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„Zur Großstadt demolirt“
Die Wiener Ringstraße ist das Machtsymbol Kaiser Franz Josephs I. (1848–1916). Das Jahrhundertprojekt der Gründerzeit war die einzige große Reformtat seiner 68-jährigen Regentschaft. Sie bescherte Wien einen wirtschaftlichen Boom, hatte aber auch Schattenseiten.
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Wien hätte beinahe das Industriezeitalter verpasst. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Hochburg des Habsburgerreichs noch eine mittelalterliche, seuchengeplagte Stadt hinter einem meterhohen, zackenförmigen Mauerwall und Wachbasteien. Nach zwei Türkenbelagerungen (1529 und 1683) glich die kaiserliche Residenzstadt einer Festung, die längst aus allen Nähten platzte: Es herrschte krasse Wohnungsnot, Mieten schossen in die Höhe, Heerscharen von Armen hausten in Zelten und Schuppen oder vegetierten auf der Straße.
Bereits im Vormärz hatten in geschlossenen Zirkeln liberale Politiker, Architekten, Industrielle und Bankiers über die Stadterweiterung debattiert. Da erfasste im Frühjahr 1848 die revolutionäre Stimmung in Europa auch Wien: Zuerst rebellierten die Studenten, danach immer mehr Bürger und Arbeiter. Der Aufstand richtete sich weniger gegen den Hof als vielmehr gegen den von Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar von Metternich geschaffenen Polizeistaat.
Franz Joseph I., der noch im Dezember desselben Jahres inthronisierte erst 18-jährige Kaiser, ließ den „Völkerfrühling“ blutig niederschlagen und restaurierte das neoabsolutistische System, allerdings in gemilderter Form. Eine weniger machtarrogante, mehr bürgernahe Verwaltung, etwas mehr Freiheiten fürs Volk und liberalere Gesetze für die Wirtschaft sollten seine Popularität steigern. Und ein Jahrhundertprojekt: die Stadterweiterung. 1855 begann eine von oben gesteuerte Medienkampagne mit der Forderung, die Fortifikationen zu schleifen. „Niemand kann mehr daran denken, die innere Stadt zur Festung zu gebrauchen …“, schrieb beispielsweise das „Deutsche Kunstblatt“.
Kurz vor Weihnachten 1857 geruhte Seine Majestät in einem Handschreiben, veröffentlicht in der „Wiener Zeitung“, die Neugeburt Wiens als Weltstadt zu verkünden: „Es ist Mein Wille, dass die Erweiterung der inneren Stadt Wien mit den Vorstädten ehemöglichst in Angriff genommen und hierbei auch auf die Regulierung und Verschönerung Meiner Residenz- und Reichshauptstadt Bedacht genommen werde …“
Ein unvermittelter Modernisierungsschub, der die Stadt jahrzehntelang zur Baustelle macht
Die Wiener erwachten aus ihrer Biedermeierseligkeit und stutzten: Seit wann geschieht in dieser Stadt etwas „ehemöglichst“? Noch ahnten sie nicht, dass ein epochaler Umbruch bevorstand. Daran dachte zunächst anscheinend auch der Kaiser nicht: Franz Joseph hatte, wie sein Erlass vermuten lässt, eine barocke Machtdemonstration im Sinn – eine mit repräsentativen Prunkbauten geschmückte, ringförmige Via triumphalis: für glanzvolle Militärparaden zu festlichen Anlässen und für Polizeiaufmärsche bei Unruhen.
Das sogenannte Glacis, das Gelände zwischen befestigter Stadt und Vororten, bot Platz genug. Allerdings verloren die Wiener damit nicht nur ein beliebtes Naherholungsgebiet: Für die nächsten 20 Jahre glich ihre Stadt einer ständig in Staubwolken gehüllten Baustelle. Die Bewegungsfreiheit war massiv eingeschränkt, bei Regen blieben Fußgänger, Kutschen und Pferdewagen im Morast stecken.
