Im Jahr 1905 entdeckte der Assyriologe Hugo Winckler bei dem türkischen Dorf Bogazköy die Hauptstadt der Hethiter, Hattuscha, wieder und hob über 10000 hethitische Schriftdokumente ans Tageslicht. Zehn Jahre später, am 15. November 1915, trug Bedrich (Friedrich) Hrozny in Berlin seine Entzifferung der Texte vor und bewies, daß das Hethitische eine (inzwischen ausgestorbene) indogermanische Sprache war. Als die Reichskorrespondenz der hethitischen Großkönige in den Folgejahren gelesen und aufgearbeitet wurde, fiel in den Dokumenten immer wieder eine Landesbezeichnung Wilusa auf. Der Name klang verdächtig an das homerische Ilios an, die zweite Bezeichnung Troias bei Homer, von der die „Ilias“ ihren Namen hat. Man wußte längst, daß Ilios im Griechischen nicht die ursprüngliche Form des Namens ist; der authentische Name hatte vielmehr Wilios gelautet. Kühn, aber folgerichtig setzte daraufhin bereits 1924 der Indogermanist Paul Kretschmer die beiden Namen gleich. Die Fachgenossen blieben unentschieden. Als aber in den hethitischen Dokumenten immer weitere Belege des „Landes Wilusa“ auftauchten – inzwischen sind es über 20 –, begann man, auch den 21 Para- graphen umfassenden Vertrag des hethitischen Großkönigs Muwatalli II. (ca. 1290–1272 v. Chr.) mit einem gewissen König Alaksandu von Wilusa aufmerksamer zu betrachten. Die Gleichsetzungsverführung wurde immer größer. Den letzten Schritt zu tun verhinderte allein ein Umstand: Man wußte nicht genau, an welcher Stelle des hethitischen Herrschafts- und Einflußbereiches Wilusa zu lokalisieren war. 1996 wurde das Hindernis beseitigt. Der Tübinger Hethitologe Frank Starke wies in penibler Auswertung neuer Dokumente nach, daß mit Wilusa nur jenes Gebiet gemeint sein kann, das wir mit den Griechen als Troás bezeichnen, also das Gebiet um Troia an den Dardanellen. Während Starkes Aufsatz für den Jahrgang 1997 der Zeitschrift „Studia Troica“ noch im Druck war, wurde seine Entdeckung von zwei anderen Seiten her und aus anderem Material heraus glänzend bestätigt…
Prof. Dr. Joachim Latacz





