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Wundersam von den Toten auferstanden
Der „Große Vaterländische Krieg“ ist bis heute das einigende Band, das alle Ethnien des ehemaligen Sowjetimperiums miteinander verbindet. Er ist das Symbol für Heimat und steht zugleich für die gemeinsame Leistung, diese verteidigt zu haben. In dieser Sicht hat auch Stalin, der mörderische Diktator, wieder einen…
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Als Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag im Februar 1956 Stalins Verbrechen beim Namen nannte, sprach er auch über die katastrophalen Fehlentscheidungen des Diktators, die Hunderttausende das Leben gekostet hätten. In den Kesselschlachten von Kiew und Wjasma seien ohne Sinn und Verstand Soldaten geopfert worden, nur weil Stalin die Auffassung vertreten habe, dass der Angriff die einzig statthafte Form der Verteidigung sei. Charkow habe man unter großen Verlusten an Menschen und Material aufgeben müssen, weil der Diktator dem Rat seiner Generäle nicht folgen mochte und darauf bestand, eine Operation fortzusetzen, die mehrere Armeen in den Untergang geführt habe. Und dennoch sei in der Öffentlichkeit stets nur vom „Krieg Stalins“ die Rede gewesen, in Filmen, auf Bildern und in Erzählungen sei er als Feldherrngenie besungen worden, niemand sonst habe sich 1945 im Ruhm des Sieges sonnen dürfen.
In Wahrheit, so Chruschtschow, sei Stalin ein Versager, ein militärischer Stümper gewesen, der Feldzüge auf dem Globus geplant habe. „Nicht Stalin“, rief Chruschtschow den Delegierten zu, „sondern die Partei als Ganzes, die sowjetische Regierung, unsere heldenmütige Armee, ihre begabten Führer und tapferen Soldaten, das ganze Sowjetvolk – sie sind es, die uns den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg sicherten.“
Chruschtschow sprach aus, was jahrelang verboten gewesen war: dass der Krieg früher und unter geringeren Verlusten beendet worden wäre, wenn Stalin das Führungskorps der Roten Armee nicht vernichtet und auf seine Generäle gehört hätte. Denn die sowjetischen Armeen siegten am Ende nicht, weil Stalin ein militärisches Genie gewesen wäre. Sie siegten trotz allem.
Im Russland der Gegenwart aber scheint vergessen, was in den Jahren der Entstalinisierung deutlich zur Sprache gekommen war. Nicht nur wird Jahr für Jahr der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ besungen, sondern werden auch der Machtstaat, das Imperium und sein Diktator gepriesen. Es scheint, als sei die Gesellschaft von einer kollektiven Amnesie heimgesucht worden.
Nun ist der Mythos auf historische Wahrheiten gar nicht angewiesen. Der Mythos ist die stillgestellte, ewige Zeit, er ist das Gegenteil all jener Geschichten, die Historiker einander erzählen. In ihren Geschichten ist alles im Fluss, nichts von Dauer. Der Mythos aber ist der Anker, der das Leben festhält im Strom der Zeit. Aber warum kann der Mythos vom großen Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ nicht ohne Stalin auskommen, nach allem, was er und seine Helfer angerichtet hatten? Die Antwort auf diese Frage fiele leichter, wenn nicht auch manche Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft sich in den Chor der Einverstandenen eingereiht und in der Vergessenheit eingerichtet hätten.
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Nicht vom Leiden und Sterben soll die Rede sein, so meinen viele, sondern von Helden und Siegern. Und dennoch ist der Mythos vom „Großen Vaterländischen Krieg“ mit dem Tod und dem Elend von Millionen unauflöslich verbunden. Erst die Schrecken des Krieges ließen die Überlebenden vergessen, was Stalin und seine Helfer getan hatten.