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Die Reaktionen waren zwiespältig: Die einen träumten von einem „Deutsch-Paris“, das Wien auf das Niveau der damals führenden Metropolen Europas heben werde; andere empörten sich über den „Verschönerungsvandalismus“, der das alte Wien zerstöre. Noch Jahre später, 1896, sollte der scharfzüngige Satiriker Karl Kraus in einem literarischen Stück lästern: „Wien wird zur Großstadt demolirt“.
Von 85 eingesandten Konzepten aus dem In- und Ausland überzeugte die Jury vor allem jenes des Architekten Ludwig Förster (1797–1863). Der in Wien lebende gebürtige Franke, der bereits im Vormärz ein Verfechter der Stadterweiterung gewesen war, lieferte die entscheidende Idee: Der neue Boulevard, später Ringstraße genannt, sollte nicht längs des geschleiften Mauerwalls, sondern viel tiefer mitten durch das weitläufige Glacis verlaufen. Das kam dem Hof, stets knapp bei Kasse, gelegen: Der Verkauf des Baulands füllte den Stadterweiterungsfonds mit 112 Millionen Gulden. Damit konnten nahezu alle öffentlichen Bauvorhaben finanziert werden. Förster sei daher der „eigentliche Schöpfer der Ringstraßenzone“, meint Fred Hennings, ein ehemaliger Burgschauspieler und begnadeter Erzähler, der in den 1960er Jahren mit der „Ringstraßen-Symphonie“ ein Standardwerk verfasst hat.
Gebaut wurde, was die Stilvielfalt des Historismus hergab: Neobarock, Neorenaissance, Neogotik, Neoklassizismus. „Wiener Stil“ oder „Ringstraßenstil“ nennt man seither diesen Mix selbstbewusst. Die westliche Achse war Kaiserhaus und Staat vorbehalten: Hofburg, Hofoper, Hofburgtheater, zwei Großmuseen, Universität, Rathaus und Parlament – dazwischen Heldenstatuen – bilden ein geschlossenes Ensemble, wie es heute noch besteht. Die neugotische Votivkirche hatte bereits 1856 gestanden, als es noch keine Ringstraße gab; errichtet wurde der zuckergussartige Sakralbau auf Initiative des jüngeren Kaiserbruders Maximilian – als „Dank der Völker Österreichs“, nachdem drei Jahre zuvor ein Attentat auf den jungen Kaiser gescheitert war.
Während das Reich schwächelt, genießen die wohlhabenden Wiener den Rausch der Operette
Jedoch steckte die Monarchie während der frühen Ringstraßen-Bauphase in einer tiefen Depression. Nach zwei verlorenen Schlachten – Solferino 1859 gegen Norditalien und Frankreich sowie Königgrätz 1866 gegen Preußen – war der Habsburgerstaat bankrott und als europäische Großmacht Geschichte. Im Jahr darauf brachte die Dauerrebellion der Ungarn das Reich an den Rand des Zerfalls, der mit dem „Ausgleich“, der Gründung der Doppelmonarchie, nur mühsam abgewendet werden konnte. Im selben Jahr erschütterte die Herrscherfamilie die Tragödie um Maximilian, den von Rebellen erschossenen Kaiser von Mexiko. Er führe ein jahrhundertealtes Reich mit „unglücklicher Hand“, klagte der ältere Bruder.
Die wohlhabende Schicht der Wiener feierte dennoch, als würde sie militärische Katastrophen und politische Untergangsängste nicht kümmern. Sie huldigte dem heimlichen Regenten der Ringstraßenzeit, dem Walzerkönig Johann Strauss Sohn. Sein Reich waren die Tanzsäle, Parks und Promenaden; er versetzte die Stadt nahezu pausenlos in ein Dreivierteltakt-Delirium. Die süße Operettenlüge „Glücklich ist, wer vergisst…“ wurde zur neuen Lebensmaxime.
Vor allem die durch die Großbauten erzeugte Goldgräberstimmung ließ die vernichtenden Niederlagen auf den Schlachtfeldern rasch vergessen: Die Ringstraße lockte Karrieristen und Glücksritter ebenso unwiderstehlich an wie sie Versager und Pechvögel gnadenlos von der Rampe warf. Wer in dieses Projekt investierte oder daran mitbaute, ging entweder in die Stadtgeschichte ein oder machte sich zum öffentlichen Gespött und landete am Ende gar im Irrenhaus.
