Zwei streitbare Pioniere - wissenschaft.de | DAMALS
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Zwei streitbare Pioniere
Der Beginn der Aufklärung in Deutschland wird für gewöhnlich mit den beiden Universitätsstädten Leipzig und Halle assoziiert. Im Zentrum stehen dabei Christian Thomasius (1655 –1728) und Christian Wolff (1679 –1754).
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Leipzig und Halle sind Städte in der Mitte Deutschlands, die zwar nahe beieinander liegen, aber zwei unterschiedlichen Territorien angehörten – Kursachsen und Kurbrandenburg. Auch als urbane Gemeinwesen waren sie unterschiedlichen Charakters. Leipzig war schon im Mittelalter eine bedeutende Messe- und Handelsstadt, deren selbstbewusste Bürger eine gewisse Distanz zu dem in Dresden ansässigen Hof pflegten. Als Buchhandelszentrum und als Universitätsstadt – die Universität wurde bereits 1409 gegründet – war Leipzig schon früh eine einflussreiche Stadt, die auch als kulturelles Zentrum von sich reden machte.
Halle hatte im Mittelalter durch Salzgewinnung und Salzhandel ökonomische Bedeutung erlangt, es gewann in vorreformatorischer Zeit durch den lange in Halle residierenden Magdeburger Erzbischof und Mainzer Kurfürsten Albrecht von Brandenburg (1490 –1545) kulturellen Glanz. Es drohte aber seine hervorgehobene Position einzubüßen, als das Erzstift Magdeburg an Kurbrandenburg fiel. Mit der 1694 erfolgten Gründung der Friedrichs-Universität sollte die Stadt wieder aufgewertet und mit einer neuen Funktion innerhalb des Kurfürstentums versehen werden.
Diese Universität gilt als die erste Aufklärungsuniversität in Deutschland, was natürlich eine Zuschreibung im Nachhinein ist, denn an Aufklärung als ein Programm, das eine Universität tragen und umsetzen sollte, hatten die damaligen Akteure noch nicht gedacht. Man war sich allenfalls einig, die bestehenden Verhältnisse in Theorie und Praxis zu verbessern, nämlich durch Einsicht in die wahre Erkenntnis sowie in das richtige Wollen und Handeln als Voraussetzung für eine umfassende, auf das individuelle und das allgemeine Glück zielende Lebenspraxis. Dies bedeutete noch keine Übereinstimmung in den Methoden, und selbst die Ziele differierten von Anfang an und erst recht in der weiteren Perspektive.
So unterschiedlich Halle und Leipzig auch waren, als Stätten der Aufklärung hatten sie doch ihre Gemeinsamkeiten, nämlich etwa als Wirkungsorte von Aufklärern, die beiden kulturellen Zentren verbunden waren. Exemplarisch sind hier Christian Thomasius und Christian Wolff zu nennen, die beide unterschiedliche Versionen von Aufklärung vertraten und doch über bemerkenswerte Gemeinsamkeiten verfügten. Dazu zählten die Auseinandersetzung mit Theologen, die für beide zur Vertreibung führte – Thomasius aus Leipzig und Wolff aus Halle –, der zumindest zeitweilige Gebrauch des Deutschen als Wissenschaftssprache, die schulbildende Wirkung und die betont praktische Ausrichtung ihrer theoretischen Unternehmungen.
Der Gelehrte tritt im Gewand des Kavaliers vor die Studenten
Thomasius’ erster historisch bemerkenswerter Auftritt war gewissenhaft inszeniert: Im Herbst 1687 kündigte er als Privatdozent – also faktisch noch ohne gesicherte Stellung – an der Universität Leipzig auf Deutsch eine Vorlesung zur Klugheitslehre des spanischen Jesuiten Baltasar Gracián an und stellte der „Studirenden Jugend“ einen „Discours“ vor, „welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle“. Thomasius erschien nicht im Talar des Gelehrten, sondern in „buntem Habit, und mit einem güldenen Seiten-Gehencke“.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Indem Thomasius im akademischen Rahmen nicht als seriöser Gelehrter, sondern – mit einem Degen angetan – als Kavalier auftrat, setzte er exemplarisch um, was er in der Vorlesung forderte. Denn nachgeahmt werden sollten die Franzosen nicht nur im Gebrauch und in der Pflege der eigenen Landessprache als Kommunikationsmedium für jedwede Gelehrsamkeit, sondern nachgeahmt werden sollten die Franzosen besonders darin, „daß man sich auff honnéte Gelehrsamkeit / beauté d’esprit, un bon gout und galanterie befleißige; Denn wenn man diese Stücke alle zusammen setzet, wird endlich ein parfait homme Sâge oder ein vollkommener weiser Mann daraus entstehen / den man in der Welt zu klugen und wichtigen Dingen brauchen kan“.
Die knappe Stelle aus dem Jahr 1687 zeigt im Kern, worum es Thomasius schon früh ging und in der Folge auch weiterhin gehen sollte, nämlich um eine Gelehrsamkeit, die offen und weltgewandt im Sinn praktischer Verbesserungen brauchbar ist und so eine pedantische und praxisferne Gelehrsamkeit verabschiedet.