Mehrere Millionen Menschen waren in den 1930er Jahren verhungert, zwei Millionen Bauern aus ihren Dörfern nach Sibirien deportiert und ethnische Minoritäten aus ihrer Heimat vertrieben worden, rund 680 000 Menschen wurden in den Jahren 1937 und 1938 erschossen, Hunderttausende in Arbeitslager verbannt, die Partei- und Staatsverwaltung zerstört und zahlreiche Kommandeure der Roten Armee getötet. Opfer wurden zu Tätern, Täter zu Opfern, weil der Große Terror niemanden verschonte, weder Bauern noch Kommunisten, weder Russen noch Ukrainer oder Kasachen. Wer hätte die Verantwortlichen schon beim Namen nennen können? Wie eine Flutwelle wälzte sich der Terror über das Land, verschlang am Ende auch Urheber und Vollstrecker.
Der Krieg aber überlagerte die Erinnerungen an die Jahre des Terrors. Alles, was vorher geschehen war, verblasste vor den Erfahrungen des millionenfachen Tötens auf den Schlachtfeldern und Killing Fields des Zweiten Weltkrieges. Niemals zuvor hatte es auf dem Territorium des Imperiums einen solchen Vernichtungskrieg, eine solche Zerstörung gegeben. Im Angesicht der Katastrophe konnten sich Opfer wie Täter, Bauern wie Kommunisten als Angehörige einer großen Gemeinschaft von Verteidigern verstehen, die den Feind vom eigenen Boden vertrieb.
Man konnte die Opfer des Krieges beweinen und zugleich Tränen über die Verluste der Vorkriegsjahre vergießen. Der Krieg war eine Katastrophe, aber für Millionen war er auch ein Gemeinschaftserlebnis, eine Möglichkeit, sich zu bewähren, dazuzugehören, das Stigma des Feindes von sich abzuwaschen.
Nach dem Krieg war nichts mehr wie zuvor. Die Soldaten der Roten Armee waren im Ausland gewesen, sie hatten bittere Erfahrungen gemacht, waren aber auch vom Stolz auf Geleistetes erfüllt. Mit guten Gründen nahmen sie an, dass nach dem Ende des Krieges alles anders sein werde, dass über den Gräbern der Ermordeten und Gefallenen auch im Inneren der Frieden besiegelt werden würde. Hatten sich denn die Bauern nicht freiwillig und aufopferungsvoll für den Dienst an der Heimat hingegeben, sich das Vertrauen des Regimes verdient, so dachten viele Soldaten, die aus dem Krieg nach Hause zurückkehrten?
Stalin wusste, welche Folgen sich für ihn und seine Herrschaft aus solchen Erfahrungen und Erwartungen ergaben. Die Anstrengungen des Krieges durften nicht als Leistungen des Volkes präsentiert werden. Nur er, Stalin allein, sollte Sieger gewesen sein, der Tag des Sieges in Vergessenheit geraten. „Stalin mochte unsere Generation nicht“, erinnerte sich ein Rotarmist, der im Frühjahr 1945 die Schlacht um Berlin erlebt und überlebt hatte. „Er hasste sie. Weil wir die Freiheit gespürt hatten. Der Krieg, das war für uns Freiheit! Wir waren in Europa gewesen, hatten gesehen, wie die Menschen dort lebten.“
Stalins Nachfolger aber beendeten nicht nur die Gewalt, sie statteten ihre Herrschaft auch mit einer neuen Legitimation aus. Der „Große Vaterländische Krieg“ wurde nun zum zweiten Gründungsmythos der Sowjetunion, weil er leistete, was die kommunistische Ideologie nicht zustande bringen konnte. Er führte Opfer wie Täter in der Erinnerung an gemeinsame Heldentaten zusammen, er gab Bauern die Gewissheit, nicht mehr nur Aussätzige und Menschen zweiter Klasse zu sein; er stattete Millionen Menschen mit Anerkennung und Würde aus, die in ihrem Leben stets nur gedient hatten und kommandiert worden waren, die gezwungen wurden, das Hohelied der Partei und ihres Führers zu singen, wenngleich sie doch selbst die Urheber aller militärischen Heldentaten gewesen waren. Zum ersten Mal durften Menschen, die Gewalt, Armut und Demütigungen erfahren hatten, sich selbst zu Siegern erklären, ohne dafür die Partei noch um Erlaubnis zu bitten. Warum hätten sie darauf bestehen sollen, stets nur Opfer gewesen zu sein?