Mancher Architekt wird unsterblich, andere trifft Schimpf und Schande
In einer menschlichen Tragödie endete im Jahr 1869 der Neubau der Hofoper. Weil das Straßenniveau nach der achtjährigen Bauzeit um fast einen Meter höher lag – wofür die Architekten August Sicard von Sicardsburg (1813–1868) und Eduard van der Nüll (1812–1868) keine Schuld traf –, höhnte der Wiener Schmäh über die „versunkene Kiste“. Kritiker verrissen die Stilmischung als „Königgrätz der Baukunst“. Van der Nüll beging Selbstmord, Sicardsburg erlag wenig später einem Herzschlag. Inwieweit die ständigen Anfeindungen ihren Tod befördert haben, ist umstritten.
Besonders hart traf es auch den aus Erfurt stammenden Bildhauer Anton Dominik Fernkorn (1813–1878). Sein Standbild von Erzherzog Karl auf dem Heldenplatz war noch als statische Sensation gefeiert worden – erstmals war es ihm gelungen, Reiter und Pferd nur auf dessen beiden Hinterläufen abzustützen. Just beim Standbild für Prinz Eugen, den großen Feldherrn der Habsburgermonarchie, gelang das Kunststück jedoch nicht: Wegen des weiter hinten liegenden Schwerpunkts musste der Pferdeschwanz als zusätzliche Stütze herhalten. Fernkorn, dem der Hof auch fahrlässigen Umgang mit öffentlichen Geldern vorwarf, endete nach drei Schlaganfällen in der Psychiatrie.
„Ringstraßenbarone“ nannte man die erfolgreichsten Architekten und Städtebauer, allen voran den Dänen Theophil Hansen (1813–1891), die Deutschen Friedrich Schmidt (1825–1891) und Gottfried Semper (1803–1879) sowie den Wiener Heinrich Ferstel (1828–1883), dessen Erstlingswerk die Votivkirche war. Hansen prägte den Charakter des „Rings“, wie die Wiener ihre Prachtstraße heute kurz nennen, am stärksten. Er baute die Kunstakademie am Schillerplatz, die roten Backsteinpaläste für die Börse am Schottenring und den Musikverein (das Stammhaus der Wiener Philharmoniker) sowie das Palais Epstein und weitere Nobelhäuser für Adlige und Bankiers.
Hansens größter Triumph ist das Parlament, dessen geringe politische Bedeutung er architektonisch geschickt aufwertete. Für das „Reichsrathgebäude“, wie es offiziell hieß, wählte er den strengen, klassisch-hellenischen Stil – ein demokratischer Fingerzeig gegen die neue Hofburg, die schräg gegenüber auf der anderen Seite der Ringstraße entstand. Vor der Auffahrtrampe platzierte er noch eine Statue der Pallas Athene. Als wollte Franz Joseph die Volksvertreter extra an seine absolute Macht erinnern, ließ er sich als antiker Imperator in wallender Toga in das Giebelrelief über dem Hauptportal meißeln. Prompt amüsierten sich die Wiener über den „Kaiser im Nachthemd“.
Die Eröffnungsfeier des Parlaments Anfang Dezember 1883 fiel würdelos hastig aus, der Kaiser schaute nur kurz vorbei. „Man legt dem Ereignisse keine Wichtigkeit bei“, schimpfte die „Wiener Allgemeine Zeitung“. 2017 entdeckten Bauarbeiter bei der noch laufenden Generalsanierung ein Bündel aus gut erhaltenen Samtbehängen für die kaiserliche Loge im Plenarsaal, die der Monarch nie betreten hat.
Auch der aus Württemberg stammende Architekt Friedrich Schmidt zeichnet für ein nicht minder prachtvolles Ringstraßengebäude verantwortlich – das Wiener Rathaus, in Ausmaß und Ästhetik mehr Kathedrale denn Kommunalbau. Tatsächlich fühlten sich danach die Lokalpolitiker gegenüber dem Hof selbstbewusster, forderten vor allem bei der Stadtplanung mehr Mitsprache. „Ein Wahrzeichen des Bürgertums“, freute sich der liberale Wiener Bürgermeister Cajetan Felder bei der Übergabe 1883.
