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Zusammenbruch der kaiserlichen Autorität
Mit den Severern etablierte sich in Rom eine neue Dynastie. Sie sah sich großen Schwierigkeiten gegenüber. Das Römische Reich befand sich an einem Wendepunkt und steuerte auf eine neue Form der Monarchie zu.
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Gegen Ende des 2. Jahrhunderts begannen viele Römer, sich nach den „guten alten Zeiten“ zu sehnen, die in Wirklichkeit gar nicht so gut gewesen waren, wie man sie sich rückblickend vorstellte. Doch sie hatten insofern recht, als sich die Verhältnisse spürbar verändert hatten. Das einst so stolze römische Staatsschiff war ins Schlingern geraten und schien in vielen Bereichen vom Kurs abzukommen. Unter Kaiser Mark Aurel hatten im Jahr 166 die Markomannen und andere germanische Völker die Donau überschritten. Sie waren nach vier Jahre dauernden Kämpfen mühsam zurückgedrängt worden, blieben aber als Bedrohungspotential präsent. Auch mit der Wirtschaft und den Finanzen stand es wegen einer mehr als großzügigen, meist unrentablen Ausgabenpolitik nicht zum Besten. Und ein großes Problem war nicht zuletzt die Tatsache, dass das Vertrauen in die Fähigkeiten der Herrscher rapide nachgelassen hatte.
Die Ideologie des „optimus princeps“: Nachfolger wird der Beste, nicht der Sohn des Herrschers
Viele Jahrzehnte lang war Rom von fähigen, fehlerfreien, allseits respektierten und bewunderten Kaisern regiert worden. So lautete jedenfalls die von der Ideologie des optimus princeps, des „besten Kaisers“, geleitete Eigenpropaganda der Herrscher von Nerva (er regierte von 96 bis 98) bis Mark Aurel (seine Herrschaft dauerte von 161 bis 180). Tatsächlich bewährte sich das in dieser Zeit praktizierte Modell einer Nachfolgeregelung, die auf der Idee basierte, die Herrschaft nicht innerhalb der Familie zu transferieren. Vielmehr suchte sich der Kaiser seinen Nachfolger gezielt aus dem Kreis der politischen Eliten des Reiches aus und band ihn per Adoption an sich.
Verschwiegen wurde dabei der Umstand, dass aufgrund einer biologischen Zufälligkeit keiner dieser Adoptivkaiser leibliche Söhne hatte. Die Abkehr vom dynastischen Prinzip bescherte den Römern jedenfalls eine Reihe von Kaisern, die dem Ideal des optimus princeps insofern entsprachen, als sie für Sicherheit und Wohlstand im Reich sorgten und bei den gesellschaftlich relevanten Gruppen, allen voran den Senatoren und den Soldaten, ein hohes Maß an Akzeptanz fanden.
In der Zeit des Kaisers Mark Aurel war es mit der Wohlfühloase Rom jedoch vorbei. Dies lag nicht nur daran, dass die Reichsgrenzen von germanischen Völkerschaften bedrängt wurden. Ein wichtiger Grund war auch die Rückkehr zum dynastischen Prinzip. Mark Aurel hatte, anders als die Adoptivkaiser, einen eigenen Sohn und baute Commodus noch zu Lebzeiten als seinen Nachfolger auf. Keine gute Wahl, wie sich zeigen sollte, denn Commodus sammelte als Prinzeps ein solch langes Sündenregister an, dass er häufig in einem Atemzug mit exzentrischen Kaisern wie Caligula oder Nero genannt wird.
Der ungeliebte Tyrann starb so spektakulär, wie er regiert hatte: 192 wurde er Opfer einer Verschwörung. Leibliche Nachkommen gab es nicht, heftige Kämpfe um die Macht waren die Folge. Heer, Senat und Prätorianer schickten ihre jeweiligen Favoriten in das Rennen, aus dem im Jahr darauf schließlich Septimius Severus als Sieger hervorging.
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Seine Herrschaft war ein Novum in der römischen Geschichte. Septimius Severus war der erste Kaiser afrikanischer Herkunft. Seine Wiege stand in Libyen, in der Stadt Leptis Magna, die er, als er Kaiser geworden war, mit großem Aufwand zu einem urbanen Schmuckstück ausbaute. Seine Ehefrau Julia Domna stammte aus Emesa in Syrien (dem heutigen Homs). Nur noch erzkonservative Kreise in der Hauptstadt stießen sich daran, dass nun ein Afrikaner auf dem römischen Kaiserthron saß. Fremdheit stellte, anders als noch zu Zeiten der spanischen Imperatoren Trajan und Hadrian, längst kein Stigma mehr dar. Provinzialen Eliten bot das politische System daher vielfältige Möglichkeiten des Aufstiegs.