Selbst Lagerhäftlinge, Hinterbliebene von Terroropfern, Deportierte und Entwurzelte konnten ihrem Leben einen Halt geben, es in einer sinnvollen Erzählung verankern. Ihr Leiden war nicht umsonst gewesen, so redete das Regime den Untertanen ein, weil die Opfer der Vorkriegszeit mit den Erfolgen und Leistungen des Krieges verrechnet werden konnten. Stalin habe die Feinde vernichten müssen, so erklärte Wjatscheslaw Molotow in den 1970er Jahren dem sowjetischen Journalisten Felix Tschujew. Hätte er sie nicht vernichtet, wären sie der Roten Armee während des Krieges gegen Hitler in den Rücken gefallen. „Es ging um Leben und Tod. Da konnte man nicht wählerisch sein“, so Molotow. „Natürlich sind auch Unschuldige betroffen gewesen. Aber ich denke, dass das damals richtig gemacht worden ist.“
Der Terror als Gefahrenabwehr, als Ouvertüre für den triumphalen Sieg. Offenbar konnten sich viele Menschen mit solchen Rechtfertigungen deshalb arrangieren, weil sie sich mit ihren eigenen Erfahrungen verbinden ließen. Man hatte gelitten, aber dann hatte der Krieg, das große Gemeinschaftserlebnis, alle Erinnerungen an die Gewalterlebnisse der Vergangenheit unter sich begraben. Auf paradoxe Weise verbanden sich die Rechtfertigungen des Regimes mit den Erzählungen der Überlebenden.
Wer ins Leben zurückfinden, nicht den Verstand verlieren wollte, suchte nach einem Sinn, einem roten Faden, der die Leiden der Vorkriegszeit mit den Leiden des Krieges und der Erlösung durch den Sieg auf plausible Weise miteinander verknüpfte. Man konnte ein Opfer und zugleich ein Bewunderer Stalins und seiner Ordnung sein. Nur wenige Menschen sahen darin einen tragischen Widerspruch, der einer Erklärung bedurft hätte. Denn es gab kein Leben außerhalb der Diktatur, und die sowjetische Ordnung schien ewig zu währen. Wo hätte man sonst schon zu Hause sein, wohin gehen können?
Ein Kommunist und Soldat, der während des Terrors gefoltert worden und dessen Ehefrau in einem Lager umgekommen war, sprach nach dem Krieg stellvertretend für Millionen aus, was es bedeutete, Anerkennung zu finden, Teil einer Gemeinschaft von Siegern zu sein: „Zweifach verwundet bin ich heimgekehrt. Mit drei Orden und Medaillen. Ich wurde ins Kreisparteikomitee bestellt: ‚Ihre Frau können wir Ihnen leider nicht zurückgeben. Ihre Frau ist gestorben. Aber die Ehre geben wir Ihnen zurück.‘ … Sie gaben mir mein Parteibuch wieder. Und ich war glücklich! Ich war glücklich …“
Selbst in den nationalen Republiken konnten sich Menschen mit der Leistung von Millionen identifizieren. Zwar waren Esten, Letten, Litauer, Tschetschenen, Krimtataren und auch manche Ukrainer Opfer des Krieges gewesen, den Stalin gegen die inneren Feinde führte, aber die meisten Bürger der Sowjetunion konnten sich in der Erzählung vom „Volkskrieg“ als Sieger wiederfinden. Auch in Aserbaidschan und in Tatarstan wurden die eigenen Helden des Krieges gefeiert.
