friedrich II. neben anderen ,“wüsten Orten“ im Reich vor allem in der verfallenen Kyffhäuserburg gesichtet werde. Bald darauf wechselte der Kaiser seinen Aufenthaltsort. Bislang war er neben anderen Orten vor allem auf dem Berg zu finden gewesen. In einer Flugschrift des Jahres 1537 wurde Friedrich II. dann in ihn hineinversetzt. Wie schnell die Sage fest lokalisiert wurde, zeigte sich schon 1546, als in den Ruinen des Kyffhäusers ein ,,wahnsinniger Schneider“ vom Volk für den Kaiser gehalten wurde.
Zwei Vorgänge beeinflussten die weitere Entwicklung der Sage dann entscheidend: Zum einen wurde im 16. Jahrhundert die Erzählung vom Kaiser im Berge zu einer standardisierten oder besser typisierten Sagenform entrollt. Zum anderen begann im 17. Jahrhundert die Grenze zwischen Großvater und Enkel zu zerfließen. Man wusste nun nicht mehr so genau, welcher Friedrich denn eigentlich gemeint ist, auf den als historische Figur bislang in der Sage Bezug genommen wurde. In der Alectryomantia des Schriftstellers und Sagensammlers Johannes Praetorius aus dem Jahr 1681 heißt es über die Kyffhäusersage: „Es ist unter den Leuten, die am Hartze wohnen, eine gemeine Sage, dass Käyser Friederich (niemand aber kann gewiss anzeigen, welcher?) sich selbst in dem Kiffhäuser-Berge … solle verflucht haben, darinnen auf der Banck am Tisch sitzen, mit einem langen Bart biß auff die Erde, und schlaffen, aber vor dem jüngsten Tage wieder aufwachen.“ Wenig später musste der Ketzerkaiser Friedrich II. schließlich gänzlich zugunsten Friedrich I. Barbarossas weichen, wie man an Georg Henning Behrens Hercynia curiosa von 1703 sehen kann, der für die Kyffhäusersage nur noch von „Kayser Friedrich der Erste, Aenobarbus oder Barbarossa, das ist Roth-Bahrt“ sprach.
Einige Umstände haben in der Folge die weitere Ausschmückung der Sage sowie die Verklärung ihrer zentralen Figur enorm begünstigt. Zunächst wurde der Name „Friedrich“ – „Friedreich“ als Programm oder gar Utopie verstanden. Der Wechsel des Schauplatzes vom fernen Sizilien an einen Ort in der Nähe steigerte zudem den Bekanntheitsgrad. Zudem ist die Volksphantasie durch die Sagen des Harzes und die außergewöhnliche Größe der Kyffhäuserburg gewaltig beflügelt worden. Und schließlich machte das auffällige äußere Merkmal des langen roten Bartes die Sagengestalt besonders einprägsam, zumindest mehr, als die des bartlosen Enkels. Kaiser Friedrich II. trat nun ein in den Schatten des Kyffhäusers, den sein Großvater fortan für immer fest besetzt halten sollte.
Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Barbarossalegende dann von einer thüringischen Regionalsage zu einer deutschen Volkssage und zugleich zu einem nationalen Mythos im Sinne einer gemeinschaftstiftenden Urerzählung. Die auf ganz Deutschland bezogene Verbreitung des Sagenstoffes erhielt im Jahr 1816 mit dem Erscheinen der Sammlung deutscher Sagen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm einen kräftigen Impuls, in deren Sagenfassung Friedrich Rothbart auf dem Kyfhäuser auch die Überlieferungen von Praetorius und Behrens eingeflossen waren. Ein Jahr später, 1817, veröffentlichte Friedrich Rückert (1788–1866) ein Gedicht mit dem Titel Barbarossa, in welchem er Friedrich I. mit der politischen Situation in Verbindung brachte, indem er den Wunsch nach Einheit des Reiches zum erlösenden Moment des verzauberten Kaisers deutete. Da das Gedicht schnell und dauerhaft Eingang in deutsche Schulbücher fand, sind die mit Rückerts Versen verbundenen Vorstellungen vom Kyffhäuser und dem darin herumgeisternden Kaiser zum Allgemeingut aller Schulabsolventen jener Epoche geworden. Von Barbarossas Enkel, Kaiser Friedrich II., war nun nicht mehr allzu oft die Rede. Selbst in Achim von Arnims (1781–1831) Roman Die Kronenwächter, der die Erneuerung des Reiches thematisierte, kommt Kaiser Friedrich II. überhaupt nicht mehr vor.
