Es war die Zeit eines epochalen Wandels: Das Zeitalter der ersten Bauernkulturen brachte Ackerbau und Viehzucht nach Mitteleuropa und es entstanden feste Siedlungen sowie Bestattungsplätze. Während der Zeit der sogenannten Linienbandkeramik – vor etwa 7500 bis 7000 Jahren – wurden Verstorbene in der Regel sorgfältig in Einzelgräbern beigesetzt. Ihre Körper wurden meist in eine gehockter Seitenlage gebracht und auch Grabbeigaben zeugen von einer Wertschätzung der Hinterbliebenen für die Verstorbenen.
Kein friedliches Steinzeit-Idyll
Doch bereits seit den 1980er Jahren sind auch Funde bekannt, die eine andere Geschichte erzählen: Es handelt sich um Massengräber, in denen zahlreiche Körper regelrecht deponiert worden waren – ohne Anzeichen jedweder Sorgfalt oder Fürsorge. Es handelt sich um die Überreste von Erwachsenen beiderlei Geschlechts sowie von Kindern. In den meisten Fällen weisen alle Toten Spuren tödlicher Verletzungen auf. Man vermutet deshalb, dass es sich um ganze Siedlungsgemeinschaften handelt, die Gewalttaten zum Opfer gefallen sind.
In die gruselige Sammlung von Zeugnissen jungsteinzeitlicher Gewalt reiht sich auch das Massengrab von Halberstadt ein, das Archäologen bereits 2013 entdeckt haben. Radiokarbon-Datierungen haben gezeigt, dass dieses Grab in denselben Zeithorizont fällt wie die bereits bekannten Zeugnisse von Tötungen aus anderen Teilen Deutschlands und Österreichs. Nun haben umfassende Untersuchungen des Grabs und der neun Toten Details aufgedeckt, die Licht darauf werfen, was sich vor 7000 Jahren am Fundort abgespielt hat.
Hingerichtete Feinde?
Wie die Forscher um Christian Meyer vom OsteoArchaeological Research Centre in Goslar berichten, handelte es sich zumindest bei acht der Toten um junge Männer, die außer ihren tödlichen Verletzungen kaum andere Gebrechen aufwiesen. Was die Skelette aus Halberstadt von denjenigen anderer Fundorte unterscheidet, ist die Verteilung der Verletzungen: Die tödlichen Schläge zielten demnach nahezu ausschließlich auf einen bestimmten Bereich des Hinterkopfes der Opfer, berichten die Forscher. Dies legt nahe, dass es sich um eine kontrollierte Hinrichtung gehandelt hat.
Meyer und seine Kollegen führten außerdem Isotopenanalysen von Proben der Knochen und Zähne der Toten durch. Aus den Ergebnissen sind durch Vergleiche Rückschlüsse darüber möglich, woher die Personen stammten. Es zeigte sich: Die getöteten Personen aus dem Massengrab kamen nicht aus der nahen jungsteinzeitlichen Siedlung in Halberstadt – offenbar handelte es sich um Fremde.
Die Forscher kommen somit zu dem Fazit: Das Massengrab von Halberstadt unterscheidet sich deutlich von den bisher bekannten Zeugnissen jungsteinzeitlicher Gewalt, bei der vermutlich Dorfbevölkerungen überfallen und in Gruben verscharrt worden waren. Ihnen zufolge könnte es sich bei dem Fund sogar um eine Art Gegenstück zu diesen bisherigen Funden handeln: Möglicherweise waren die Getöteten Angreifer, deren Überfall scheiterte. Vielleicht wurden sie gefangen genommen und dann von der Dorfbevölkerung demonstrativ hingerichtet. Denkbar ist allerdings auch, dass es sich um Gefangene gehandelt hat, die von einem anderen Ort mitgebracht worden waren.





