Die Frage, wie Menschen früher mit Krankheit und Behinderungen umgingen, kann einiges über die Vorstellungen, Lebensweisen und sozialen Rahmenbedingungen einer vergangenen Ära verraten. Allerdings ist es oft nicht einfach, ein klares Bild zu erhalten. Im Mittelalter beispielsweise gingen religiöse, juristische und soziale Bewertungen oft auseinander oder widersprachen sich in Teilen sogar.
Zwischen Strafe Gottes und Schmerzensgeld
„Die religiösen Ansichten über körperliche Behinderungen waren zu dieser Zeit komplex: Sie konnten sowohl als Strafe Gottes angesehen werden als auch als göttlicher Test, der Buße erforderte“, erklären Blair Nolan von der Universität Lund in Schweden und seine Kollegen. „Die übergeordnete Idee war jedoch, dass körperliche Behinderungen gottgegeben waren. Die Betroffenen galten als sündige Seelen und wurden daher häufig sozial ausgeschlossen.“ Auf der anderen Seite sammelte die Kirche Spenden für Arme und Versehrte und predigte Barmherzigkeit.
Auch Gesetzesbücher der damaligen Zeit geben Hinweise auf den Umgang mit Behinderungen. Im dänischen Recht des 12. bis 13. Jahrhunderts gab es beispielsweise klare Vorgaben dazu, wie eine durch eine Gewalttat verursachte Verletzung zu kompensieren sei. „Das Gesetz definierte die Schwere einer Behinderung dabei nicht nur durch das Ausmaß der Beeinträchtigung, sondern auch durch deren Sichtbarkeit“, erklären Nolan und sein Team. „Eine Verletzung, die durch Haare, Kopfbedeckungen oder Kleidung verdeckt werden konnte, wurde als weniger schwerwiegend angesehen.“ Gleichzeitig sah das mittelalterliche Recht bei einigen Verbrechen auch die Amputation bestimmter Körperteile als Strafe vor, beispielsweise durch das abhacken einer Hand oder der Nase, In solchen Fällen war die Behinderung ganz klar ein Hinweis auf die kriminelle Vergangenheit der Person – und ebenfalls Grund für einen sozialen Ausschluss.
Doch was bedeutete dies im Einzelfall, beispielsweise für einen Menschen, der durch Unfall eine körperliche Behinderung davontrug? Ob dieser in der mittelalterlichen Gesellschaft automatisch diskriminiert oder sogar ausgeschlossen wurde oder nicht, ist noch kaum erforscht. „Soziale Normen im Hinblick auf körperliche Beeinträchtigungen und Behinderung aus religiösen und rechtlichen Texten abzuleiten, ist schwierig, da diese eine idealisierte Perspektive darstellen“, erklärt Nolan. „Wir können unser Verständnis von Behinderung und Identität aber durch detaillierte osteologische und archäologische Analysen bereichern.“
Ein Fallbeispiel aus dem mittelalterlichen Lund
Ein Fund im Gräberfeld der mittelalterlichen Trinitatiskirche von Lund hat Nolan und sein Team diese Chance geliefert. Es handelt sich um das Skelett eines jungen, etwa 30-jährigen Mannes, der im späten Mittelalter zwischen 1300 und 1536 lebte. Untersuchungen seiner Knochen enthüllten, dass dieser Mann rund zehn Jahre vor seinem Tod einen schweren offenen Bruch im unteren Teil seines linken Oberschenkelknochens, direkt am Knie erlitten hatte. Als Folge war sein Bein seitlich abgeknickt und vermutlich nur noch eingeschränkt beweglich. „Das Bruchmuster und der Winkel sprechen dafür, dass dieser Bruch durch einen heftigen Aufprall von der Seite verursacht wurde“, berichten die Archäologen. Möglicherweise wurde der Mann von einem Pferd getreten oder von einem schweren Gegenstand getroffen.





