Beim „Prallen Jahr“ wird die Strukturierung des Lebens auf dem Land durch jahreszeitliche Arbeiten und den kirchlichen Festkalender vorgeführt. Die (wenigen) üppigen Seiten des Lebens vor der Industrialisierung werden anhand besonders schöner Objekte aus der hervorragenden Tiroler Sammlung illustriert.
Die Ästhetik dieser Schmuckstücke begeisterte schon den Tiroler Gewerbeverein im 19. Jahrhundert. Der wollte Muster einer Handwerkskultur retten, die von industriell hergestellter Massenware verdrängt wurde. Wer mochte sich noch mit der Herstellung phantasievoller Faschingskostüme oder von aufwendigem Osterschmuck abmühen, wenn beides billig zu kaufen war? So bestimmten die reichgeschmückten Zeugnisse der Volkskunst oft die Präsentation in Volkskunst- und Volkskundemuseen und vermittelten fälschlich den Eindruck, die Bauern hätten oft gefeiert, und viele seien wohlhabend gewesen.
Im „Prallen Jahr“ in Innsbruck sind diesen Objekten nun aber jeweils Arbeitsgeräte der Saison zugeordnet, die daran erinnern, wie mühselig die Überschüsse für Feste und Bräuche in der Landwirtschaft erarbeitet werden mussten. So zeigte der festliche Almauftrieb mit reichgeschmückten Tieren den Beginn der monatelangen Hütearbeit und Sennerei an.
Im Spätsommer mussten die reifen Reben vor Vögeln, Vieh und Dieben geschützt werden. Das war Aufgabe des Weinberghüters. Wunderbar aufgemacht, steht so ein Saltner mit einem reichverzierten Ledergürtel, Eberzähnen am Wams, Fuchsschwänzen um den Hals und eindrucksvollen Federn auf dem Kopf bereit für den Einsatz. Aber nicht die Südtiroler Winzer erfanden diese (Ver-)Kleidung, sondern sie entstand als Reaktion auf Touristen in Meran. Deren Staunen angesichts der früher schon ziemlich wild dekorierten Hüter spornte die Phantasie zusätzlich an: „Volkskunst“ als Folge des Tourismus!
Da der Jahresrundgang im ehemaligen Kreuzgang gezeigt wird, endet er, wo man ihn begonnen hat. So wird dem Besucher die zyklische Wiederkehr von Arbeiten und Festen nochmals bewusstgemacht.
Die zweite Erzählung betrifft das „Prekäre Leben“. Viele Säuglinge starben schon bei oder kurz nach der Geburt, so dass diese selbst mit allerlei symbolischen Praktiken umgeben wurde. Gesegnete Häubchen sollten die Babys schützen. Paten waren als soziales Auffangnetz wichtig, wenn die Eltern starben. Geschenke zeigten die Verbundenheit des Paten mit dem Neugeborenen – und den Wohlstand des Schenkenden.
Mangelernährung in den Wochen der Knappheit vor der neuen Ernte oder verunreinigtes Trinkwasser trafen besonders Kleinkinder, die häufiger Opfer der Sommerdurchfälle wurden. Seuchen töteten dagegen Jung und Alt. Man half sich mit Hausmitteln: mit Umschlägen, Tees oder Heilkräutern. Manchmal wurden Laienheiler oder Handwerkschirurgen, seltener der Arzt in Anspruch genommen. Amulette blieben wichtig. Aus Wallfahrtsorten brachte man geweihtes Wasser oder andere heilwirksame Objekte wie kleine eiserne Tiermodelle mit, die man in den Stall stellte, um das Vieh zu schützen. Votivbilder zeigen die Dankbarkeit für unerwartet überstandene Krankheiten oder Unfälle.





