Seit dem frühen Mittelalter wird in Santiago de Compostela der heilige Jakobus verehrt. Zur Frage, wie es den Apostel dorthin verschlagen haben soll, gibt es mehrere Legenden. Die Pilgerwege zu seinem Grab zogen sich bald wie ein Spinnennetz durch das gesamte westliche Europa.
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Wie konnte Compostela, eine Stadt am westlichen Rand Europas, überhaupt zu einem bedeutenden Pilgerort werden? Sollte man Jakobus geographisch nicht eher mit Palästina verbinden? So legt es zumindest die Apostelgeschichte (12, 1– 2) nahe: „Um jene Zeit ließ der König Herodes einige aus der Gemeinde verhaften und misshandeln. Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwerte hinrichten.“
Doch in Bezug auf das Grab des Jakobus setzte sich eine andere Tradition durch. Ausgangspunkt war die Vision eines Eremiten im Nordwesten der Iberischen Halbinsel Anfang des 9. Jahrhunderts: Himmlische Zeichen führten ihn den Weg zu einem Grab, das man dem heiligen Jakobus zuordnete. Die Nachricht machte die Runde und war auch deshalb sensationell, weil im lateinischen Westen außer den römischen Ruhestätten von Petrus und Paulus kein Apostelgrab näher bekannt war.
Einen ausführlichen Bericht der Auffindung des Grabs bietet erstmals eine Urkunde vom 17. August 1077. Mit dem Dokument sollte eigentlich ein finanzieller Disput zwischen dem Bischof von Compostela und den Mönchen aus dem nahe gelegenen Kloster Antealtares geschlichtet werden.
In der einleitenden Erzählung des Dokuments heißt es, zur Zeit König Alfons’ II., des Keuschen, von Asturien (791–842) sei ein Einsiedler von Engeln und himmlischen Zeichen auf ein Apostelgrab hingewiesen worden. Daraufhin habe man den Rat des damaligen Bischofs Theodemir aus dem benachbarten Iria Flavia eingeholt und ihm vonder Vision berichtet. Nach dreitägigem Fasten und Suchen fand man im Beisein von vielen Gläubigen das Grab. Als der König davon erfuhr, ließ er an dieser Stelle eine Kirche bauen. Der Ort erhielt später den Namen Santiago de Compostela: „Sant’ Jago“ nach dem heiligen Jakobus, „Compostela“ hieß der Ort bereits, wohl deshalb, weil hier ein größeres Gräberfeld (compostum) bestanden hat.
Wie kommt der Leichnam des Apostels in den äußersten Westen Europas?
Warum wurden erst gut 200 Jahre nach der Entdeckung des Grabs genauere Details zu den damaligen Umständen niedergeschrieben? Ein Grund scheint die seit dem 11. Jahrhundert zunehmende Bedeutung des Orts als Ziel von Pilgern zu sein: Man wollte wohl klarstellen, wie denn der Kult um das Grab überhaupt angefangen hatte.
In der Erzählung geht es dementsprechend um die Frage, wie denn der Leichnam des Apostels nach Galicien gekommen sein könnte. Hier will die Urkunde von 1077 wissen, dass die Grabesstelle lange Zeit unbekannt geblieben sei. Aus dem Brief eines Papstes Leo wisse man aber Genaueres. Nach der Enthauptung hätten Anhänger des Apostels dessen Gebeine nach Joppe (Jaffa) gebracht; von dort sei Jakobus dann – durch die Hand Gottes geleitet – zu den Grenzen Galiciens gelangt. Andere Legenden besagen, Jakobus sei bereits zu Lebzeiten in Westeuropa gewesen. Er habe dort missioniert. Nach der Hinrichtung in Jerusalem hätten seine Jünger den Leichnam ihres Meisters entwendet und ihn zu einem am Strand angelegten Schiff gebracht. Ziel der Reise war der Hafen Iria Flavia in Galicien. Von dort sei der Leichnam schließlich an den Ort verbracht worden, der dann Jahrhunderte später einem Mönch in einer Vision gezeigt wurde.
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Mit den verschiedenen Erzählungen sind auch unterschiedliche religionspolitische Hintergründe verbunden. Während im Brief Leos die päpstliche Autorität eine wichtige Rolle spielte, bezog der Bericht über die Translation (Übertragung der Gebeine) offensichtlich in hohem Maß galicisch-lokale Traditionen ein. Hierbei bezeugt der „Sieg“ über die noch heidnische Bevölkerung und Führungsschicht die Kraft des Christengottes.
