Im Januar 1862 erhielt der britische Außen- und spätere Premiermini-ster Lord Russell Post von der Königin. „Lord Russell sollte darauf achten“, ließ ihn die verärgerte Viktoria wissen, „daß die Regel nicht durchbrochen wird, wonach keine [diplomatischen] Entwürfe abgeschickt werden, ohne daß die Königin sie zuvor gesehen hat“.
Die Lords Palmerston und Aberdeen, Benjamin Disraeli und William Gladstone, die Jahre später höchste Regierungsämter bekleideten, erhielten während ihrer Amtszeiten ähnli‧che Ermahnungen aus dem Buckingham-Palast oder aus Schloß Windsor. Immer wieder versuchte die Königin, ihren Premier- und Außenministern klarzumachen: Sie, ja: sie, sei die Herrscherin des Landes, der Weltmacht Großbritannien, und sie wolle über die laufenden Regierungsgeschäfte regelmäßig informiert werden, mehr noch: Sie wolle an wichtigen Entscheidungen höchstpersönlich mitwirken, bei ihrer Vorbereitung gehört werden.
Viktorias Interventionen bei Mitgliedern des Kabinetts, die sich in Hunderten von Instruktionen und Memoranden niederschlugen, berührten eines der großen Themen der britischen Innenpolitik, ja der europäischen Verfassungsgeschichte im 19. Jahrhundert – das Verhältnis und die Machtverteilung zwischen der Krone einerseits und der von der Parlamentsmehrheit getragenen Regierung andererseits.
Wußte die Königin, die die Minister unablässig und geradezu unbekümmert mit ihren Wünschen und Forderungen konfrontierte, auf welch heiklem politischem Terrain sie sich bewegte? War ihr bekannt, daß die Materie genügend Stoff für Revolutionen enthielt? Hatte sie überhaupt eine klare Vorstellung, welche politischen Kompetenzen sie im aufziehenden Zeitalter der Massendemokratie hatte und welche nicht? Liest man heute ihre Anweisungen und Wünsche an die verantwortlichen Minister, drängt sich der Eindruck auf, daß die Königin in den Jahren nach ihrer Thronbesteigung 1837 und noch am Ende ihrer langen Herrschaft die Zeichen der Zeit nicht erkannt hatte oder sie einfach ignorierte.
Viktorias unmittelbare Vorgänger auf dem englischen Thron hatten sich um die Details der Tagespolitik wenig gekümmert und sie ihren Ministern überlassen. Sie zogen es vor, den Premierminister zu ernennen und dann selbstvergessen ihren Vergnügungen nachzugehen oder sich um ihre verwickelten privaten Verhältnisse zu kümmern. Oft überstiegen die komplizierten politischen Sachverhalte, die ihnen die Minister vortrugen, ihr geistiges Fassungsvermögen, langweilten sie. Die Monarchie hatte sich überlebt, so schien es, und sich freiwillig aus dem Zentrum der Politik verabschiedet.