Die von Thomasius geforderte Gelehrsamkeit ist keine Wissenschaft in einem engeren Sinn. Thomasius bezeichnete sie später als „Gelahrheit“ und hielt in der 1691 dann schon in Halle erschienenen „Einleitung zu der Vernunfft-Lehre“ dazu fest: „Die Gelahrheit ist eine Erkäntnüß / durch welche ein Mensch geschickt gemacht wird / das wahre von dem falschen / das gute von dem bösen wohl zu unterscheiden / und dessen gegründete wahre / oder nach Gelegenheit wahrscheinliche Ursache zu geben / umb dadurch sein eigene als auch anderer Menschen im gemeinen Leben und Wandel zeitliche und ewige Wohlfahrth zu befördern“.
Es geht also nicht um bloßes Wissen, es geht vielmehr um praktische Relevanz, die ihr Maß in zeitlicher und ewiger Wohlfahrt findet, und zwar des Einzelnen wie seiner Mitmenschen. Wenn Thomasius noch zusätzlich behauptet, dass „Gelahrheit“ durch „gute Auferziehung, conversation mit andern Leuten, Lesung guter Bücher, eigne Erfahrung, und reiffes Nachsinnen, zuvörderst aber durch die Gnade Gottes“ erworben werde, dann wird klar, dass Gelehrtheit keine Fachkenntnis, sondern vielmehr eine Art Allgemeinbildung ist.
Mit Hilfe der „Gelahrheit“ sollen die Menschen selbständiger werden
Und weil diese „Gelahrheit“ „ihren Sitz im Verstande des Menschen“ hat und jeder Mensch über Verstand verfügt, kann sie und muss sie – darauf kommt es an – von jedem und jeder, „waserley Standes oder Geschlechtes“ er oder sie auch sein mag, erworben werden. Verbunden ist diese Allgemeinheit der „Gelahrheit“ schließlich mit einem zeituntypisch hohen Maß an Selbständigkeit und Selbstbestimmung. So ermuntert Thomasius seine Leser und Leserinnen in direkter Ansprache zu „eigenem Nachdenken“ und ermutigt dazu, an den Ergebnissen dieses eigenen Nachdenkens auch dann festzuhalten, wenn sie zur „Autorität deiner Obrigkeit / deiner Eltern oder deiner Praeceptorum [Lehrer]“ in Widerspruch geraten. Kants Wahlspruch der Aufklärung – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – ist insofern knapp 100 Jahre vor Kant von Thomasius vorweggenommen worden.
Christian Thomasius hatte als Jurist und als Philosoph in Leipzig und später in Halle der gelehrten Kultur seiner Zeit wichtige und weittragende Impulse vermittelt, die sich allerdings in vielerlei Hinsicht mehr einem Impetus als einer durchgeführten Theorie verdankten. Dies hatte dem eine Generation jüngeren Philosophen und Mathematiker Christian Wolff nicht gereicht.
Eigentlich hatte Wolff Theologe werden sollen, doch weil er – nach eigenem Bekunden – durch seine Schulbildung schon so gut vorbereitet gewesen sei, dass er den theologischen Vorlesungen nichts Neues habe abgewinnen können, wandte er sich der Mathematik zu.
Dabei soll auch Wolffs mathematisches Interesse ursprünglich theologisch motiviert gewesen sein. Denn schon früh habe er in seiner Heimatstadt Breslau wahrgenommen, dass sowohl Katholiken als auch Lutheraner auf das heftigste miteinander stritten und gleichzeitig behaupteten, recht zu haben. Daher hielt er es für wünschenswert, „die Wahrheit in der Theologie so deutlich zu zeigen, daß sie keinen Widerspruch leide“. Weil nun „die Mathematici ihre Sachen so gewis erwiesen, daß ein jeder dieselben vor wahr erkennen müsse“, sollte mit Hilfe der Mathematik gelingen, der Theologie eine „unwiedersprechliche Gewißheit“ zu verschaffen. Am Ende verlor Wolff jedoch sein Interesse an der Theologie, und es blieb der Wunsch, diese „unwiedersprechliche Gewißheit“ der Philosophie und allen ihren Teilgebieten zu verschaffen.
Als Wolff nach seiner Habilitation und anschließender Lehre in Leipzig 1706 in Halle Professor für Mathematik wurde, war diese – wie er selbst feststellte – „eine unbekanndte und ungewohnte Sache, von der Solidität hatte man keinen Geschmack und in der Philosophie dominirte H. Thomasius, dessen sentiment aber und Vortrag nicht nach meinem Geschmack waren“.
