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Wohltäter und Antisemit
Seit Jahren tobt in Wien ein Denkmalstreit um den legendären Bürgermeister und Antisemiten Karl Lueger, im Amt von 1897 bis 1910, an den ein gigantisches Monument erinnert. Bis heute sind sich die Wiener uneins, ob sie den Wohltäter Lueger preisen oder den Judenhasser Lueger verdammen sollen.
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Noch steht er, in doppelter Lebensgröße und in Bronze, an einer stark frequentierten Stelle im Zentrum Wiens, die seit rund 100 Jahren seinen Namen trägt: am „Dr.-Karl-Lueger-Platz“ an der Ringstraße. Das Denkmal zeigt einen Bürgermeister in der pathetischen Machtpose eines Kaisers: mit erhobenem Kopf, den visionären Blick in den Himmel gerichtet, das mächtige Kinn vom Vollbart überwuchert, die zupackenden Hände wie zum Schwur ans Herz gelegt. Nur der elegante, knielange Gehrock scheint ihn um den Bauch herum ein wenig zu zwicken.
Das Monument, mit Stufenanlage rund zehn Meter hoch, ist eine einzige Machtdemonstration. Der Erbauer Josef Müllner stellte den bronzenen Lueger auf einen achtkantigen Marmorsockel, zu seinen Füßen gruppierte er vier lebensgroße Figuren, die seine Reformpolitik symbolisieren: Ein junger Arbeiter mit Gasrohr steht für die Kommunalisierung der Energieversorgung; ein Greis für die Altenbetreuung; eine trauernde Mutter mit Kind für Witwen- und Waisenfürsorge; und ein junger Landarbeiter für den Grüngürtel rund um Wien.
Jüngst protestierten auch Holocaust-Überlebende
Lueger gilt bis heute als Leitfigur des politischen Antisemitismus in Österreich. Dass er 112 Jahre nach seinem Tod in Wien noch immer einen Ehrenplatz einnimmt, stößt in der breiten Bevölkerung kaum auf Widerstand. Jedoch läuft seit rund zehn Jahren in akademischen Kreisen, in der Wiener Kultusgemeinde und der studentischen Jugend eine Debatte über den Abriss des Denkmals. Mitte Mai 2022 startete eine neue Initiative eine Aktion, seither ist das Standbild an mehreren Stellen mit dem anklagenden Wort „Schande“ in knallroter Farbe besprüht. Jeden Montag wird auf den Stufen eine Lesung vor Publikum gehalten, die vorgetragenen Originalzitate Luegers werden mit rituellen Buhrufen quittert.
Unterstützt werden die friedlichen Denkmalstürmer auch von prominenten Holocaust-Überlebenden und Emigranten, die vor den Nazis fliehen mussten: unter anderen Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel und der Schriftsteller Georg Stefan Troller, beide gebürtige Wiener. In einem offenen Brief an den sozialdemokratischen Bürgermeister Michael Ludwig schreiben die Unterzeichneten: „Es schmerzt uns, dass Karl Lueger, einer der prononciertesten Antisemiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, immer noch im Herzen Wiens geehrt wird. Wir sind der Überzeugung, dass der Platz umbenannt und das Ehrenmal entfernt werden muss. Die Untätigkeit der Stadt in dieser Sache – trotz lang anhaltender öffentlicher Debatte – ist beschämend.“
Um 1910 lebten in der Donaumonarchie knapp drei Millionen Juden, in Wien etwa 150 000; heute sind es in Österreich laut der Wiener Kultusgemeinde noch 7000.
