Der Erfolgsautor beginnt seine Karriere als NS-Propagandist
Geboren wurde Reinecker 1914 in Hagen. 1932 trat er in die Hagener Hitlerjugend ein und stieg im Laufe der Zeit bis zum HJ-Oberbannführer auf. Kurz nach seiner Schulzeit begann Reinecker den Nationalsozialismus als Raum zu nutzen, der ihm Anschlussstellen und Vernetzungsmöglichkeiten für seine Karriere als crossmedialer Autor bot. In Münster stieg er als leitender Redakteur bei der Zeitschrift „Unsere Fahne“, der Zeitschrift der westfälischen Hitlerjugend, ein. Er kommerzialisierte fortan nationalsozialistische Ideologeme, um junge Männer auf den Kampf und Vernichtungskrieg einzustimmen. Hierbei verstand er es, die propagandistische Mobilisierungsphase der Hitlerjugend Mitte der 1930er Jahre für seine Karriere zu nutzen.
Aufstrebende Nationalsozialisten wie der junge Reinecker konnten schnell Fuß fassen. 1935 folgte ein Karrieresprung zur Reichsjugendführung Berlin, wo er die einflussreiche HJ-Zeitschrift „Der Pimpf“ redigierte. Er arbeitete beim Presse- und Propagandaamt sowie beim Zentralverlag der NSDAP, dem „Franz-Eher-Verlag“. Seit 1942 übernahm er weitere Leitungen, unter anderem die der Zeitschrift „Junge Welt“. Als crossmedialer Autor schrieb Reinecker NS-Theaterstücke und Drehbücher für Filme, die als NS-Vorzeigestücke gefeiert wurden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Reinecker sich auch auf den Posten eines SS-Kriegsberichterstatters bewarb. Als SS-Rottenführer schrieb er für „Das Schwarze Korps“ sowie den „Völkischen Beobachter“ und war in verschiedenen SS-Divisionen tätig.
Wie viele Ehemalige konnte Reinecker durch seine Fähigkeit, moralische Gefühle auf ein breites Publikum zu popularisieren, nach 1945 beim westdeutschen Rund- und Hörfunk Anschluss finden. NS-Propagandisten wie er wurden bis in die 1990er Jahren hinein nicht als Täter wahrgenommen. Dies gilt auch für die Entnazifizierung: Im Zuge der Amnestiegesetze wurde Reinecker im Spruchkammerverfahren 1950 als „minderbelastet“ eingestuft. Obwohl seine NS-Tätigkeiten in der Bundesrepublik mehr oder weniger bekannt waren, tat dies seiner Karriere zu Lebzeiten keinen Abbruch. Die Presse porträtierte ihn als erfolgreichen Drehbuchautor mit einem Whiskeyglas in der Hand, sichtbar seinen Erfolg genießend.
Im Gegensatz zu seiner Schaffenszeit in den 1950er Jahren, als Autor für seichte Unterhaltungskultur, war es Reinecker in den 1960er Jahren möglich, als Drehbuchautor der neuen und fiktiven Krimiserie des ZDF, „Der Kommissar“, eigene Agenden zu verfolgen. Diese implementierte er in seine Serie: Als Vorlage dienten Reinecker weniger Kriminalität und Statistik. Vielmehr kommentierte er Moral und die sich transformierende Bundesrepublik um 1968, darunter das Polizeibild, sowie Fragen nach Schuld und Verantwortung, die sich im Zuge der Frankfurter Auschwitz Prozesse Ende der 1960er Jahre stellten. So gab er in seiner Autobiographie an, sich mit ebendieser Frage nach Mittäterschaften („wie nah muss man sein, um direkt schuldig zu sein“) auseinanderzusetzen.





