Die nonverbale Kommunikation über Gesten ist keine Erfindung der Neuzeit: Schon unsere frühen Vorfahren nutzten vermutlich Handzeichen zur wortlosen Verständigung. Die heute in der ganzen Welt verwendeten Gebärdensprachen entstanden jedoch viel später: Ein Großteil von ihnen wurde im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert entwickelt. Dabei entstand aus Buchstabenzeichen nach und nach ein komplexes System aus Wortzeichen mitsamt grammatikalischer Varianten.
Subtile Unterschiede verraten den Stammbaum der Gebärdensprachen
Doch wo liegen die Ursprünge der verschiedenen modernen Gebärdensprachen? “Während die Evolution gesprochener Sprachen seit mehr als 200 Jahren untersucht wird, steckt die Erforschung der Entwicklung von Gebärdensprachen noch in ihren Kinderschuhen,” sagt Erstautor Justin Power von der University of Texas in Austin. “Vieles, was wir über die Geschichten der heute gebräuchlichen Gebärdensprachen wissen, beruht auf historischen Quellen, welche den Kontakt zwischen Institutionen von Gehörlosen und Lehrkräften beschreiben. Wir wollten wissen, inwiefern ein Vergleich von Gebärdensprachen mit Hilfe von aktuellen und historischen Quellen neues Licht auf die Entwicklung und Ausbreitung europäischer Gebärdensprachen werfen könnte.”
Für ihre Studie führten die Forscher eine vergleichende Analyse von 40 modernen und 36 historischen manuellen Alphabeten durch. Dabei verglichen sie subtile Abwandlungen der einzelnen Gebärden zwischen den Sprachen – ähnlich wie ein Genetiker Mutationen im Erbgut vergleicht. “Sowohl in der biologischen wie auch in der linguistischen Evolution werden Merkmale von Generation zu Generation weitergegeben”, erklärt Power. Dabei kommt es aber immer wieder zu kleinen Veränderungen. Je ähnlicher sich einzelne Gesten in den verschiedenen Gebärdensprachen sind, desto eher spricht dies daher für eine enge Verwandtschaft und einen gemeinsamen Ursprung.
Paris als europäisches Zentrum der Aufklärung und der Gebärdensprache
Die Ergebnisse bestätigen die enge Verknüpfung der europäischen Aufklärung und ihrer Bildungsideale mit der Ausbreitung und Weiterentwicklung der Gebärdensprachen. “Die Gründung von Bildungseinrichtungen für Gehörlose begann während der Aufklärung im Europa des späten 18. und 19. Jahrhunderts”, erklären Power und sein Team. Eines der Zentren dieser aufklärerischen Bildung war damals Paris: “Der Erfolg der ersten öffentlichen Schule für Gehörlose, dem zwischen 1759 und 1771 gegründeten Institut National de Jeunes Sourds de Paris, zog Pädagogen aus ganz Europa und der Neuen Welt an”, so die Forscher. “Die Erzieher kamen an das Pariser Institut, um pädagogische Methoden zu lernen und dann eigene Gehörlosenschulen in ihren Heimatländern zu gründen.” Auch die Schüler des Instituts kamen aus ganz Europa und trugen so zur Ausbreitung der dort praktizierten Gebärdensprache bei.





