Abschied vom alten Germanenbild - damals.de | DAMALS
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Abschied vom alten Germanenbild
Wer waren die „Erben Roms“, die nach dem Auseinanderbrechen des Imperium Romanum im Westen neue Reiche bildeten? Aus Sicht der Wissenschaft hat die klassische Erzählung darüber jedenfalls ausgedient – sie sucht nach neuen Begriffen und Ansätzen, um diesen Übergangsprozess zu beschreiben.
Sie haben noch 1 von 3 kostenlosen Artikeln übrig2/3
Sich von vertrauten Vorstellungen zu lösen fällt nicht immer leicht. Dies trifft auch auf unser Bild von der sogenannten Völkerwanderung zu – jener Phase also, in der das römische Imperium unter wachsenden Druck durch Barbarenverbände geriet und zumindest im Westen schließlich einem Konglomerat neuer politischer Gebilde weichen musste, mit denen Historiker das Mittelalter haben beginnen lassen. Das Bild scheint altvertraut: Germanische Volksstämme brechen aus Skandinavien auf und erreichen in endlosen Wagentrecks seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert die Grenzen des Imperium Romanum, in das sie einfallen, um nicht nur Rom selbst, das Zentrum der damaligen Welt, zweimal zu erobern (410 und 455), sondern die vergreiste und verfallene antike Kultur zu ihrem Ende zu führen und selbst kraftvoll deren Erbe anzutreten.
Diese „Erben Roms“ konnte man als gewaltige Eroberergestalten fassen: Alarich I., Geiserich, Attila, Theoderich der Große oder Chlodwig I. Und allzu gern verwies man im Kontrast dazu auf vermeintlich verweichlichte und unfähige römische Kaiser wie Honorius (395 – 423) oder Valentinian III. (425 – 455) im Westen sowie auf frömmelnde, theologische Eiferer wie Theodosios II. (408 – 450) und Justinian I. (527–565) im Osten. Romane, Filme, Computerspiele, sogar manche Schulbücher vermitteln dieses Bild auch weiterhin.
„Transformation“ statt der Vorstellung, planvolleEroberer hätten das Römische Reich zerschlagen
Die Fachwissenschaft hingegen hat diese Sicht längst hinter sich gelassen. Sie hat die Übergangsphase zwischen der ausgehenden Antike und dem beginnenden Mittelalter grundlegend neu interpretiert: Man sieht in ihr nicht mehr eine Zeit des Niedergangs, in der die antike Kultur unter der Abrissbirne der Völkerwanderung zusammenbrach, sondern spricht von einer „Transformation“. Gemeint ist damit: Der Übergang ins Mittelalter vollzog sich nicht abrupt und auch nicht überall gleichzeitig, und schon gar nicht war er das Ergebnis planvollen Handelns einzelner Akteure.
Wirkmächtige Kontinuitätslinien verbinden die Antike und das Frühmittelalter eng miteinander: Römische Strukturen konnten sich auch nach dem Ende des Westreiches als staatlicher Einheit weiterhin halten. Die Neuankömmlinge partizipierten an römischer Kultur und Lebensart, an römischer Bildung und römischem Recht, sie kleideten sich wie Römer und übernahmen die lateinische Sprache und selbstverständlich auch den christlichen Glauben (wenngleich nicht immer in der von den meisten Römern bevorzugten Variante).
Es lässt sich festhalten: So wenig sich die politische Geschichte unter Honorius oder Valentinian III. lediglich aus dem vermeintlich planlosen Agieren unselbständiger Figuren auf dem Kaiserthron erklären lässt und so wenig man die Politik der Herrscher des Ostens vereinfachend aus naiver Frömmigkeit ableiten kann, so wenig lässt sich heutzutage auch die Vorstellung aufrechterhalten, germanische Heerführer und deren dynamische Gefolgschaften hätten das Imperium Romanum zerschlagen, um ihre eigenen Reiche an dessen Stelle zu setzen.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Schwäbische Alb: 40.000 Jahre alte Vogelfiguren entdeckt
30. Juli 2026
Archäologen haben in der Hohle-Fels-Höhle zwei kleine, aber filigran ausgearbeitete Vogelfiguren aus Mammutelfenbein entdeckt. SIe sind rund 40.000 Jahre alt.