Der Hamburger Architekt Gottfried Semper wiederum schien selbst einem Machtrausch erlegen, als er das „Kaiserforum“ entwarf. Die Schlossanlage von Versailles war ihm Vorbild genug. Geplant waren auf einer Seite der Ringstraße zwei spiegelgleiche, halbkreisförmige Burgflügel; auf der anderen die beiden Großmuseen (Kultur- und Naturgeschichte) für die kaiserlichen Sammlungen. Das neue Machtzentrum blieb jedoch aus Geldmangel ein ewiger Torso: Gebaut wurde nur einer der imposanten Hofburgflügel, mit Burggarten dahinter und Volksgarten davor, dazwischen der Heldenplatz mit den Reiterdenkmälern.
An der Ringstraße entstand auch die neue Universität, die bislang weitläufig verstreuten Institute kamen endlich unter ein Dach. Ein Staat, der Millionen für Schlösser, Kasernen und Opernhäuser ausgebe, sollte auch Geld für Bildung und Wissenschaft übrighaben, tadelten Zeitungen den Hof erstaunlich offen. Auch diese Eröffnungsfeier 1884 war dem Kaiser nur ein paar Minuten Anwesenheit wert; Architekt Ferstel erlebte sie nicht mehr, er starb im 55. Lebensjahr.
Die prägende Prachtstraße ist auch ein „jüdischer Boulevard“
Die Ringstraße befeuerte eine mehrjährige Hochkonjunktur, wie sie Wien noch nicht erlebt hatte. Ein neuer Zeitgeist zog die Stadt in seinen Bann: das Profitstreben des aufkommenden Kapitalismus. Investoren witterten fette Gewinne, Architekten prestigeträchtige Aufträge, Spekulanten schnellen Reichtum. Sogar viele ehemalige 1848er-Revolutionäre wurden Finanziers und Aktionäre.
Zwischen den öffentlichen Monumentalbauten ließen Adlige, Unternehmer und Großbürger mehrstöckigen „Zinshäuser“ (für Mietwohnungen), luxuriöse Wohnpalais (für sich selbst oder als Kapitalanlage) und Bankpaläste bauen. Die Fassaden konnten nicht protzig genug sein, sie sollten ja, so der Kunsthistoriker Hans Tietze, „den Reichtum und den gesellschaftlichen Rang ihrer Eigentümer und Bewohner zur Schau stellen“.
Die bevorstehende Weltausstellung 1873 beflügelte die Wirtschaft zusätzlich. Die Stadtväter hatten bei der Planung mit Schrecken festgestellt, dass es Wien an gehobener Gastronomie fehlte – eine internationale Blamage drohte. So entstanden die berühmten Ringstraßenhotels wie „Sacher“, „Bristol“, „Grand“ und „Imperial“ (das umgebaute Palais des Prinzen Philipp von Württemberg) sowie die klassischen Wiener Kaffeehäuser wie „Landtmann“, „Museum“ und „Schwarzenberg“. Auf dem „Corso“, heute der Kärntnerring zwischen Oper und Schwarzenbergplatz, traf sich die feine Gesellschaft zum Kaffeetratsch.
Die Ringstraße weckte Hoffnungen selbst in den entlegensten Winkeln der Monarchie. Scharen von Schtetl-Juden wollten der Armut und Verfolgung in Galizien (heute Südpolen und Westukraine) entkommen. Viele wurden Bauherren, Industrielle und Bankiers – ohne sie wäre die Ringstraße nur ein mäßig prächtiger Boulevard geworden.
Die Palais tragen noch immer die Namen ihrer einstigen Besitzer: Epstein, Todesco, Ephrussi, Schey oder Goldschmidt. Deren Familiengeschichten sind bis heute Literaturstoff. Edmund de Waal, ein Nachkomme der ostjüdischen Bankiersfamilie Ephrussi, erzielte 2010 mit „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ hohe Auflagen. 2015 zeigte das Jüdische Museum Wien die vielbeachtete Ausstellung „Ein jüdischer Boulevard“; sie erinnerte daran, dass Wien den stolzen Beinamen „Kulturhauptstadt der Welt“ maßgeblich den Juden der Gründerzeit verdankt.