Das Lueger-Denkmal war von Anfang an umstritten, es gab Massenproteste der Arbeiterbewegung, die liberale und sozialdemokratische Opposition entsetzte sich über den maßlosen Personenkult, der in Luegers Todesjahr 1910 den Höhepunkt erreicht hatte. Die linke sowie die jüdische Presse spotteten ausgiebig über die Spendenaktion, die monatelang nur Trinkgeldbeträge einbrachte. Selbst gutbetuchte christsoziale Anhänger geizten. Die „Arbeiter-Zeitung“ bedauerte schon schadenfroh, „dass das Denkmal für den großen Bürgermeister sehr klein ausfallen“ werde. Doch dann füllte sich der Spendentopf schlagartig, dank „jüdischer Großspender“, wie die „Jüdische Zeitung“ zu berichten wusste – und dies sarkastisch kommentierte: „Erst als die Juden von der Notwendigkeit überzeugt wurden, dass dem tückischen Verleumder ihres Volkes eine grandiose Denksäule gebühre, schwoll der Denkmalfonds mächtig an.“ Das antisemitische Wien fühlte sich blamiert, die christlichsoziale „Reichspost“ stammelte verschämt, Luegers kommunale Leistungen kämen ja auch der jüdischen Bevölkerung zugute.
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Der Kaiser will keinen Judenhasser als Bürgermeister der Hauptstadt
Seine antisemitischen Ausfälle sind heute, mit dem Wissen um den Holocaust, unfassbar und unerträglich, waren aber zu seiner Zeit „salonfähig“, wie man in Wien mit zynischer Lockerheit zu sagen pflegt. So polemisierte Lueger mehrmals im Reichsrat, dem damaligen Parlament: „Ich werde erst glücklich sein, wenn der letzte Jud’ aus Wien verschwunden ist.“ Warum dann zu seinem Bekanntenkreis auch reiche Juden gehörten?, stichelte die Presse. Lueger blaffte zurück: „Wer a Jud’ is, bestimm i.“ In Geldfragen erwies er sich als durchaus geschmeidig.
Auch das kommunale Wahlgesetz stutzte er für seine Machtinteressen zusammen. Stimmrecht hatten ausschließlich Männer über 24 Jahren und nur Wohlhabende mit entsprechender Steuerleistung und Parteizugehörigkeit; also wurde es der überwiegenden Mehrheit der Wiener Bevölkerung schlicht verweigert; Juden sowieso, egal, ob Bettler oder Millionär.
Sein mächtigster Gegner war kein Geringerer als der Kaiser. Denn am Hof waren die von Lueger und seinen Anhängern immer wieder verunglimpften finanzstarken Wiener Juden als Investoren und Steuerzahler sehr geschätzt. Zudem schmähte Lueger auch die Ungarn pauschal als „Judäo-Magyaren“ und lehnte somit auch den sogenannten Ausgleich von 1867 ab – jenen Vertrag, aus dem die neugeschaffene Donaumonarchie hervorgegangen war und der das Haus Habsburg vor dem drohenden Untergang bewahrt hatte.
Vor diesem Hintergrund schmetterte der Kaiser deshalb dreimal mit einem zornigen „Niemals!“ die Ernennung Luegers zum Bürgermeister seiner Residenzstadt ab, obwohl Luegers Christlichsoziale Partei jeweils einen klaren Wahlsieg errungen hatte. Am 16. April 1897, nach zwei Jahren, musste aber selbst der Kaiser klein beigeben und das Dekret unterzeichnen.
Wie es dazu kam, ist eine einzige Groteske: Der Wiener Klerus hatte bei Papst Leo XIII. (1878 –1903) Beschwerde eingelegt, er möge Luegers Antisemitismus als „unkatholisch“ ächten, weil er damit das Kirchenvolk und die niedere Priesterschaft zur „Insubordination“ aufhetze. Der Papst antwortete jedoch abschlägig und ließ Lueger wissen, er habe in Rom einen „wahren Freund“. Mit dem Segen des Papstes in der Tasche, konnte ihm der Kaiser den seinen nicht mehr verweigern. Andernfalls wäre Luegers politische Karriere womöglich zu Ende gegangen; insofern hatte der Papst tief in die Geschichte Wiens eingegriffen – vermutlich nicht ganz ahnungslos.
