Leitthema der kompakten Geschichte der Kirchen in der DDR von Andreas Stegmann ist das angespannte Verhältnis zwischen Staat bzw. Partei und Kirchen, zu dem der soziokulturelle Wandel der Lebenswelt durch Modernisierung, Pluralisierung und Individualisierung als Her-ausforderung hinzutrat. Die chronologisch angelegte Darstellung stellt die Bewältigung der Kriegsfolgen bis 1949, den „Aufbau des Sozialismus“ bis 1961, die direkten Nachwirkungen des Mauerbaus bis 1968, die kirchlichen Aufbrüche der 70er Jahre und die Entwicklung von der Friedensbewegung zur „Friedlichen Revolution“ dar. Wenngleich der Schwerpunkt auf den evangelischen Landeskirchen liegt, werden ebenso der politisch eher zurückhaltende Katholizismus sowie die Freikirchen berücksichtigt.
Zentraler Konfliktpunkt im Verhältnis von Kirchen und Staat war das Bildungswesen, in dem die SED ihre Interessen rigoros durchsetzte. Die staatliche Propagierung der Jugendweihe seit 1954 als alternatives Übergangsritual zur Konfirmation schwächte die Kirchen deutlich. Dennoch gelang es ihnen, in den 70er Jahren Verbesserungen durchzusetzen. Von diesem kirchlichen Aufbruch profitierte letztlich die „Friedliche Revolution“. In der Endphase der DDR wurden die Kirchen zu institutionellen Schutzräumen für die Angehörigen der Friedensbewegung. Viele ihrer Mitglieder gestalteten die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen maßgeblich mit.
Schade ist, dass der maßgebliche Vertreter der Konzeption „Kirche im Sozialismus“, Bischof Albrecht Schönherr (1911–2009), nicht genannt und die Bedeutung von DDR-Kirchenvertretern für informelle Sondierungen der Bundesregierung nicht erwähnt werden. Dennoch: Andreas Stegmann hat auf knappem Raum eine sehr empfehlenswerte, differenzierte und gut lesbare Geschichte der Kirchen in der DDR vorgelegt.
Rezension: Prof. Dr. Dr. Rainer Hering
Andreas Stegmann
Die Kirchen in der DDR
Von der sowjetischen Besatzung bis zur Friedlichen Revolution
Verlag C. H. Beck, München 2021, 129 Seiten, € 9,95