Warum kam nun die Geschichte der Auffindung eines Grabs gerade Anfang des 9. Jahrhunderts auf? Hier hilft ein Blick auf den damaligen historischen Hintergrund. Seit 711 waren große Teile der Iberischen Halbinsel der muslimischen Herrschaft der Mauren unterworfen worden.
In den Pyrenäen und im Norden der Iberischen Halbinsel bestanden jedoch unabhängige Herrschaftsverbände fort. Die Bedeutung dieser christlich gebliebenen oder neu formierten Herrschaften ist nicht genau zu fassen, weil die Anfänge aus der späteren Rückschau idealisiert wurden. Wahrscheinlich blieben aber die Christen, die weiterhin unter muslimischer Herrschaft lebten – sie wurden nicht zur Konversion gezwungen, mussten aber eine höhere Kopfsteuer zahlen –, für das Christentum Spaniens zunächst wichtiger als die christlichen Gruppen im Norden.
Besonders die im nun maurischen Toledo lebenden Christen zehrten von der einstigen Bedeutung der Stadt. Hier waren in der Spätantike zahlreiche Konzilien abgehalten worden, die für das Christentum des Westens insgesamt prägend wurden. In Rom ging man offensichtlich davon aus, dass diese Christen weiter eine Führungsposition beanspruchen konnten, und hielt Kontakt zu ihnen. Aus den Jahren 785 bis 791 sind mehrere Schreiben des Papstes Hadrian I. (772–795) überliefert.
Der Auffindung des Jakobus-Grabs geht ein Streit der Theologen voraus
Kurz darauf diskutierten spanische und andere Theologen über eine neue Interpretation der christlichen Dreifaltigkeitslehre. Verfechter des sogenannten Adoptianismus glaubten, Gottvater habe Jesus Christus lediglich adoptiert. Indirekt rückte man mit solchen Vorstellungen einem streng monotheistischen Islam näher. Vor allem Erzbischof Elipand von Toledo (gest. um 802) verfocht diese Auffassung, hatte aber bald schon Gegner im nördlichen Spanien, in Asturien. Er unterlag schließlich, auch weil Asturien besonders auf dem Konzil von Frankfurt (794) karolingische Unterstützung erhielt.
Erst nach diesen theologischen Diskussionen wurde das Grab des Apostels Jakobus auf wunderbare Weise aufgefunden. Der Zeitpunkt ist jedenfalls auffällig: Die Christen des Nordens waren offensichtlich in dem Streit mit karolingischer und päpstlicher Hilfe an der Jahrhundertwende gestärkt worden. Nun war offensichtlich auch kirchenpolitisch der Weg geebnet, um dem alten Toledo ein Gegengewicht des christlichen Spanien im Norden entgegenzusetzen: Hier kam der Apostel Jakobus ins Spiel.
Der Gegenspieler des Elipand von Toledo, Abt Beatus von Liébana (gest. nach 798), griff in einem Apokalypsenkommentar Notizen der ursprünglich griechischen Apostelkataloge auf, die den Aposteln Missionsgebiete zuordneten: So wie bei Petrus und Paulus Rom oder Thomas Indien, war es beim Apostel Jakobus dem Älteren die Hispania. Da die Apostel ihren Missionsgebieten auch nach dem Tod zugeordnet wurden, lag es dann nicht nahe, das Grab des Jakobus dort zu suchen, wo er gepredigt hatte?
Pilger aus der Umgebung besuchten schon früh das neue Grab, aber Notizen zu Gläubigen aus Europa waren bis zum 11./12. Jahrhundert spärlich. Wenig später, als dann die ersten europäischen Pilger – vor allem aus Frankreich, Italien und Deutschland – belegt waren, wurde im 12. Jahrhundert ein Buch zusammengestellt, das die verschiedensten Traditionen um den Apostel Jakobus bündelte und aufbereitete. Dieses Werk wird meist als „Liber Sancti Jacobi“ („Jakobsbuch“) bezeichnet. Weil der Einleitungsbrief sowie weitere Passagen angeblich von Papst Calixt II. (1119 –1124) verfasst wurden, spricht man auch vom „Codex Calixtinus“.