Diese waren nicht nur Investoren, sondern auch großzügige Förderer von Kunst und Kultur; Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und Maler waren begehrte Gäste in ihren Salons. Die Gastgeber gehörten zu jener Generation, die 1938 von den Nazis vertrieben oder in Konzentrationslagern ermordet wurde.
Kaiser Franz Jospeh, der Philosemit am Wiener Hof, wusste den kaisertreuen Juden zu danken, als er ihnen 1867 die verfassungsrechtliche Gleichstellung gewährte. Auf antisemitische Ausfälle reagierte der Monarch äußerst energisch: „Ich dulde keine Judenhetze in meinem Reiche“, mahnte er seine Untertanen mehrfach.
Es nutzte nicht viel: Auch der Börsenkrach des Jahres 1873, der die Hochkonjunktur über Nacht abwürgte und eine Reihe von Ringstraßenmillionären in den Ruin trieb, wurde – wie so oft in der Geschichte – „Geldjuden“ angelastet. Tatsächliche Ursache des „Schwarzen Freitags“ war vielmehr eine von zahllosen Anlegern aus aller Welt aufgeheizte Spekulationsblase.
Ungezählte Arbeiter werden für das Großprojekt ausgebeutet
Was auch den Kaiser nie bekümmerte: Seine Via triumphalis entstand auf dem Elend einer schamlos ausgebeuteten Arbeiterschaft. Ihr wichtigster Arbeitgeber war der Industrielle Heinrich Drasche (1811–1880), Besitzer der Wienerberger Ziegelbrennerei. Seine Monopolstellung als Baustofflieferant für die Ringstraße machte den „Ziegelbaron“ reich, während die Arbeiter unter sklavenähnlichen Bedingungen schuften und mit ihren Familien in Elendsquartieren hausen mussten.
Arbeitsmigranten kamen in Scharen vor allem aus dem nahen Böhmen und Mähren. Statt eines Lohns bekamen die „Ziegelböhm“, wie die Wiener sie abschätzig nannten, blecherne Marken, die sie nur in werkeigenen Kantinen und Läden einlösen konnten, wo alles teurer war als anderswo in Wien.
Die niedrigste Arbeit mussten „die Sandler“ verrichten: Lehmziegel vor dem Brennen mit Sand bestreuen, damit sie nicht verklebten. Das Spottwort „Sandler“ gebrauchen die Wiener noch heute für Arbeitslose, Taugenichtse und Bettler. Eine typische Armenspezies waren auch die obdachlosen „Bettgeher“, die sich allenfalls eine Schlafstätte für acht Stunden leisten konnten. Deren Vermieter kassierten pro Bett täglich die dreifache Miete.
Viele dieser armen Teufel opferten ihre Gesundheit und ihr Leben für die Prachtbauten. Dieses rechtlose Lumpenproletariat stand Ende des 19. Jahrhunderts am Beginn der Arbeiterbewegung.
Während der fünf Jahrzehnte bis zum Ersten Weltkrieg wuchs Wien von rund 700 000 auf über zwei Millionen Einwohner an. Wien sei als Großstadt nicht organisch gewachsen, „sondern hat diese Entwicklung durch den Ringstraßenbau übersprungen“, schreibt Fred Hennings. Heute dient die Prachtstraße hauptsächlich dem profanen Zweck einer wichtigen Verkehrsachse, gelegentlich auch für Massendemonstrationen.
Ironie der Geschichte: Just Franz Joseph I., später als der „gute alte Kaiser“ belächelt und verklärt, der reformblind den schleichenden Untergang der fast 700-jährigen Habsburger Dynastie nicht wahrhaben wollte und diesen mit dem Kriegseintritt 1914 sogar beschleunigte, hat seiner Residenzstadt das Tor in die Moderne aufgestoßen – er hat Wien das imperiale Gesicht gegeben, das heute alle Welt kennt.
Autor: Rudolf Gruber
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