Jetzt legt der berühmte Frankfurter Mediävist kurz nach seinem 65. Geburtstag eine Sammlung stimulierender Essays vor. Sie sind eindrucksvoll geschrieben und fesseln durch suggestive Sprachmacht. Seit Jahren prägen viele der hier von Belegapparaten entschlackten Beiträge die Fachdiskussionen. Der Aufstieg König Heinrichs I. seit 919 beispielsweise erscheint in neuem Licht; die späteren Quellen transportierten nur Splitter einer Wirklichkeit, welche die Geschichtsschreiber für ihre Sehnsüchte zusammenbauten. Die Entdeckung der Empirie auf Reisen des 13. Jahrhunderts zu den Mongolen erschütterte den etablierten Wissenskanon; die realen asiatischen Völker waren nämlich nicht mehr im Korsett bibli‧scher Tafeln oder antiker Handbücher unterzubringen.
Überall fransen die Sicherheiten aus. Der erstmals gedruckte Beitrag „Ein Gastmahl Karls des Großen“ eröffnet die Spielräume der Imagination. Wissenschaft und Phantasie: Was vormals streng geschieden war, geht nun eine neue Verbindung ein. Der Historiker fügt sich als handelndes Subjekt bewusst in die Herstellung seiner Vergangenheiten ein: „Wir erfinden Geschichten, den Zusammenhang der Dinge“. So gibt der Mut zum Experiment neue Kreativität: „Auch Erinnern will gelernt sein.“ Wer dieses wichtige Buch zum Nach- und Weiterdenken gelesen hat, weiß es jetzt: Niemals greift der Historiker sein Mittelalter mit festen Händen. Er bleibt nur Gast in einer ebenso fremden wie selbsterschaffenen Welt.
Rezension: Schneidmüller, Bernd