Zwar dürften die Pilger kaum mit diesem Büchlein unter dem Arm nach Compostela gezogen sein, die Beschreibungen (auch in Predigten des liturgischen Teils) basieren teilweise auf konkreten Erfahrungen, deuten aber noch mehr darauf, wie man sich die Jakob-Pilgerfahrt vorstellte, vielleicht sogar wünschte. Schon das Eingangskapitel macht deutlich, welchen Einzugsbereich man in diesem Buch konzipierte: „Vier Wege führen nach Santiago, die sich zu einem einzigen in Puente la Reina in Spanien vereinen; einer geht über St-Gilles, Montpellier, Toulouse und den Somportpaß, ein anderer über Notre-Dame in Le Puy, Ste-Foy in Conques und St-Pierre in Moissac, ein weiterer über Ste-Marie-Madeleine in Vézelay, St-Léonard im Limousin und die Stadt Périgueux, ein letzter über St-Martin in Tours, St-Hilaire in Poitiers, St-Jean in Angély, St-Eutrope in Saintes und die Stadt Bordeaux. Diejenigen Wege, die über Ste-Foy, St-Léonard und St-Martin führen, vereinigen sich bei Ostabat, und nach dem Überschreiten des Cisapasses treffen sie in Puente la Reina auf den Weg, der den Somportpaß überquert; von dort gibt es nur einen Weg bis Santiago.“
Damit hatte der Autor die bis heute in fast jedem Buch zu den Jakobspilgern reproduzierten vier Wege gleichsam wie ein Netzwerk festgeschrieben und kanonisiert. Heute ist leicht nachzuvollziehen, wie mühsam die Wege von Vézelay oder Le Puy im Vergleich waren, und es ist nachgewiesen worden, dass die Pilger diese Routen wesentlich seltener als die von Arles oder Paris/Tours nutzten. Dies wird deutlich, wenn wir den deutschen Pilgerführer des Hermann Künig von Vach von 1495 heranziehen. Er unterscheidet eine „Oberstraße“, die von Einsiedeln über das Rhônetal und dann die Pyrenäen nach Compostela führt, von einer „Niederstraße“, die von Aachen über Paris und Tours die Pyrenäen erreicht.
Am „Jakobsbuch“ des 12. Jahrhunderts fasziniert besonders das neunte Kapitel, das eine ausführliche Beschreibung von Santiago de Compostela und seiner Kirchen, aber besonders der Jakobusbasilika bietet. Konkrete Ratschläge werden an anderer Stelle geboten, etwa zu unrechtmäßig erhobenen Zollabgaben; auch wird gewarnt vor Fährleuten, die ihre Boote manchmal kentern ließen, oder vor den Nachstellungen der Wirte, die es nur auf Geld sowie Hab und Gut der Pilger abgesehen hätten.
War Compostela im Hochmittelalter tatsächlich eine Pilgerstätte von europäischer Bedeutung geworden, wie dies aus der Umgebung des ehrgeizigen Bischofs/Erzbischofs Diego Gelmírez (gest. 1138/1140) oftmals anklang? Hilfreich sind hier die materiellen Zeugnisse und vor allem die Berichte der Pilger selbst.
Einzelne Nachrichten über Jakobspilger von nördlich der Pyrenäen gibt es seit dem 10. Jahrhundert, die sich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts verdichten. So gilt als einer der frühesten namentlich genannten Pilger der Erzbischof Siegfried von Mainz, der, wie die Quellen berichten, seiner Amtsgeschäfte überdrüssig geworden, 1071/72 nach Compostela aufgebrochen sei. Allerdings kam er nur bis nach Cluny. Schon im Jahr 930 wird ein Jakobspilger in Quellen aus dem Bodenseeraum genannt, und 950/51 weilte Bischof Godeschalk von Le Puy in der Apostelstadt.
Eine Anmerkung Ademars von Chavannes über den Herzog Wil- helm V. von Aquitanien (995–1030) macht deutlich, wie die Pilgerfahrt nach Compostela zunehmend an die Seite anderer großer Pilgerorte rückte. Wilhelm V. sei, so Ademar, seit seiner Jugend jedes Jahr nach Rom gepilgert, und in den Jahren, in denen er Rom nicht aufgesucht habe, nach Santiago. Es fällt auf, dass gerade in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts viele Berichte von Pilgern erzählen, die sowohl Rom als auch Compostela besuchten.
