Millionäre sind öffentlichkeitsscheu – das war auch vor gut 100 Jahren nicht anders. Kein Wunder daher, dass es massive Beschwerden und sogar Anklagen gab, als der ehemalige preußische Regierungsrat Rudolf Martin (1867–1939) im Jahr 1911 erstmals sein „Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre in Preußen“ veröffentlichte. In ihm listete Martin nicht nur Namen und Vermögensstand der preußischen Vermögenselite auf, er lieferte auch Adressen und ausführliche Angaben zu ihren Biografien.
„Martin gab folglich den Zahlen der amtlichen Statistik ein Gesicht. Wohnort, Branche, Herkunft, Familienstand und Alter vermittelten ein soziales Bild der Millionäre. Vermögen wurde also gleichzeitig individuell als auch innerhalb einer größeren sozialen und ökonomischen Entwicklung zuordenbar“, erklärt die Historikerin Eva Maria Gajek vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung. Sie hat die „Millionärs-Jahrbücher“ von Martin und ihren Kontext in den letzten Jahren umfassend erforscht.
Millionärslisten in Kartenform visualisiert
Jetzt gibt es auch visuelle Einblicke in die Welt der Reichen im Deutschen Kaiserreich: Gajek hat gemeinsam mit der Soziologin Daria Tisch vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung nun die Daten aus Martins zwischen 1912 und 1914 veröffentlichten Jahrbüchern systematisch digitalisiert und räumlich verortet. Erfasst wurden alle Personen mit einem Vermögen ab zwei Millionen Mark. Im Deutschen Kaiserreich mit seinen rund 68 Millionen Einwohnern gab es demnach rund 4500 Millionäre - statistisch kam damit auf rund 15.000 Einwohner ein Millionär.
Auf Basis dieser Daten entstanden drei interaktive und zoombare Karten: Eine Vermögenskarte zeigt, wo die Wohlhabendsten wohnten. Eine Berufskarte visualisiert, welchen Berufs- und Sozialgruppen die Millionäre angehörten. Eine dritte Karte macht beispielhaft die familiären Beziehungen von Kölner Millionären sichtbar. Die Karten ermöglichen es, nach Berufen oder Vermögen zu filtern, Adressen zu suchen und bis in einzelne Straßen zu zoomen. Die Karten enthalten außerdem Informationen dazu, ob Nachfahren der damaligen Vermögenden heute noch in aktuellen Vermögensrankings vertreten sind.
Berlin hatte die meisten Millionäre
„Die Karten machen räumliche Muster sichtbar, die in Listen oder Tabellen kaum erkennbar sind: die Konzentration von Wohlstand, die Nähe bestimmter Vermögensgruppen zueinander und die besondere Bedeutung einzelner Straßen und Viertel für die Vermögenselite des Kaiserreichs“ sagt Gajek. „Dank der Daten von Rudolf Martin wissen wir über die Reichen vor 100 Jahren mehr als über die Reichen von heute.“
So zeigt die Vermögenskarte zum Beispiel, dass in Berlin 838 Millionäre wohnten – es war die Stadt mit der größten Anzahl von Reichen im Kaiserreich. Deren Villen konzentrierten sich im Tiergartenviertel, einem im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstörten Teil Berlins. Heute stehen in diesem Viertel viele Botschaftsgebäude. Nach Berlin folgten die Handelsmetropole Hamburg mit 337 Millionären und die Finanzmetropole Frankfurt am Main mit 235 Millionären. Dies zeigt, dass sich die Vermögenselite im Deutschen Kaiserreich auf mehrere wirtschaftliche Zentren verteilte. In Frankreich konzentrierten sich die Millionäre dagegen vor allem in Paris.
Prägend bis heute
Die digitalen Karten eröffnen auch neue Perspektiven auf die Entstehung exklusiver Wohnlagen und die räumliche Trennung von Arm und Reich, die viele Städte bis heute prägt. Sie entstanden im Rahmen eines Forschungsprojekts, das die räumlichen und kulturellen Dimensionen von Reichtum in Deutschland vom Kaiserreich bis in die Gegenwart untersucht. Die Karten machen einige dieser Zusammenhänge sichtbarer – und können so auch die weitere Forschung unterstützen. „Unser Datensatz ist frei verfügbar und kann mit Informationen ergänzt werden, um die verschiedenen Facetten von Vermögensungleichheit genauer zu untersuchen“, sagt Tisch.
Die digitalen Karten zur Reichtumsverteilung finden Sie hier
Quelle: Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS); Projekt: „RichMap – Where the Rich Live“