Das änderte sich erst wieder mit der Geschichtsschreibung im späten 19. Jahrhundert. Mit dem wachsenden Interesse am Nationalstaat und den verschiedenen Vorstellungen von einem neu zu gründenden Reich entstanden die großen mehrbändigen Kaisergeschichten, die eine edle imperiale Größe in der Vorzeit ausmalten. Seit der Romantik herrschte ein Geschichtsbild vor, das zunehmend von einem Mittelalter als einem verklärten Wunschtraum erfüllt war und in dem des Sizilianers Großvater, Friedrich I. Barbarossa als märchenhafte Erlöserfigur erschien. Und das tragische Schicksal König Konradins, der 1268 in Neapel auf Betreiben Karl von Anjous enthauptet wurde, stärkte die Resentiments gegen jenen „Erbfeind“ Frankreich, mit dem man noch einen Strauß ausfechten zu müssen glaubte. Die sechsbändige Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit des Berliner Historikers Friedrich von Raumer (1781–1873), die in den Jahre 1823 bis 1825 veröffentlicht wurde, aber auch Wilhelm von Giesebrechts (1814–1889) ebenfalls mehrbändige Geschichte der deutschen Kaiserzeit aus den Jahren 1855 bis 1888 wurden in rascher Folge mehrfach aufgelegt und erzielten eine enorme Breitenwirkung. Beide widmeten auch dem Barbarossa Enkel Friedrich II. wieder große Aufmerksamkeit und präsentierten aus protestantisch-preußischer Perspektive ihn ihren Lesern als einen mustergültigen und reformorientierten Herrscher. Irgendwie sei Friedrich II. schon, so Raumer „Protestant geworden“. So sah das auch Ferdinand Gregorovius, der, als er für die Suche nach den deutschen Ahnen Italien bereiste, in dem Kaiser aus dem Süden sogar einen Vorläufer der Reformation entdeckte. Im Grunde wurde Friedrich II. in jener Zeit immer dann besonders bemüht, wenn es um einen antiklerikalen oder antirömischen Reflex ging.
Doch Kaiser Friedrich II. besaß einen Makel; nämlich seine Herkunft. Sein vermeintliches Versagen bei einer kraftvollen nationalen Königspolitik nördlich der Alpen und die ihm zugeschriebene Verantwortung für die territoriale Zersplitterung machten den Sizilianer auf dem deutschen Thron zum Exponenten einer verfehlten Süd-Orientierung. Deutsche Historiker bekamen sich sogar im Vorfeld der deutschen Reichseinigung von 1871 wegen der Fragen um Südpolitik und Ostkolonisation gewaltig in die Haare. Dieser Disput, hinter dem sich hochpolitische Auseinandersetzungen um die Ausdehnung des zukünftigen deutschen Reiches verbargen, ist von den beiden kontroversen Meinungsbildnern Heinrich von Sybel (1817–1895) und Julius Ficker (1826–1902) abgeleitet als der Sybel-Ficker-Kaiserstreit in die Geschichte der Historiographie eingegangen.
Doch nicht nur die Historiker, sondern auch die Dichter der Zeit griffen auf Barbarossa, seinen Enkel Friedrich II. sowie auf dessen Enkel Konradin zurück. Eine gewaltige Anzahl an Gedichten und Dramen über diese Kaiser entstanden. Die meisten Dichter bezogen ihr historisches Wissen zu großen Teilen aus Raumers mehrbändiger Staufergeschichte. Der Schriftsteller Willibald Alexis (1798–1871) kommentierte diesen Dichterdrang in seinen Lebenserinnerungen: ,,Es gab eine Zeit, wo unter zehn aspirierenden Dichtern wenigstens sieben den Untergang des letzten Hohenstaufen dramatisierten (…) Auch ich habe natürlich meinen Konradin geschrieben. Es geht oder ging wunderbar darin zu. Jeder Aktschluss voller Ahnungen und Vorbedeutungen. Die ganze Geschichte der Hohenstaufen war mir gelungen, auf gewisse Schicksalstage zu reduzieren. Alles was die großen Kaiser getan und gelitten, hing an einem fatalistischen Schnürchen …“.
