Nicht mehr die antike Vier-Säfte-Lehre, die ein Ungleichgewicht von Blut, Schleim, von gelber und schwarzer Galle für Krankheiten verantwortlich machte, bestimmte in der Renaissance den medizinischen Alltag. Stattdessen herrschte die Vorstellung von widernatürlichen Krankheitsstoffen im Körper, die es auszuscheiden galt. Dazu bediente man sich des klassischen „Dreigestirns“ der sogenannten heroischen Medizin: Aderlass, Brech- und Abführmittel.
Michael Stolbergs quellengesättigte Studie zur Geschichte der „gelehrten Medizin“ zu Beginn der frühen Neuzeit stützt sich auf einen einmaligen Fundus, nämlich die Aufzeichnungen des böhmischen Arztes Georg Handsch (1529–1578). Diese Schriften umfassen mehr als 4000 Seiten und sind zumeist in Latein geschrieben. Erstaunlicherweise haben sie bislang in der Medizingeschichtsschreibung kaum Beachtung gefunden.
Handschs Nachlass enthält unter anderem Vorlesungsmitschriften sowie Notizen von Krankenbesuchen aus seiner Studienzeit an der für ihre praxisnahe Ausbildung berühmten medizinischen Fakultät der Universität Padua. Daneben findet man Einträge zu eigenen diagnostischen und therapeutischen Beobachtungen während seiner Prager Zeit – Handsch hatte dort zunächst studiert – und der späteren Tätigkeit als Leibarzt auf Schloss Ambras bei Innsbruck.
Stolberg war gut beraten, diese einzigartige Fülle an Informationen über Ausbildung und praktische Tätigkeit eines gelehrten Arztes nicht für eine Biographie im traditionellen Sinn zu nutzen. Sein Ziel war es vielmehr, unter Einbeziehung weiterer Quellen „die medizinische Welt der Renaissance in einer bislang in der historischen Forschung unerreichten Differenziertheit und Praxis- und Alltagsnähe unter Einbeziehung der Patientenerfahrung und der medikalen Laienkultur zu rekonstruieren“. Das ist ihm zweifellos gelungen.
Während Fachleute über die eine oder andere These streiten dürften, hält das Buch für das interessierte Publikum viele neue Einsichten bereit. Das gilt insbesondere für den dritten Teil, der teilweise ein ganz anderes Bild vom Arzt-Patient-Verhältnis zeichnet, als wir es heute kennen. Die Kranken waren damals in einer sehr viel stärkeren Position gegenüber dem Arzt. So notierte sich Handsch beispielsweise als Merkposten, dass der Arzt dem Patienten „geduldig und aufmerksam lauschen müsse“. Man legt das Buch schließlich mit der Erkenntnis aus der Hand, dass diese medizinische Welt „mit ihren leib- und erfahrungsnahen Konzepten“ unwiederbringlich verlorengegangen ist.
Rezension: Prof. Dr. Robert Jütte
Michael Stolberg
Gelehrte Medizin und ärztlicher Alltag in der Renaissance
Verlag De Gruyter/Oldenbourg, München 2021, 588 Seiten, € 89,95