Die zentralasiatischen Republiken wurden überhaupt erst in den Jahren des Zweiten Weltkrieges vom einigenden Band des Vielvölkerreiches umschlossen – auch deshalb, weil Usbeken, Kirgisen und Kasachen in seiner Armee gedient hatten. Die Lebensleistung von Menschen wurde aufgewertet, das Imperium als ein Ort besungen, in dem nicht mehr Klassenfeinde bekämpft, sondern die Einheit des Sowjetvolkes beschworen wurde.
Worauf sonst hätte man denn in der Sowjetunion schon stolz sein, was als einzigartige Leistung des Volkes ausstellen können? Die späte Sowjetunion war ein Land der Gedenkstätten und Denkmäler, der Heldenstädte und Kriegserzählungen, ein Land, dessen Bewohner sich in den Heldenepen behaglich eingerichtet hatten. An den Gedenktagen, besonders am 9. Mai, verbanden sich alle Bürger der Sowjetunion zu einer großen Familie, zu der Veteranen wie Nachgeborene gehörten. Man könnte auch sagen, dass die Stabilität des Imperiums auf dem Stolz und der Würde von Millionen beruhte.
„Ich habe nicht für Stalin gekämpft, ich habe für die Heimat gekämpft“, erinnerte sich ein Veteran 50 Jahre nach dem Ende des Krieges. Aber irgendwann ließen sich Stalin und die Heimat nicht mehr voneinander trennen, verschmolzen in einer symbiotischen Beziehung miteinander.
Es scheint in der russischen Gesellschaft der Gegenwart einen Konsens darüber zu geben, dass der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg nicht allein den Soldaten der Roten Armee, sondern auch Stalin und seinem Regime zugesprochen werden müsse. Von den Verbrechen des Diktators ist kaum die Rede, dafür um so mehr vom Untergang des Imperiums und vom Verlust der Würde.
Stalin ist nach dem Zerfall der Sowjetunion zu einem Symbol all dessen geworden, was verlorengegangen war. Millionen waren auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges gestorben, hatten verteidigt, was sie für ihre Heimat hielten, so könnte man die schmerzhafte Erfahrung beschreiben, und nun verschwand das Imperium sang- und klanglos in der Versenkung. Das Jahr 1991 war die Widerlegung des Jahres 1945, der Sieg verspielt, so schien es.
Es fällt offenbar schwer, sich von einem Imperium zu verabschieden, das auf den Trümmern und den Erinnerungen an die Leiden des Zweiten Weltkrieges errichtet und befestigt worden war. Für die Überlebenden wie für die Nachgeborenen ist Stalin ein Symbol, eine Verkörperung jener Sowjetunion, in der sich die Sieger zu Hause gefühlt hatten. Als Mörder und Verbrecher hätte Stalin kein Hüter des Imperiums, kein Sieger und Bezwinger sein können. Die Menschen mussten vergessen, wer Stalin gewesen war, um den Mythos vom „Großen Vaterländischen Krieg“ nicht zu beflecken.
Wladimir Putin spielt geschickt auf der Klaviatur der Erinnerungspolitik, weiß genau, wie das Imperium ins Spiel gebracht werden muss, um in der Öffentlichkeit einen Ansehensgewinn zu erzielen. Die Verteidiger des Imperiums sind die Nachfahren der Sieger, Bewunderer Stalins und seiner Leistungen. Separatisten und Nationalisten in den ehemaligen Sowjetrepubliken sind dagegen „Faschisten“, die Verrat am Mythos des „Großen Vaterländischen Krieges“ üben. Der Krieg um die Ukraine war auch ein Krieg um die Erinnerung an den großen, alles verzehrenden Krieg.
Es gab eine Zeit, am Ende der 1980er Jahre, als man Stalin, den Urheber des Terrors, und den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ vielleicht noch voneinander hätte trennen können. Als aber das Imperium zu Grabe getra-gen wurde, kam den Menschen zu Bewusstsein, dass der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ ein imperialer, kein russischer Mythos gewesen war. Worauf, wenn nicht auf Stalin, hätte er sich nun noch berufen können? Und so erstand Stalin auf wundersame Weise wieder von den Toten auf.
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