Doch Barbarossa blieb der Stärkere im Kampf um die Popularität bei den Deutschen. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 bemühte man sich in Deutschland verstärkt um neue Heldenlegenden, die sich mehr und mehr zu Mythen des Reichs wandelten. Dabei waren die vielen „Kyffhäuserdeutschen“, wie sie der auch selbst hypernational denkende Heinrich von Treitschke getauft hatte, besonders aktiv und bezogen sich auf Friedrich I. Seinen Enkel Friedrich II. hingegen hielt Treitschke für einen „wälschen Kaiser inmitten sarazenischer Leibwächter und leichtfertiger südländischer Sänger“. Der Historiker Felix Dahn (1834–1912) fügte dichterisch Kaiser Wilhelm I. in die Kaisertradition Barbarossas, als er im Februar 1871 den neuen Herrscher in dem Gedicht Heil dem Kaiser feierte und eine Analogie zwischen Barbarossa und Barbablanca zu etablieren suchte. Der Kyffhäuser und sein Kaiser Friedrich I. Barbarossa waren endgültig zu Symbolen „deutscher Größe“ und deutschen Einheitsstrebens geworden, das aus der politischen Diskussion nicht mehr wegzudenken war. Diese Mythisierungsphänomene bis hin zu den Personenverwandlungen sind im Grunde Bestandteil jener Prozesse, die der Philosoph Hans Blumenberg einmal als „Arbeit am Mythos“ bezeichnet hatte.
Doch für die Deutungen Kaiser Friedrichs II. auf längere Sicht, die bis in unsere unmittelbare Gegenwart reichen, waren Urteile von zwei anderen Autoren von größerem Gewicht, denn deren Auffassungen gerade über Kaiser Friedrich II. haben den Charakter von Leitmotiven bekommen: Jacob Burckhardt (1818–1897) und Friedrich Nietzsche (1844–1900). In dem ersten Kapitel der Kultur der Renaissance in Italien hob Jacob Burckhardt auf die Vorreiterrolle des von Kaiser Friedrich II. geformten Reiches für die Staaten der Renaissance ab und fällte dabei sein nun schon berühmt gewordenes Diktum über den Kaiser, als der „erste moderne Mensch auf dem Throne“. Dieses Motiv erstarrte später zu einem regelrechten Modernitätstopos. Doch Friedrich II. ist bei Burckhardt – im Gegensatz zur landläufigen Meinung und besonders jener in den Feuilletons – gar nicht als ein positiv gedeuteter Herrscher beschrieben worden, denn er sah den Kaiser eher am Beginn jenes Licht- und Schattenspiels einer jegliche traditionelle Legitimation auflösenden Moderne stehen, der der Autor später so skeptisch gegenüber stehen sollte. Der Staat als Kunstwerk ist der Hexenkessel, aus dem der neue Machtmensch dampfend emporsteigen wird und unter dem der Kaiser so richtig eingeheizt haben soll. Und obwohl Friedrich Nietzsche sich nie mit ausführlichen Einschätzungen über Friedrich II. zu Wort meldete, war seine Meinung über diesen Kaiser unter anderem deshalb von so herausragendem Belang, weil es für die Geschichtsauffassungen der um Stefan George versammelten Künstler, darunter Ernst Kantorowicz, so nachhaltig wirkte. Nietzsche hielt Friedrich II. für einen einsamen Helden und im Vergleich zum Hohenzollern-König gleichen Namens galt ihm der Kaiser als der Größere. Kaiser Friedrich II. war eine der monumentalen Persönlichkeiten der Geschichte; und so verstand man den Kaiser ja auch im Georgekreis. Durch die von Nietzsche eher beiläufig getroffenen Aussagen schien durch philosophische Autorität abgesichert zu sein, dass es sich bei Friedrich um einen Herrscher völlig herausgehobenen Zuschnitts im modernen Sinne gehandelt haben muss: Erster moderner Mensch auf dem Thron, erster Europäer und doch Deutscher, Atheist und Genie, das waren die leckeren Köder, nach denen die deutschen Intellektuellen ein ganzes Jahrhundert lang schnappten wie Raubfische nach frischem Fleisch.
