Vom Beginn des Krieges der Nationalsozialisten gegen die Sowjetunion bis zur Befreiung der Ukraine durch die Rote Armee im Jahr 1944 hielt die junge Frau ihre alltäglichen Erfahrungen und Gedanken fest. Welches Schicksal Olga danach traf, ist ungewiss, aber ihr Tagebuch überdauerte die Zeit. Es befindet sich heute im ukrainischen Staatsarchiv in Kiew und liegt jetzt in einer Edition vor.
Olgas Aufzeichnungen bieten eine ungewöhnliche Perspektive. Die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion war durch brutale Gewalt vielfältiger Art geprägt. Dies entging Olga nicht, allerdings thematisierte sie die Verbrechen der Nationalsozialisten eher am Rand. Ihre Aufzeichnungen zeugen irritierenderweise davon, dass die junge Frau sich den Deutschen zunehmend annäherte.
Dies lag auch daran, dass der Gymnasiastin während der Besatzung ein beachtlicher sozialer Aufstieg gelang. Das Schicksal, als Zwangsarbeiterin verschleppt zu werden, wie es zahlreiche andere ukrainische Frauen traf, blieb ihr erspart. Gute Deutschkenntnisse halfen ihr dabei, Arbeit zu finden: zunächst als Deutschlehrerin, später als Übersetzerin bei der Reichsbahn.
Mehrfach entwickelte Olga romantische Gefühle für Wehrmachtsangehörige und zivile Arbeitskräfte. Mit ihnen ging sie tanzen oder ins Kino. In ihrem Tagebuch finden diese Kontakte detailliert Erwähnung. Sie zeigen, dass es mitten im Vernichtungskrieg Inseln gab, auf denen Begegnungen und kultureller Austausch möglich schienen. Die Nähe zu den Besatzern stürzte die junge Frau jedoch in Loyalitäts- und Identitätskonflikte, wie das Tagebuch eindrücklich zeigt. Im Juli 1943 fragte sie voller Selbstzweifel: „Warum kann ich die Deutschen nicht als meine Feinde ansehen?“ Olgas Erfahrungen sind nicht repräsentativ, aber sie machen die Komplexität und Ambivalenz von Kriegsbiographien deutlich.