Luegers politischer Aufstieg war keineswegs vorgegeben. Geboren am 24. Oktober 1844, wuchs der Bub unter ärmlichen Verhältnissen auf. Die Eltern lebten äußerst bescheiden, um den Bildungsweg des überaus begabten Sohnes zu finanzieren. Dank einer Beziehung seines Vaters, eines Schulwarts, zu höherer Stelle konnte Karl das Theresianum, das Wiener Elite-Gymnasium, besuchen. Danach studierte er Jura und eröffnete mit 30 Jahren seine eigene Anwaltskanzlei. Doch bald zog es ihn in die Politik: Über Kommunal- und Regionalwahlen kam der ursprünglich den Liberalen zugeneigte Lueger im Jahr 1885 in den Reichsrat.
Doch seine Zukunft sah er als „Kaiser von Wien“: 1893 gründete er die Christlichsoziale Partei (CS), um für das Amt des Wiener Bürgermeisters zu kandidieren. „Lueger war eine Bühnenerscheinung, ein Politiker von neuem Stil“, schreibt die Wiener Historikerin Elisabeth Heimann in einem Aufsatz. Er gewann Sympathien allein schon, weil er mit den einfachen Leuten Wiener Dialekt sprach. Die politischen Debatten verlagerten sich von den Salons und Kaffeehäusern in die Bierstuben und auf die Straßen. Er war der erste Politiker, der massenhaft Bildchen von sich selbst und kitschige Devotionalien unters Volk streute.
Vier Jahre später war Lueger Herr im Wiener Rathaus und sollte es 13 Jahre lang bleiben. Seine Anhänger priesen ihn als „Herrgott von Wien“ und schrien verblendet Sätze wie diesen heraus: „Der Lueger soll regieren, und die Juden sollen krepieren!“ Viele Frauen waren verzückt vom Junggesellencharme des „schönen Karl“ und verstanden nicht, warum dieser, mittlerweile 53 Jahre alt, partout nicht heiraten wollte. Seine politischen Gegner, Liberale, Sozialdemokraten und Gewerkschaften, bekämpften ihn verbissen, kamen aber gegen seine Verführungskunst und Popularität nicht an.
Ein Hetzer durch und durch – und Vorbild Adolf Hitlers
Bis heute hält die Diskussion an, ob Lueger ein überzeugter Antisemit gewesen sei oder „nur“ ein skrupelloser Populist, der aus reinem Machtkalkül gegen Juden hetzte. Erst gegen Ende seines politischen Lebens äußerte sich Lueger Mitstreitern gegenüber zu dieser Frage: Er habe den Antisemitismus nur als Köder benützt, um die Massen zu gewinnen. „Wenn man aber einmal oben ist, kann man ihn nicht mehr brauchen, denn das ist ein Pöbelsport“, soll er gesagt haben.
Doch diese vermeintliche Erkenntnis war wenig glaubhaft. Denn der Antisemitismus zählte von Anfang an zur politischen DNA der Christsozialen. Bereits am 5. Dezember 1895 – Lueger war noch nicht Bürgermeister – wurde in einem Bericht der Wiener Polizeidirektion vermerkt, was für seine gesamte Ära gelten sollte: „Die antisemitische Stimmung beherrscht das ganze öffentliche Leben …“
Zum „Volk“ gehörte laut Lueger, wer „christlich und deutsch“ war; damit schloss er nicht nur die Wiener Juden aus, sondern auch andere Minderheiten und die Massen an Zuwanderern aus den östlichen Teilen der Monarchie. Diese Diskriminierung stand völlig im Widerspruch zu Wien als Metropole eines Vielvölkerreichs. Politische Gegner wie Sozialdemokraten und Liberale schmähte er als „verjudet“ bzw. „Lumpen“, Kapital und Börse sah er von „Geldjuden“ gelenkt und beherrscht, Zuwanderer nannte er abschätzig „Betteljuden“, kritische Journalisten „Tintenjuden“. Bewerbungen von Juden für öffentliche und anderweitig einflussreiche Posten wurden in der Regel abgewiesen.