Nicht nur dies wirkte sich auf den Einzugsbereich der Compostelaner Pilgerfahrt aus. Ende des 11. Jahrhunderts ist mit Ansgot de Burwell erstmals ein englischer Pilger namentlich belegt. Klostergründer aus Italien, wie Wilhelm von Vercelli, sollen ebenso zu dieser Zeit Compostela besucht haben. 1180 taucht ein erster schwedische Pilger in den Quellen auf. Allerdings fehlen zu dieser Zeit noch weitgehend Nachrichten über Pilger aus dem ostmitteleuropäischen Raum.
Berichte und Zeugnisse von Pilgern aus ganz Europa
Zu den Einzelnotizen treten materielle Zeugnisse. Brücken, Hospize, Kirchen sind in dieser Zeit in großem Maß errichtet worden. Größe und Zuschnitt der Bauten künden vor allem in Spanien, aber auch in Frankreich davon, wie sehr die Pilgermobilität im 12. Jahrhundert zugenommen hatte. Ein weiteres Zeugnis des regen Pilgerverkehrs sind die zahlreichen Jakobsmuscheln, die sich Pilger nach ihrer Fahrt an den Hut oder das Gewand hefteten. 2012/13 fand man bei Ausgrabungen an der Elbe bei Stade rund 200 Muscheln und andere Pilgerzeichen.
Seit dem 14. Jahrhundert wird der Einzugsbereich der Santiago-Pilger immer größer und differenzierter, denn nun stammen diese auch aus Osteuropa. Zahlreiche Reiseberichte erzählen von Strecken und Erlebnissen auf den Reisen nach Spanien und zum Pilgerort Compostela. Gepilgert wurde oft in kleinen Gruppen. Auch Frauen machten sich – trotz der großen Gefahren – immer wieder auf den Weg. Prominent ist etwa die englische Mystikerin Margery Kempe (um 1373 – nach 1438). Und es gibt sogar Wundergeschichten über ganze Familien in Pilgerherbergen oder entsprechende bildliche Darstellungen wie Holzstiche zum 1495 erschienenen Pilgerführer des Hermann Künig von Vach.
Entlang dem Camino Francés, der im Vergleich zu Pilgerfahrten nach Rom und Jerusalem auch für weniger Betuchte erschwinglich war, finden wir die frühesten Belege kommerzieller Gastlichkeit in Wirtshäusern und Herbergen. Das Gebot der Gastfreundschaft wurde schon in spätantiken Quellen hervorgehoben, gemäß der biblischen Weisung: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf“ (Matthäus 10, 40). Deshalb erfreuten sich Pilger auch stets eines besonderen Status’ in der kirchlichen Gesetzgebung, wie noch aus den Beschlüssen des vierten Laterankonzils von 1215 hervorgeht. Klöster hatten auch die Aufgabe, Fremde aufzunehmen, das 61. Kapitel der Benediktregel geht hierauf eigens ein. Auch Hospize und Hospitäler beherbergten Fremde. Die Unterbringung in den kirchlichen Einrichtungen scheint unproblematisch gewesen zu sein, jedenfalls werden diese in den Pilgerberichten kaum erwähnt. Anders sieht das bei den Herbergen aus. Hier hören wir, dass sich die Wirte mitunter als bösartige oder betrügerische Zeitgenossen entpuppten.
Eine Predigt im „Jakobsbuch“ berichtet in drastischen Worten von betrügerischen Zöllnern, Fährleuten und falschen Beichtvätern, besonders aber von den bösen Wirten: „Was soll ich aber von den schlechten Wirten erzählen, welche die Pilger mit zahllosen Betrügereien täuschen? Wie Judas die Strafe seiner Schuld und der Schächer den Lohn für sein Bekenntnis vom Herrn Jesus Christus während seiner Passion empfing, so werden die schlechten Gastgeber die Strafen für ihre Missetaten in der Hölle, die wahren Pilger jedoch den Lohn ihrer Werke und Mühen im Himmel ernten. Verdammt sind also die bösartigen Wirte des Jakobsweges, die durch zahllose Betrügereien die Pilger ausnehmen.“
Ein Spitalmeister zieht den Unmut seiner Gäste auf sich
Der praxisnahe Pilgerführer des Hermann Künig von Vach versorgte die Reisenden mit allerhand Informationen. So sollten sich deutsche Pilger vor den Pyrenäen nochmals Nägel in die Schuhe schlagen lassen. Zu seinen Handreichungen gehörte auch die Empfehlung von Wirtshäusern. Künig warnte seine Landsleute: Ein Spitalmeister in Burgos sei den Deutschen nicht gewogen. Dafür werden deutschstämmige Wirte empfohlen, etwa in Genf.
