Was tut ein Mann, der Angst hat, eine Frau könnte ihm mit ihrer Aussage vor Gericht schaden? In Ägypten vor gut 1000 Jahren engagierte der Betroffene dafür keinen Anwalt, sondern rief höhere Mächte in Form von Engeln zu Hilfe. Davon zeugt ein Text aus jener Zeit, kombiniert mit einer Zeichnung, auf der zwei Geister die Frau in die Zange nehmen und ihren schädlichen Einfluss auf sie ausüben.
“Magische” Texte als Ausdruck der Volksreligion
Dieses Dokument ist nur eines von knapp 500 “magischen” Texten und Textfragmenten, die aus der Zeit von 200 bis 1200 nach Christus bekannt sind. Die meist in koptischer Sprache geschriebenen Anrufungen und Zaubersprüche geben wertvolle Einblicke in die Entwicklung religiösen Lebens in Ägypten in einer Zeit, die vom Übergang von der traditionellen ägyptischen Religion zum Christentum und Islam geprägt ist. „Diese Dokumente dienen als wichtige Informationen für die Volksreligion – die Realitäten, wie sie im täglichen Leben erlebt und durchgeführt wurden, und nicht das Ideal religiöser Praktiken und Überzeugungen“, erklärt Projektleiter Korshi Dosoo von der Universität Würzburg.
Um mehr über diese Umbruchszeit zu erfahren, wollen Dosoo und sein Team in den nächsten fünf Jahren einen vollständigen Überblick über alle heute bekannten magischen Texte und Textfragmente gewinnen und alle Dokumente inklusive Übersetzung, Interpretation und Einordnung in einer frei zugänglichen Datenbank einordnen und veröffentlichen. Schon jetzt ist klar: Auch wenn diese magischen Texte äußerlich in ganz unterschiedlicher Form daherkommen – einige sind auf Papyrus geschrieben, andere auf Pergament, Papier, Tonscherben oder sogar Bleiamuletten, ist ihr Inhalt doch sehr ähnlich: Immer schildern sie private religiöse Praktiken, die dazu bestimmt sind, mit den Krisen des täglichen Lebens in Ägypten fertig zu werden.
Hilfe in der Liebe und Schutz vor Feinden
Die meisten dieser Zaubersprüche lassen sich fünf großen Themenkreisen zuordnen: Liebe, Schutz, Heilkunst, Flüche und der Wahr- oder Vorhersagekunst, wie die Forscher berichten. So zeigt beispielsweise ein Pergament aus dem sechsten oder siebten Jahrhundert nach Christus, dass sich Menschen damals bei der Partnersuche die Hilfe höherer Mächte holten. In dem Text ruft ein gewisser Apa Apollo, vielleicht ein Mönch, die Kräfte des Iao Sabaoth an. Er bittet darum, nachdem er das Pergament an der Tür eines bestimmten Maure niedergelegt habe, dass der andere Mann den Apa Apollo „von Stadt zu Stadt“ suche, bis Maure ihm „alle seine Wünsche“ erfülle.
Einige Verfasser solcher Texte erhofften sich auch Schutz vor feindlichen Angriffen. Sie baten die Götter darum, einen Gegner vor dem Wettkampf oder einen persönlichen Feind durch Krankheit oder Schlaflosigkeit so zu schwächen, dass von ihm keine Gefahr mehr ausging. Und unter dem Stichwort „Heilkunst“ finden sich Texte, die sich wie eine Mischung aus Rezeptbuch und Zauberspruch lesen. Einerseits ist dort erklärt, dass eine Mischung aus Salz, Goldstücken und Öl Entzündungen heilen kann. Andererseits soll der Zettel selbst – aufgerollt und um den Hals getragen – Kinder beispielsweise vor Fieber schützen.