Die wirkmächtigsten Deutungen Kaiser Friedrichs II. in der Moderne gab jedoch Ernst Kantorowicz mit seinem Buch Kaiser Friedrich der Zweite. An diesem Werk kann man besonders gut erkennen, dass und wie die Beschäftigung mit einer historischen Figur vornehmlich der eigenen Standortbestimmung und Selbstvergewisserung diente. Zudem wird klar, wie im Rahmen von Burckhardts und Nietzsches Modernitätstopos Kaiser Friedrich II. vom „ersten modernen Menschen auf dem Thron“ zu „jenem feurigen Herrn des Anfangs“ werden konnte, einem nun geradezu faustischen Wegbereiter der Neuzeit, der sich so ganz deutlich von dem „müde[n] Herr[n] des Endes“ den Ernst Kantorowicz hingegen in Barbarossa sah, unterschied. Doch der Autor des heute so oft zitierten, jedoch selten tatsächlich durchgelesenen Buches wollte sein Werk als Kunstwerk verstanden wissen, das eine verborgene Vision durchwirkte. Seit dem Jahr 1910 war die Idee eines „Geheimen Deutschland“ im Sinne eines noch verborgenen und wahren Deutschland zu einem Zentralbegriff in der Gedankenwelt des George-Kreises geworden. Die Künstler um George schufen sich im Geiste die „Traumfigur“ eines Staates, einer ebenfalls als Kunstwerk verstandenen Hülle, in der der kleine Dichterkreis seinen Künstlerstaat gestalten und sich so am Ende zu einer Dichterherrschaft transformieren wollte. Diese Vorstellung projizierte Kantorowicz auf den Hof Kaiser Friedrichs II., wo ein Kaiser eine Dichterschule um sich gebunden hatte, sogar selbst zum Dichter und damit Haupt eines Künstlerstaates geworden sei. Sie wollten damit einem deutschen Sehnsuchtsherrscher ihre Verehrung bekunden, einem, wie Kantorowicz formulierte, „End- und Erfüllungskaiser der deutschen Träume“. Ein Dichterfürst an der Spitze eines Künstlerstaates, das schien doch etwas ganz anderes zu sein, als ein Führer braunhemdigen Pöbelgeschreis.
Diese einprägsamen Zuschreibungen entsprangen keiner Laune, sondern hatten einen logischen Grund. In einer Art Führersehnsucht formte sich der Wunsch nach Verkörperung einer das ganze Volk erfassenden Übereinstimmung in den politischen und gesellschaftlichen Grundlagen, besonders in jener Zeit, als der gesellschaftliche Konsens in der Folge des Ersten Weltkrieges verloren gegangen war. Für die Deutung der Gegenwart suchte man die Geschichte nach einem vorbildhaften Führer ab. Und dieses „Führer“-Ideal schien sich in Friedrich zu verkörpern. Insofern bediente sich Kantorowicz – wie viele andere Autoren in dieser Zeit – einer letztendlich gegenaufklärerischen Polemik, die aus der Furcht der Bildungselite vor der kulturellen und politischen Nivellierung der Massengesellschaft erwachsen war.
Auch in Italien existierten Zuschreibungen von Intellektuellen auf Kaiser Friedrich II. und seinen Großvater Barbarossa, die zwar wie in Deutschland auch hier mit den jeweiligen politischen Vorstellungen und Sehnsüchten der Autoren zu tun haben, aber dennoch so gänzlich andere Einträge beinhalten. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts kam es in Italien aus anderen Gründen als im Norden zu einer völligen Neubewertung der Figur Kaiser Friedrichs II. Geordnete Rechtssprechung, das schien hier das Zauberwort oder besser die Zauberformel, mit der sich Federico bei den Gelehrten des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts in einen bewunderten Staatsmann zu verwandeln begann. Die anstehenden grundlegenden Reformen des Königreiches beider Sizilien hatten in Friedrich eigentlich einen Vorläufer besessen. Mit der im Jahr 1723 erschienenen Istoria civile del Regno di Napoli des Neapolitanischen Advokaten Pietro Giannone (1676–1748) trat die Tendenz auf, Friedrich II. wieder als Vorkämpfer gegen die kirchliche Bevormundung aufzuwerten und seine besonderen Verdienste für die Entfaltung der Jurisdiktion sowie zentraler staatlicher Gewalt in seinem Reich hervorzuheben, was im Übrigen auch als Empfehlung für regierende Monarchen formuliert worden war.