Der böse Spitalmeister von Burgos (vielleicht gab es auch mehrere) wurde sogar zum Gegenstand eines Pilgerlieds. In der Hälfte der Strophen des Lieds „Wer daz elent bauen will“ aus dem 15. Jahrhundert geht es um seine Untaten und seine Bestrafung. Laut dem Text soll der spanische König, als er erfahren hatte, dass in einem Spital Gäste vergiftet worden seien, sich selbst als Pilger verkleidet haben. Er fand das Spital in Burgos völlig verwahrlost vor, ließ den Spitalmeister gefangen setzen und hinrichten.
Der aus Neapel stammende Nicola Albani, der 1743 bis 1745 auf Pilgerfahrt war, berichtete von den Läusen, die er sich im großen Hospital von Barcelona eingefangen hat. Die Spitäler in Spanien seien „ohne jegliche Bequemlichkeiten“, man müsse stets auf dem harten Fußboden schlafen, einen Strohsack mit Bettgestell habe er niemals gefunden. Trotzdem kam es im Spital von Redondela zu einer amourösen Versuchung, die Nicola Albani zwar abwehrte, um seine reine Pilgergesinnung zu dokumentieren, aber er sparte dennoch nicht mit Details. Viele frühere Pilgerberichte sind dagegen äußerst knapp, der Nürnberger Sebald Örtel vermerkte als Kaufmann nur seine Ausgaben.
Sehr bunte Aufzeichnungen hinterließ Arnold von Harff, ein rheinischer Adliger, der in den Jahren 1496 bis 1498 ins Heilige Land, nach Rom und nach Compostela gereist war. Er zeigte vielseitiges Interesse für Sitten, Bräuche und Sprachen. So beschreibt er Kleidung und Trachten, etwa die Frisuren der Frauen: „Diese … Landschaft … heißt Gascogne, wo die Frauen üblicherweise ein aus Leinentüchern gewundenes Horn auf ihren Häuptern tragen.“ Mit den Unterkünften in Spanien war auch er nicht zufrieden: „Von Orthez an findest du keine gute Herberge mehr bis nach Santiago für dich und deine Pferde.“
Nur wenige Jahre zuvor hatte der Nürnberger Arzt und Humanist Hieronymus Münzer (gest. 1508) Santiago besucht. Nicht alles gefiel ihm am Ziel der Pilgerreise: „Die Stadt ist nicht groß, aber alt und mit einer sehr guten alten Ummauerung und zahlreichen starken Türmen befestigt. Das Land ist freilich gut, und die Gärten der Stadt sind voll mit Apfelsinen, Limonen, Äpfeln, Pfirsichen, Pflaumen und anderen Früchten. Aber das Volk dort ist schweinisch, hat zahlreiche Schweine, die günstig verkauft werden, und ist faul; es kümmert sich weniger um die Bearbeitung des Bodens, sondern lebt hauptsächlich vom Gewinn an den Pilgern.“
Auch das Verhalten der Gläubigen in der Kathedrale bemängelt er: „In der Kirche herrscht dauernd ein solcher Lärm, dass man sich auf einem Marktplatz wähnt. Mäßig ist da die Ehrfurcht. Der heilige Apostel wäre es wahrlich wert, dass man ihn mit größerem Respekt verehrt.“ Und obwohl er die Traditionen aus dem „Jakobsbuch“ für seinen Bericht kopierte, zweifelt er ein wenig, ob sich im Compostelaner Grab wirklich der Apostel Jakobus befinde. Dies gipfelt in dem vielsagenden Satz: „Allein durch den Glauben, der uns Menschen rettet, vertrauen wir darauf.“ Deutet sich hier schon reformatorische Kritik an?
Auch wenn es nach der Reformation stiller um Compostela wurde, so wurde der Ort Ende des 20. Jahrhunderts gleichsam „wiederentdeckt“. Das Pilgern dorthin ist bis heute ein Abenteuer, es verändert die Menschen, und sie erfahren eine große europäische und inzwischen internationale Gemeinschaft.
Autor: Prof. Dr. Klaus Herbers
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