Septimius Severus war mit Waffengewalt und durch Bürgerkriege an die Macht gekommen, aber er hatte auch bereits viele Erfahrungen in politischen und militärischen Führungsämtern gesammelt. Außerdem verstand er es glänzend, sich durch eine demonstrative Hinwendung zum Römertum geradezu als Musterrömer zu präsentieren. Das bewies er bereits ganz am Anfang, als er nach seinem Sieg über die Rivalen einen derart triumphalen Einzug in die Hauptstadt Rom feierte, dass der nicht leicht zu beeindruckende zeitgenössische Historiker Cassius Dio als Augenzeuge begeistert zu Protokoll gab, die glänzendste Schau erlebt zu haben, der er jemals gesehen habe.
Septimius Severus überlässt dem Militär immer mehr Raum
Nach dem Feiern ging es unverzüglich an die Arbeit, denn der neue Kaiser sah sich einem Berg von Problemen gegenüber. Seine Hauptaufgabe war für ihn, die gefährdeten Reichsgrenzen zu sichern und damit Roms bedrohte Machtstellung zu gewährleisten. Das Rezept, das er dem maroden Patienten Rom verordnete, bestand in einer tiefgreifenden Militarisierung von Staat und Gesellschaft. Alles, so das Credo des Septimius Severus, müsse den Belangen des Militärs untergeordnet werden. So wurde ein Paket mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen geschnürt. Der Kaiser verbesserte die Karrierechancen von niederen Chargen in der Armee und stachelte damit deren Ehrgeiz an. Die Zahl der Legionen wurde erhöht.
Entgegen allen bisherigen Gepflogenheiten wurde auch eine Legion in der Nähe der Stadt Rom stationiert, die dem Kaiser als jederzeit verfügbare mobile Einsatzreserve zur Verfügung stand. Die Soldaten wurden durch eine spürbare Erhöhung des Soldes motiviert. Wer beim Militär diente, durfte sich über viele Privilegien freuen. Der Senat verlor als Folge dieser Reformen seinen Einfluss auf die Reichsverwaltung, Rom wurde vom Kaiser und der Armee regiert.
Aufgrund dieser Maßnahmen konnte es sich das von Septimius Severus geführte Rom auch wieder leisten, nicht nur das Reich zu verteidigen, sondern selbst in die militärische Offensive zu gehen. Konfliktträchtige Szenarien gab es genug – an Rhein und Donau, aber auch am Euphrat. Hier, im Osten des Imperiums, waren es mit den Parthern alte Bekannte, mit denen Rom schon viele Kriege ausgetragen hatte und die nun erneut ins Visier des Kaisers und seiner Militärs rückten. Ein erfolgreicher Feldzug im Jahr 194 trug ihm viele Pluspunkte ein. An den Sieg gegen die Parther erinnert bis heute der Septimius-Severus-Bogen auf dem Forum in Rom.
Seine Söhne Geta und Caracalla schickte der Herrscher nach Britannien, wo diese zunächst allerdings mit eher mäßigem Erfolg agierten. So startete Septimius Severus, bereits von einer Krankheit geschwächt, eine eigene Offensive in Britannien. Sie führte zu keinem Ergebnis, weil der Kaiser im Februar 211 in Eburacum, dem heutigen York, starb.
Der Kaiser kann nicht überall sein – Kommandeure springen ein
Seine Erfolge waren teuer erkauft worden. Die Reformen verschlangen viel Geld. Die Ausgaben für das Militär rissen tiefe Löcher in die Staatskassen. Und wie sich unter seinen Nachfolgern zeigen sollte, büßten die Kaiser mehr und mehr an Akzeptanz und Autorität ein. Darunter litt das Ansehen des Prinzeps nicht nur als Person, sondern auch als Institution.
Die Probleme an den Grenzen blieben, und der Kaiser konnte nicht überall sein, wo er gebraucht wurde. Zogen zur gleichen Zeit Alamannen über den Rhein und Perser über den Euphrat, musste sich der Herrscher für einen Feuerwehreinsatz entscheiden. Am anderen Schauplatz mussten die Soldaten auf ihren obersten Dienstherrn verzichten. So nahmen die Legionskommandanten in den gefährdeten Provinzen mehr und mehr das Heft selbst in die Hand und lösten sich von der kaiserlichen Zentralgewalt.
Seinen beiden Söhnen hatte Septimius Severus den Satz mit auf den Weg gegeben: „Seid einig, bereichert die Soldaten, verachtet alles andere.“ Den ersten Teil der väterlichen Mahnung hatte zumindest Caracalla überhört, der seinen Bruder Geta umbringen ließ und die alleinige Herrschaft an sich riss. Der neue Kaiser, der in Wirklichkeit Marcus Aurelius Antoninus Caesar hieß, wegen seiner Vorliebe für den keltischen Kapuzenmantel „caracalla“ aber meist mit diesem Spitznamen bezeichnet wurde, setzte die aktive Militärpolitik des Vaters fort. So unternahm er 213 in Germanien einen erfolgreichen Feldzug gegen die Alamannen.
