Tatsächlich nahmen seit dem ersten Kreuzzug Frauen aller Schichten kontinuierlich an Kreuzzügen nach Palästina teil, und zwar sowohl an den großen päpstlich autorisierten als auch an den vielen kleineren Unternehmen. Hinweise darauf finden sich in Augenzeugenberichten und in zeitgenössischen Quellen, vor allem bei den Geschichtsschreibern, aber auch in Urkunden und Briefen.
Zwar können wir bis 1287 nur 89 Frauen individuell identifizieren, die Angaben zu verschiedenen Kreuzzügen lassen aber den Schluß zu, daß die Gesamtzahl der Frauen deutlich höher lag. Wie hoch genau, muß offenbleiben: Zum einen basieren die mittelalterlichen Quellen natürlich auf Schätzungen, zum anderen beschränken sich die Nachrichten über Frauen meist auf – gemessen an der Gesamtüberlieferung – seltene und knappe Bemerkungen in Nebensätzen. Im Einklang mit den Gepflogenheiten historiographischen Schreibens nehmen die Geschichtsschreiber Kreuzfahrten von Frauen meist nur beiläufig zur Kenntnis.
Wenn sich kreuzfahrende Frauen identifizieren lassen, so betreffen die Nachrichten fast immer Angehörige des niederen oder höheren Adels. Anlaß der Berichterstattung konnten etwa Eheschließungen und Geburten sein, zudem Aktivitäten ihnen nahestehender Kreuzfahrer oder außergewöhnliche Ereignisse während eines Kreuzzugs. Nachrichten zu Kreuzfahrten von Frauen aus dem Volk sind dagegen rar und beschränken sich auf Einzelschicksale, meist in Verbindung mit Krisensituationen wie Hungersnöten oder erfolglosen Belagerungen. Diese Frauen bleiben stets namenlos.
Auch als Gruppe treten Frauen häufig in Krisensituationen in Erscheinung. Sie sterben bei Schiffsuntergängen oder Hungersnöten, werden Opfer von Seuchen, Kampfhandlungen und sexueller Gewalt oder geraten in Gefangenschaft. Dabei werden sie in einem Atemzug mit Kindern, Alten, Kranken und Klerikern genannt und damit den Nonkombattanten zugerechnet. Es fällt auf, daß Frauen als Gruppe wiederholt zur Zielscheibe kritischer Kommentare der Chronisten werden, meist in Verbindung mit Kritik an der Sexualmoral der Kreuzfahrer. Auch wenn die Initiative stets von den Männern ausgeht, bietet doch die Präsenz der Frauen den Anlaß und erscheint damit als latente Bedrohung.
Den Hintergrund dieser frauenkritischen Haltung bildet die für das Mittelalter charakteristische Vorstellung von Geschichte als Heilsgeschichte. Kreuzzüge galten als heilige Kriege zur Rückeroberung christlichen Besitzes oder zur Verteidigung der Kirche und der Christen. Als solche waren sie nicht nur göttlich legitimiert, sondern auch ein sichtbares Zeichen göttlichen Wirkens in der Welt. Ihr Erfolg war damit gleichsam vorprogrammiert. Daß in der Realität Krisen und Niederlagen nicht ausblieben, bedurfte folglich der Erklärung. Und so deutete man negative Entwicklungen als Strafe für die Sünden der Kreuzfahrer, wobei religiöse Deutungen und die Suche nach natürlichen Erklärungen durchaus Hand in Hand gehen konnten.