Erst die Einmischung des Papstes seien, so Giannone weiter, letztlich für die Missstände des Südens prägend gewesen, denen Friedrich als eine Art aufgeklärter Herrscher konsequent entgegengetreten sei. Giannones Werk erfuhr englische, französische und deutsche Übersetzungen, wurde von europäischen Intellektuellen wie Gibbon, Voltaire und Montesquieu zustimmend rezipiert und markierte überhaupt den Eintritt Italiens in das Zeitalter der Aufklärung. Der sizilianische Historiker Rosario Gregorio hat dann in seinen Considerazioni sopra la storia di Sicilia dai tempi normanni sino ai presenti – also den „Überlegungen zur Geschichte Siziliens von den Normannen bis in die Gegenwart“, die in den Jahren 1805-1813 erschienen und 1833 eine weitere Auflage erlebten, diesen normannischen und friderizianischen Gesetzen sogar einen Reformcharakter zugewiesen. In den kleinen, hosentaschenformatigen Bändchen konnte der Leser etwas von funktionierender Verwaltung, Rechtssicherheit und Ordnung, ja von neuen Formen des zivilen Rechtslebens erfahren. Und das waren die anderen faszinierenden Stichworte, die man nur allzu gern – und das ja bis heute – der Regierungszeit Friedrichs im Süden zuschrieb.
Der Prozess einer Neubewertung von Friedrichs Herrschaft in Italien, der sich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erstreckte, wurde hauptsächlich von den romantischen Intellektuellen getragen. Es ging dabei um nichts Geringeres als die Idee einer italienischen Nationalgemeinschaft. Ausgangspunkt war das Verhältnis zwischen Kaisertum und Papsttum, welches als namengebende Deutungsfolie die Kämpfe zwischen Guelfen und Ghibellinen durchzog und in der es seit der späthumanistischen Historiographie um die Klärung des Verhältnisses zwischen Fürst und Staat ging. Anfangs sah man in Friedrich den aufgeklärten und staatsordnenden Gesetzgeber, dessen Schöpfungen in der Tradition der normannischen Rechtssetzungen fortschrittlicher gewesen seien, als diejenigen der eigenen Zeit. Dieser Diskurs war noch relativ frei von einer gesamtnationalen Grundstimmung und der Maßstab des historischen Urteils über den König der Sizilianer ist zunächst lediglich aus juristischen Gründen bemessen worden.
Ähnlich wie in Deutschland kam aber in der Auswirkung der französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen das Nationale in die Diskussion. Das nun hinzutretende Problem bestand darin, nicht nur den Gesetzen, sondern auch der nationalen Identität eine Grundlage und eine historische Tiefe zu verleihen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden nun die Zusammenhänge zwischen einem gemeinsamen italienischen Idiom und einer politischen Einheit als immer enger angesehen. Da die sprachliche Gemeinschaft der Einheit der Nation vorauszugehen hatte, suchte man nach den Ursprüngen der italienischen Literatursprache. Dantes Urteil über die sizilische Dichterschule wurde von Ugo Foscolo (1778–1827) und Luigi Settembrini (1813–1876) aufgegriffen und hochpolitisch ausgedeutet. Friedrich nämlich habe angestrebt, so Foscolo, „Italien unter einem Fürsten, einer einzigen Regierungsform und mit einer einzigen Sprache zu vereinen; und es seinen Nachfolger als die mächtigste unter den europäischen Monarchien zu übergeben“. Das war ziemlich deutlich in Richtung eines frühen Nationalkönigtums gedacht. Und Settembrini formulierte noch prägnanter, dass „allein Friedrich II. die Einheit Italiens zu schaffen“ vermochte, „weil er die Kraft, das Recht, die Seelenstärke hatte, weil er als Italiener geboren und erzogen worden war, weil er sein Reich hier haben wollte.“ Zudem habe Friedrich ganz Italien erobern wollen, „um Deutschland als Grenzprovinz zu halten, und hoffte, den Papst auf die Stellung eines Patriarchen von Konstantinopel herabstufen zu können.“ Sizilien sei eben „der erste Organismus des neuen Italien“ gewesen, denn hier sei „die Monarchie geordnet“ worden. Nicht nur Impulsgeber für die nationale Sprache und Literatur also sei Friedrich gewesen, sondern Verfechter eines starken, antiklerikalen-laizistischen Staates, mithin also jener Verfasstheit, die man sich für die Gegenwart so sehr wünschte. Diese Vorstellungen begleiteten dann die italienischen Intellektuellen in den weiteren Jahrzehnten in hohem Maße, zumal ja nun nach 1870 die Einheit und Freiheit Italiens vollendet zu sein schien.
