Angesichts der anhaltenden Diskussionen um die Auewälder ist weitergehendes Wissen über historische Landschaftszustände am Oberrhein sehr gefragt. Gut erforscht sind die Maßnahmen der Rheinkorrektion durch den Ingenieur Johann Gottfried Tulla. Tulla hatte zur Verhinderung von Überschwemmungen einen Korrektionsplan entwickelt, nach dem zwischen 1817 und 1876 von ihm und seinen Nachfolgern eine großangelegte Begradigung des Flusslaufes vorgenommen wurde. Hierfür wurden die großen Fluss-Schleifen, die Mäander, mit „Durchstichen“ versehen. Außerdem wurde der Flusslauf vertieft und wurden Dämme als Schutz gegen Überschwemmungen gebaut.
Bisher wenig erforscht wurde dagegen die Landschaftsveränderung am Rhein vor Tullas Korrektion. Hier führen die Forschungen an der Forstlichen Versuchsanstalt in Freiburg weiter. Dies wird ermöglicht durch den systematischen Einsatz historischer Kartenwerke. Mit den Techniken des Geo-Informationssystems (GIS) wurden Karten des Oberrheins aus dem 18. und 19. Jahrhundert so „entzerrt“, dass deren Inhalte mit Informationen aus heutigen topographischen Karten vergleichbar werden.
Bisher unbekannt und spektakulär ist etwa die Erkenntnis, dass Frankreich schon um 1700 zwischen Basel und Karlsruhe vielfach systematisch die Verlegung des Rheins nach Osten auf deutsches Gebiet betrieben hat. Diese Politik Frankreichs zielte auf territoriale Geländegewinne ab. Überörtliche Dammsysteme und Ablenkbauwerke im Elsass sowie eine dauerhafte militärische Sicherung der Flussverlegungen sorgten für große Geländegewinne in Frankreich und den Abtrag größerer Landflächen in Baden.
Dies bedeutete konkret, dass Frankreich neue Äcker, Wiesen und Wälder hinzugewann, während Baden fruchtbares Acker- und Gartenland durch Abschwemmung verlor. Ein Beispiel ist die Verlegung des Rheins südlich von Breisach bei Steinenstadt zwischen 1743 und 1838. Weitere Beispiele solcher Verlegungen konnten durch die Kartenanalyse bei Breisach, Sasbach, Wyhl/Weisweil, Rhinau/Wittenweier, Meißenheim, Altenheim, in der Umgebung von Straßburg und bei Fort Louis (Helmlingen, Greffern, Söllingen) nachgewiesen werden.
Die Rheinkorrektion durch Tulla nach 1840 besiegelte diese frühen Geländeveränderungen dann zu Lasten des Großherzogtums Baden. Baden hatte allerdings auch Vorteile aus der Korrektion. Die zuvor kaum kontrollierbaren Flussverlegungen mit ihren Überschwemmungen hörten auf, der ein bis zwei Kilometer breite Fluss wurde auf 200 Meter verengt. Im alten Flussgebiet legte man neue Auewälder, Wiesen und Äcker an. Insgesamt verbesserten sich die Ernährungs- und die Rohstoffbasis, die Hochwassersicherheit, die Bedingungen für die Schifffahrt und für die Gesundheit der Gemeinden am Rhein.
Wenden wir den Blick nun auf das Gebiet nördlich von Karlsruhe an die Grenze zwischen Baden und der Pfalz, so gab es hier vor der Rheinkorrektion nur kleinere systematische Flussverlegungen nach Osten. Dagegen fanden Landschaftsveränderungen im großen Maßstab statt. Beiderseits des Rheins befanden sich um 1790 ausgedehnte Dammsysteme. Sie verengten die Überschwemmungsbreite des Flusses in der etwa zehn Kilometer breiten Rheinaue auf ein bis zwei Kilometer. Nach 1750 wurden neue Flächen durch Dammbauten fast überschwemmungsfrei. Hier wurde der Auewald gerodet und in Wiesen und Äcker umgewandelt. In knapp 30 Jahren zwischen 1797 und 1825 gab es rasche Fortschritte bei der Ausweitung der Dämme, begleitet von rasanten Verlusten an Auewald. Die Landschaftsveränderungen in den Jahrzehnten vor der Rheinkorrektion sind im historischen Übersichtsplan für die Rheinkorrektion von 1825 eingezeichnet. Er enthält auch die geplanten „Durchstiche“ durch die Rheinschlingen bei Germersheim und Philippsburg.





