Das Zarenreich und die Sowjetunion waren Vielvölkerreiche. Aber erst als das sowjetische Imperium zerfiel, trat diese Wahrheit auch ins Bewußtsein der europäischen Öffentlichkeit. Manche Regionen der untergegangenen Sowjetunion blieben im We-sten aber auch nach 1991 gesichtslos. Zu ihnen gehören vor allem die zentralasiatischen Republiken. Ein Handbuch, herausgegeben von Bert Fragner und Andreas Kappeler, soll dieses Defizit beheben. Im ersten Teil des Buchs werden Informationen mitgeteilt: über die Bedeutung „Zentralasiens“ als Begriff, über Religionen, Sprachen und Völker, über die Geschichte der Dynastien und der nomadi-schen Großreiche und vieles mehr. Man erfährt, was man über die Herkunft von Sprachen und die Chronologie der Ereignisse wissen muß. Aber die Texte geben ihren Lesern wenig zu verstehen. Nirgendwo wird in ihnen mitgeteilt, wozu man das alles wissen muß. Wer nicht nur über Daten und Fakten informiert werden, sondern auch etwas verstehen will, sollte die Beiträge von Andreas Kappeler, Paul Georg Geiss und Ingeborg Baldauf lesen. Kappeler beschreibt die allmähliche Integration Zentralasiens in das zarische Imperium und die Veränderungen, die sich daraus für das europäische Rußland und die eroberten Kolonien ergaben. Von diesen Begegnungen spricht auch Geiss in seinem Beitrag über das sowjetische Zentralasien. Im Unterschied zur Regierung des Zaren versuchten die Bolschewiki, die einheimischen Eliten an der Herrschaft zu beteiligen. Sie nationalisierten Zentralasien. Dabei wurde Herrschaft regionalisiert und personalisiert. Deshalb konnte das Zentrum seinen Einfluß nur wahren, wenn es im Kontext der patrimonialen Strukturen und Personenverbände operierte, die die zentralasiatischen Republiken beherrschten. Geiss erklärt seinen Lesern dankenswerterweise, wie diese Strukturen arbeiteten. Am Ende erfährt man von Ingeborg Baldauf, was es für das Leben der Muslime in Zentralasien bedeutete, Objekt der bolschewistischen Zivilisierungsmission zu werden. Vor allem während der Stalin-Zeit wurden Traditionen zu nationalen Eigenschaften, weil sie von den Bolschewiki kriminalisiert wurden. Ob jemand auf einem Stuhl oder auf einem Teppich sitzt, einen Turban oder einen Hut trägt – das war für die Bolschewiki wie für die angesprochenen Muslime von symbolischer Bedeutung. Deshalb entbrannten die heftig-sten Auseinandersetzungen in Zentralasien um die kulturellen Fragen. Verstehen wird man sie nur im Mikrokosmos, in dem sie entstanden. Baldauf öffnet uns dafür die Augen. Und sie versöhnt uns auch mit der Anstrengung, die man aufbringen muß, um die Lektüre der Lexikonartikel im er-sten Teil des Buchs durchzu-stehen.
Rezension: Baberowski, Jörg