Eindeutige Wahrheiten statt ewiger Diskussionen
Für Wolff war hingegen klar, dass die Philosophie nur dann zu gründlicher Erkenntnis gelangen könne, wenn sie sich in den „Fusstapfen Euclidis“ bewegte, das heißt, sie muss „die Bedeutung aller Wörter in richtige Schrancken“ einschließen und die jeweils „folgenden Wahrheiten aus dem Vorhergehenden in einer beständigen Verknüpffung“ herleiten. Alle Wahrheiten sind demnach begründungslogisch miteinander verbunden: Wahre Erkenntnis in der Politik setzt wahre Erkenntnisse in der Ethik voraus, und diese sind in der wahren Metaphysik begründet.
Möglich wird diese lückenlose Verknüpfung wahrer Aussagen aus Wolffs Sicht durch „völlige Gewissheit“, die die Philosophie nur erlangen könne, wenn sie ihre Urteile „aus gewissen und unerschütterlichen Grundsätzen durch gültige Schlussfolgerungen“ herleite.
Dabei zeichnet sich die philosophische Erkenntnis – im Unterschied zur bloß beschreibenden „historischen Erkenntnis” – dadurch aus, dass sie nicht nur Tatsachen feststellt, sondern deren Gründe benennt: Philosophie „deckt den Grund der Tatsache auf, so dass verständlich wird, warum etwas Derartiges geschehen kann“.
Andere Gründe führen zu anderen Tatsachen, so dass die Philosophie nicht nur das Gegebene und dessen Gründe protokolliert, sondern von Wolff als „die Wissenschaft des Möglichen“ verstanden wird, und zwar des Möglichen, „insofern es sein kann“. Die Rede von der Möglichkeit hat nicht zuletzt praktische, ja sogar politische Konsequenzen, denn indem Philosophie auf das Mögliche reflektiert, ist sie in der Lage, das Gegebene zu überschreiten, und bietet so die Voraussetzung für praktische Veränderungen.
Wolffs Philosophiebegriff verfügt insofern über ein aufklärerisches Potential politischer Kritik, die auf der prinzipiell möglichen theoretischen Durchdringung der Wirklichkeit beruht. Vor allem in seiner „Deutschen Politik“ hat Wolff diese kritische Dimension betont: Er will kein „Geschicht-Schreiber“ sein, „der bloß erzehlet, was im Brauch ist“, sondern er redet „als ein Weltweiser von dem, was mit Vernunfft geschehen kan und soll. Trifft es mit dem überein, was üblich ist; so erkennet man, dass unsere Einrichtungen vernünfftig sind. Findet man hingegen, dass es anders beschaffen, als wie es erwiesen; so lernet man, worinnen noch eine Verbesserung vorzunehmen“.
Wolffs Ansprüche an seine eigene Theorie sind ebenso ausgeprägt wie sein Selbstbewusstsein. Was er ausdrücklich mit Blick auf seine Naturrechtslehre feststellt, nämlich, dass er sich „nicht durch Meynungen“ habe überreden lassen, „sondern vielmehr bis zur Wahrheit“ vorgedrungen sei, gilt für seine gesamte Philosophie. Weil er den „eintzigen Weg zu gründlicher Erkäntniß“ eingeschlagen habe, könne niemand daran zweifeln, dass die von ihm ausgeführten Wahrheiten die „nützlichsten … für das menschliche Geschlechte“ seien.
Absolutheitsanspruch führt in die Sackgasse
Christian Wolffs Anspruch ist in gewisser Weise absolut. Die von ihm erkannten Wahrheiten sind notwendig mit allen anderen Wahrheiten verknüpft, so dass sich eine interne Geschlossenheit herstellt, welche die Grenzlinie zwischen wahr und falsch definiert. Außerhalb dieses rationalistischen Verknüpfungszusammenhangs der Wahrheit kann es keine Alternative geben, und so ist Wolffs Philosophie faktisch außerstande, einen sinnvollen Dissens zuzulassen.
Diese konsequente Einlinigkeit begründete den Reiz und die Wirkung der Wolff’schen Philosophie und besiegelte zugleich ihr Schicksal. Denn akzeptierte man die Wolff’schen Annahmen, konnte man als Anhänger Wolffs eigentlich nur reproduzieren, was der Meister schon gedacht hat. Dass sich selbst die Wolffianer mit dieser langweiligen Perspektive auf die Dauer nicht abfinden wollen, liegt auf der Hand. Als dann Thomasianer und Wolffianer mindestens eine Generation später an der Universität Leipzig gegeneinander antraten, hatten sie die von Anfang an konkurrierenden Konzepte bereits weiterentwickelt.
11. Juni 2026
Die erste Fußballweltmeisterschaft fand 1930 in Uruguay statt. Aber warum eigentlich gerade dort? Bis dahin hatten die großen europäischen…
Geschichte & Archäologie
Rätsel um kopflose Skelette geht weiter
9. Juni 2026
Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen…
Geschichte & Archäologie
Mammutfund erweist sich als steinzeitliches Cold Case
8. Juni 2026
Cold Case: Ein bei Regensburg entdecktes Mammutskelett hat sich als wichtiges Zeugnis der menschlichen Frühgeschichte entpuppt. Denn…