Doch bereits 217 wurde er bei einer militärischen Operation in Mesopotamien ermordet. Hinter der Tat stand der Prätorianerpräfekt Macrinus. Sie war ein deutliches Indiz dafür, dass die kaiserliche Stellung in den sechs Jahren der Caracalla-Herrschaft weiteren Schaden genommen hatte. Getrauert hat damals nur die stadtrömische Bevölkerung, deren Sympathien Caracalla nicht zuletzt durch die Eröffnung der nach ihm benannten, heute noch zu den touristischen Attraktionen der Tiberstadt zählenden Thermen gewonnen hatte.
Macrinus ließ sich noch in Mesopotamien von seiner Armee zum neuen Kaiser ausrufen. Der Senat war nicht involviert, es zeichnete sich bereits die neue Ära der Soldatenkaiser ab. Die militärfreundlichen Reformen des Septimius Severus entwickelten sich, was der Urheber noch nicht ahnen konnte, zu einem klassischen Eigentor, denn zunehmend waren es die Generäle, die den Kurs im Staat vor-gaben. Macrinus konnte sich allerdings nicht lange an seiner neuen Würde erfreuen. Ihm wurde eine Lektion erteilt, die im weiteren Verlauf des 3. Jahrhunderts viele Kaiser zu lernen hatten. Die einfache Formel lautete: Soldaten machen Kaiser, Soldaten entlassen Kaiser. „Entlassung“ bedeutete dabei fast immer: Der Kaiser wurde ermordet. Macrinus er-eilte dieses Schicksal, nachdem er angesichts der chronischen Ebbe in der Staatskasse rigorose Sparmaßnahmen bei den Militärausgaben verkündet hatte.
Die Soldaten trennten sich um so bereitwilliger von Macrinus, als sie viel Geld dafür erhalten hatten, einen Kandidaten aus der vorübergehend entmachteten Severer-Familie zu unterstützen. Drahtzieherin war Julia Maesa, die Schwester der Julia Domna, die mit dem Dynastiegründer Septimius Severus verheiratet gewesen war. Die reich beschenkten Soldaten proklamierten im Mai 218 den 14-Jährigen Enkel der Julia Maesa im syrischen Emesa zum neuen römischen Kaiser. Seine Qualifikation für das höchste Amt im Staat war nicht für jeden erkennbar. Sie beschränkte sich auf den Posten eines Priesters des syrischen Gottes Elagabal. Dessen Namen wählte der neue Kaiser auch als seinen Herrscher-namen.
Herrscherwechsel durch Mord – ein Muster, das sich etabliert
Elagabal regierte vier Jahre lang, bis zum 11. März 222. Die historischen Quellen überschlagen sich in der Bewertung der Herrschaft des jungen Mannes mit negativen Wertungen. Viele bemühen dabei auch die Kategorie „wahnsinnig“, die immer dann zur Anwendung kam, wenn römische Kaiser nicht den Standards entsprachen, die senatorische Kreise an einen Prinzeps stellten. Aber auch wenn man diese Tendenz in Rechnung stellt, bleibt die Feststellung, dass Elagabal viel tat, um die kaiserliche Autorität weiter zu untergraben. Die Maßnahme, seinen favorisierten Gott zum obersten Reichsgott zu befördern, sorgte nicht nur in traditionell orientierten Kreisen für Befremden. Dass er mit 18 Jahren bereits auf sechs Ehen zurückblicken konnte, war selbst für römische Verhältnisse schwer tolerabel. Zudem vernachlässigte er die Soldaten, deren Loyalität für einen römischen Kaiser mittlerweile unabdingbar war. So war es fast folgerichtig, dass es Soldaten waren, die ihn und seine Mutter ermordeten.
Letzter Vertreter der Severer-Dynastie war Severus Alexander, der von 222 bis 235 herrschte und es damit immerhin auf, angesichts der turbulenten Zeiten, respektable 13 Regierungsjahre brachte. Bewusst stilisierte er sich als personifiziertes Gegenprogramm zum exotischen Elagabal und ließ zu diesem Zweck sogar einen fiktiven Stammbaum erstellen, der ihn zu einem Abkömmling der Meteller, einer uralten römischen Adelsfamilie, machte. Aber auch er erbte die alten Probleme. Außenpolitisch machte ein Herrscherwechsel in Persien Sorgen. Mit den Sassaniden etablierte sich eine neue, ausgesprochen expansiv ausgerichtete Königsdynastie. Severus Alexander unternahm 231 einen Feldzug gegen die neue Macht, und es gelang ihm sogar, deren Vormarsch zu stoppen. Doch dann wurde er an den Rhein gerufen, weil es wieder zu einem Einfall der Germanen gekommen war. Wirklich willkommen war er dort nicht: Die in Mainz stationierten Truppen meuterten, töteten den Herrscher und seine Mutter und ernannten ihren Kommandanten Maximinus Thrax zum neuen Kaiser – die Geburtsstunde der Soldatenkaiserzeit.
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