Ganz anders Jedochder Großvater: Friedrich I. Barbarossa diente dem Risorgimento als klar gezeichnetes Feindbild, denn er galt als direkter Vorläufer der verhaßten habsburgischen Monarchie. Seine Niederlagen gegen die italienischen Kommunen wurden im großen Stil gefeiert, in manchen Gegenden sogar bis heute. Als Feind städtischer Freiheiten war Barbarossa geradezu zu einer Art Buhmann im Vergleich zu seinem Enkel geworden.
Neben Denkmalen und Ritualen sind es vor allem Schullehrbücher, die auf breiter Basis Mythen in das jeweilige nationale Bewusstsein einsenken. Auch für unsere Zeit gilt das. In einem 1978 in Italien für höhere Schulen konzipierten Lehrbuch über des Mittelalter heißt es: „Friedrich II. […] setzte sich dafür ein, dass aus den drei Italien – d.h. dem Königreich Sizilien, dem Kirchenstaat und den nördlichen Stadtkommunen – ein einziges, seiner absoluten Macht ganz anheim gegebenes Italien erwüchse.“ Kaiser Friedrich II. konnte von Glück reden, dass er in Deutschland hinsichtlich der Nationalerwartung durch seinen Großvater Barbarossa ersetzt worden war, denn zwei Nationen getrennt von einander zu einen, das ist selbst für einen Imperator ziemlich viel verlangt. Oder hätte er es doch vermocht? Arnold Esch glaubte in den 1990er Jahren zu spüren, dass „Friedrich II.“, der einzige deutsche Herrscher sei, „den die Italiener gern mit uns teilen würden.“
Das achthundertste Jubiläum des Geburtstages Friedrichs II. diente als Anlass zu vielfältigen Rückblicken. Für Italien könnte man geradezu von einem Anno Federiciano sprechen, in dem man den Kaiser am liebsten auch sogar hätte klonen wollen, weil man dem wiederbelebten Herrscher die größte Kompetenz zur Lösung der Probleme des Südens zutraute. In Deutschland blieb es bei eher regionalem Gedenken hauptsächlich im Südwesten des Landes. Doch werden zukünftig immer noch jene Zuschreibungen, die den Kaiser als ersten Europäer, als modernen Menschen, als rationalen Denker ausweisen, ihre Bedeutung behalten? Für den Umgang und die Auseinandersetzung mit der islamischen Kultur, für den Clash of civilisations, glaubte man eine Zeit lang mit einem Multi-Kulti-Toleranzkaiser gut aufgestellt zu sein. Ein abendländisch-christlicher Kaiser als eine Art „Sultan von Lucera“ jenseits der nationalen Grenzen, ein faszinierender Gedanke für die Lösung tagespolitischer Konflikte. Doch leider sind auch das nur Zuschreibungen, und es war nicht neu. Schon Stefan George hatte den Herrscher in seinem Gedicht Die Gräber in Speier im Geiste einer Orientsehnsucht gefeierte: „Der Grösste Friedrich, wahren volkes sehnen / Zum Karlen- und Ottonen-plan im blick / Des Morgenlandes ungeheuren traum / Weisheit der Kabbala und Römerwürde / Feste von Agrigent und Selinunt.“
Literatur: Hubert Houben, Kaiser Friedrich II. (1194 –1250). Herrscher, Mensch, Mythos. Stuttgart 2008. Olaf B. Rader, Friedrich II. Der Sizilianer auf dem Kaiserthron. Eine Biographie. München 2010. Marcus Thomsen, „Ein feuriger Herr des Anfangs …“ Kaiser Friedrich II. in der Auffassung der Nachwelt. Ostfildern 2005.
Prof. Dr. Olaf B. Rader
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