„Der Alexanderplatz und der Breitscheidplatz sind durch die jüngere deutsche Geschichte Orte, die über ihre gebaute Realität hinaus stark mit Bedeutungen, Zuschreibungen und Identitäten aufgeladen sind“, begründet Harald Engler, stellvertretender Leiter der Historischen Forschungsstelle des IRS, die Auswahl beider Plätze für das Projekt „Freiraumgestaltung als Urbanisierungsstrategie zwischen Herrschaft und Öffentlichkeit im deutsch-deutschen Vergleich“, das Ende 2014 abgeschlossen wurde. „Sie wurden ab den 1960er Jahren als Schaufenster ihrer politischen Systeme geplant und sollten weniger für politische, sondern vornehmlich als Freizeit-, Konsum- und Vergnügungszentren genutzt werden.“ Nach der Wende sei eine Konkurrenz beider Plätze um den Begriff der Mitte der Stadt entstanden, der die Unterschiede in den Bedeutungszuschreibungen noch verstärkt hat.
Ein stark polarisierender Blick auf die Geschichte sei jedoch nicht angebracht, so Engler. Trotz der unterschiedlichen historisch-räumlichen Voraussetzungen – die Enge des alten Auguste-Viktoria-Platzes und die Großformatigkeit der sozialistischen Entwürfe für die Freiflächen am Alexanderplatz – konstatiert er überraschende Parallelen in der Planung. Beide waren in erster Linie keine politisch besetzten Orte, sondern Knotenpunkte des Konsums und der Unterhaltung. Der Alexanderplatz bildete mit dem Vorplatz des Fernsehturms die größte Flaniermeile der DDR, eine ähnliche Bedeutung hatte der Breitscheidplatz als Scharnier zwischen den Konsum- und Amüsiermeilen von Tauentzienstraße und Kurfürstendamm.
Durch die Schaufensterfunktion beider Orte wurden die Freiräume sorgfältig und in hoher Qualität geplant und bebaut, auch die beiden großen Solitäre – Fernsehturm und neue Gedächtniskirche – tragen in ähnlicher Weise zur Identitätsbildung bei.
„Wir haben uns im Projekt insbesondere die Aneignung beider Plätze angeschaut, also über Fotos, Filme und Alltagsbeschreibungen rekonstruiert, wie die Bürger sie genutzt haben und wie die Identitäten geformt wurden“, sagt Engler. Auch hier sieht er Gemeinsamkeiten: Der Konsum- und Freizeitnutzung folgte in den 1970er und 1980er Jahren eine nennenswerte Aneignung durch subkulturelle, oppositionelle und sozial vermeintlich randständiger Gruppen. Am Breitscheidplatz formierten sich Proteste in der Anti-Vietnam-Ära, auch die Studentenproteste suchten teilweise explizit diesen Ort auf. Dazu kamen „Gammler“ und Drogenabhängige, die immer wieder im Konflikt mit der West-Berliner Polizei standen.
Am Alexanderplatz spielte sich – mit anderer Nuancierung durch den DDR-Kontext – Vergleichbares ab: Die Skaterszene um den Fernsehturm trug anarchische Elemente in die Nutzung ein, es bildete sich eine Schwulenszene um die Besenbar heraus und Punks suchten den Alexanderplatz explizit als Bühne. Hier reagierte die sozialistische Ordnungsmacht allerdings durch harte Polizeieinsätze und „Alex-Verbote“, die im Pass eingetragen wurden, und mit einer deutlich intensiveren Überwachung des Platzes. „Die politische Zuspitzung durch die Demonstrationen Ende der 80er Jahre ist natürlich eine einmaliges Phänomen am Alexanderplatz“, so Engler.