Der christsoziale Geiferer verschonte selbst die katholische Geistlichkeit nicht, sie verhalte sich gegenüber dem „Gottesmördervolk“ zu zahm: „Unsere Kirche muss sich der unwürdigen Rolle einer Dienerin der judenliberalen Staatsgewalt entledigen …“
Erst in jüngster Zeit sprechen Österreichs Historiker ohne wissenschaftlich verbrämte Scheu von Lueger als Wegbereiter Adolf Hitlers. „Kauft nur bei Christen“, hieß es zu Luegers Zeiten, „Kauft nicht bei Juden“ später bei den Nazis. Hitler machte aus seiner Verehrung für Lueger keinen Hehl: „Heute sehe ich in dem Manne mehr noch als früher den gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“, schrieb er in „Mein Kampf“. Lediglich den großdeutschen Rassenideologen Georg von Schönerer verehrte der „Führer“ noch mehr.
Die Angst der kleinen Leute vor den Zuwanderern aus Osteuropa
Den steilen Aufstieg zu einer historischen Figur verdankte Lueger vor allem der verspätet einsetzenden Industrialisierung und der damit verbundenen demographischen und sozialen Umwälzung im späten 19. Jahrhundert. Mit der Eingemeindung der umliegenden Dörfer sowie der Massenzuwanderung aus Osteuropa verdreifachte sich die Einwohnerzahl Wiens in dieser Zeit auf über zwei Millionen.
Um die wachsenden einheimischen Heerscharen armer Leute, Handwerker und Kleingewerbler, die fürchteten, dass ihnen die „Betteljuden“ die Arbeit wegnähmen, kümmerten sich – anders als Lueger – weder die regierenden Liberalen noch die oppositionellen Sozialdemokraten und die Deutschnationalen. Auch den kleineren und mittleren Unternehmern redete er erfolgreich ein, er werde sie aus der „Knechtschaft des jüdischen Kapitals“ befreien, wenn sie ihn wählten. „Lueger vereinigte all diese kleinen Leute zu einer ungeheuren Armee. Und mit dieser Armee erkämpfte er die Macht“, schrieb der österreichisch-ungarische Schriftsteller Felix Salten 1926 in der „Neuen Freien Presse“.
Wenn Wiener auf den Antisemiten Lueger angesprochen werden, erzählen sie sofort und ungefragt vom „anderen“ Lueger, von seinen historischen Großtaten, die selbst seine schlimmsten Feinde anerkannt hätten. Als würde in diesem Licht seine antisemitische Hetzpolitik zur Nebensache. Gewiss, Lueger wollte, dass Wien zu einer europäischen Metropole aufblühte, die mit London und Paris mithalten konnte. Zwar hatte das moderne Zeitalter bereits um 1860 mit dem Bau der Ringstraße, des Prachtboulevards, und der Weltausstellung 1873 begonnen; aber erst Luegers geradezu revolutionäre Kommunalpolitik verpasste der Kaiserstadt jenen dynamischen Modernisierungsschub, von dem die Hauptstadt der Republik Österreich bis heute profitiert.
Von seinen Taten profitieren die Wiener bis heute
Das Zauberwort hieß „Kommunalisierung“ – Planung und Finanzierung wichtiger, für die Allgemeinheit bestimmter Projekte sollten nicht länger allein der Privatwirtschaft überlassen werden. So entstand in seiner Amtszeit ein dichtes öffentliches Nahverkehrsnetz aus Bus- und Tramlinien, mit dem man noch heute am günstigsten und zugleich am schnellsten in Wien unterwegs ist.
Lueger bescherte der Stadt auch eine moderne Energieversorgung – das Gaswerk in Wien-Simmering war damals das größte in Europa –, zudem eine zweite Hochquellenwasserleitung aus dem steirischen Voralpengebiet, die Wien mit gesundem Wasser versorgte und damit endgültig vor Seuchengefahr schützte. Lueger zog um Wien auch einen Grüngürtel, heute das unverändert beliebte Naherholungsgebiet „Wienerwald“. Errichtet wurden auch neue Spitäler und Altenheime, viele Schulen und Kindergärten.
Manche Infrastrukturprojekte hatte zwar schon die zuvor amtierende liberale Stadtregierung angestoßen und realisiert, aber Lueger inszenierte sich mit ungeniertem Geschick als solitärer Ideenschöpfer und Mann der Tat. Überall an Gebäuden und Plätzen ließ er sich auf Gedenktafeln verewigen: „Errichtet unter …“ Der Lueger-Biograph Rudolf Spitzer erzählt die Episode von einem Elefantenbaby im Tiergarten Schönbrunn, zu dem der Wiener Schmäh spöttelte: „Geworfen unter Bürgermeister Dr. Karl Lueger“.
Bis heute haben Österreichs Sozialdemokraten die bittere Ironie nicht ganz verschmerzt, dass just ein Christsozialer mit seiner Kommunalpolitik die Grundlage für das „rote Wien“ geschaffen hat. Die sozialdemokratische Ära dauert seit 1918 an – abzüglich zwölf Jahre Austrofaschismus und NS-Herrschaft – und dürfte auch nicht so schnell enden.
Einen Hauch von Versöhnung mit Lueger gab es bereits 1926, anlässlich der kriegsbedingt verspäteten Enthüllung des Lueger-Denkmals. Der damalige SPÖ-Bürgermeister Karl Seitz (1923 –1934), einer seiner erbittertsten Gegner, hielt vor Tausenden seiner Anhänger die Laudatio: Luegers Amtszeit habe „großen Fortschritt … für die Gemeinwirtschaft“ gebracht, räumte Seitz ein. Es werde die wichtigste Aufgabe der Sozialdemokratie sein, „dieses Werk Luegers fortzuführen und zu vollenden“.
Die SPÖ-Bürgermeister und das schwierige Erbe
Diese ambivalente Beziehung führte zuweilen zu grotesken Blüten. Helmut Zilk, einer der populärsten Wiener Bürgermeister (1984 –1994) und eine Art Lueger ohne Antisemitismus, stellte dessen Amtssessel wie ein Museumsstück in sein Büro, geschützt unter Glas. Nachfolger Michael Häupl (1994 – 2018), nicht minder populär, ließ das „antisemitische“ Möbel wieder im Depot verschwinden. Viel schwerer tat sich Häupl 2012 mit der Umbenennung des „Dr.-Karl-Lueger-Rings“ zwischen Rathaus und Universität in „Universitätsring“. Die 650-Jahr-Feier der Wiener Hochschule sollte über die Bühne gehen, ohne dass Professoren und Studenten sich vor ausländischen Gästen für einen Antisemiten rechtfertigen mussten, den Hitler als Vorbild gesehen hatte.
Zuletzt glaubte die Stadtregierung, mit einer am Fuß des Denkmals montierten, beschrifteten Metallplatte sei der Aufklärung Genüge getan. Doch daran gehen die meisten Passanten achtlos vorbei. Und zudem werden auf der Tafel in erster Linie Luegers kommunale Wohltaten gepriesen. Nur in wenigen verschämten Zeilen ist von einer „umstrittenen Persönlichkeit“ die Rede, die den „antisemitischen und nationalistischen Trend seiner Zeit verstärkte“.
Die Stadtregierung weiß führende Wiener Historiker hinter sich, die einen Abriss des Denkmals für wenig sinnvoll halten. Man könne Geschichte nicht ausmerzen, besser sei, darüber zu reden und aufzuklären, so der Tenor. Nach der Kritik der prominenten Holocaust-Überlebenden will die Kulturabteilung über eine Ausschreibung Vorschläge für die Umgestaltung des Lueger-Platzes einholen und im Frühjahr 2023 eine Entscheidung treffen. Das größte Hindernis für eine Lösung sind indes die Politiker selbst: Keiner von ihnen, gleich welcher Farbe, will das Risiko eingehen, am Mythos Lueger zu kratzen, geschweige denn ihn abzuwracken. Eine saftige Wahlschlappe wäre gewiss. Vermutlich würde Karl Lueger staunen, sähe er, wie lebendig seine Macht über Wien mehr als 100 Jahre nach seinem Tod noch ist.
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