Geschichte & Archäologie
Fußspuren zeigen: Paranthropus war größer als gedacht
28. Juli 2026
Bisher galt der Vormensch Paranthropus boisei als ein kleinerer, primitiverer Zeitgenosse des Homo erectus. Doch in Kenia entdeckte Fußspuren widerlegen dies.
Eine Anmerkung zu den Begrifflichkeiten: Die Neuankömmlinge werden in diesem Artikel und im Titelthema insgesamt auch als „Barbaren“ bezeichnet. Das Wort „Barbaren“ wird dabei im Sinn des lateinischen barbaricum verwendet. So bezeichneten die Römer pauschal alle Gebiete jenseits der Grenzen ihres Imperiums. „Barbaren“ sind somit Menschen, deren Wurzeln (zumindest teilweise) außerhalb des römischen Kulturkreises liegen, ohne dass damit eine bestimmte Ethnie oder Kultur gemeint war.
Andere Kategorien und Begriffe, die noch vor wenigen Jahren jegliche Beschäftigung mit dem spätrömischen Imperium und seinen Nachfolgern bestimmten, haben dagegen inzwischen ihre Geltung verloren und konnten als irreführend und überflüssig erwiesen werden. Dazu gehörten der „Niedergang“ ebenso wie der Gegensatz zwischen „römisch“ und „germanisch“ und der Begriff der „Völkerwanderung“ selbst.
Kein Einziger der damaligen Akteure hättesich selbst als „Germane“ bezeichnet
Für keinen einzigen politischen Akteur zwischen dem mittleren 3. und mittleren 8. Jahrhundert ist überliefert, dass sein Handeln und Denken dadurch angeleitet worden wäre, dass er sich als „Germane“ gesehen hätte. Und niemand hätte sich damals als „Germane“ bezeichnet und daraus gar so etwas wie eine übergreifende „germanische“ Solidarität oder ein „Stammesbewusstsein“ abgeleitet. Man agierte vielmehr als Franke, Alamanne, Gote oder Burgunder – und war in der Regel vor allem darum bemüht, sich mit den Römern ins Benehmen zu setzen, sich in die römische Welt und (in den meisten Fällen) nicht zuletzt auch in das Römische Reich zu integrieren. Die Kategorie des „Germanischen“ hat schon deshalb in der historischen Forschung zum Epochenübergang inzwischen vollkommen an Bedeutung verloren.
Hinzu kommt noch eine zweite Schwierigkeit: Das „Germanische“ lässt sich schlichtweg wissenschaftlich nicht bestimmen – es sei denn, man würde in methodisch höchst fragwürdiger Weise Quellenzeugnisse aus weit auseinander liegenden Kontexten und Epochen miteinander verbinden, zum Beispiel die Schrift „Germania“ des Tacitus, archäologische Funde aus der Spätantike und isländische Sagaliteratur des ausgehenden Mittelalters.
Man sollte auch vermeiden, von „germanischen Stämmen“ zu sprechen. Bei den meisten Gruppen, die für uns sichtbar werden, handelte es sich zunächst um Kriegergemeinschaften, die auf Beute und militärischen Ruhm aus waren. Erst allmählich (und auch nicht immer) entwickelten sie sich zu Verbänden, die auch Frauen, Kinder und einen größeren Tross umfassten. Gerade wenn sie dieses Stadium erreicht hatten, stieg aber auch der Druck auf diese Verbände, sich in das Imperium zu integrieren.
Vielen der Neuankömmlinge gelang dies gut; davon zeugt nicht zuletzt die übergreifende römisch-barbarische Führungselite, die sich seit dem 4. Jahrhundert herausbildete. Deren Kennzeichen können weniger in ethnischen Begriffen beschrieben werden als in einer zunehmenden Militarisierung, die ein zentrales Charakteristikum dieser Übergangsepoche darstellte. Ohnehin sahen Zeitgenossen in der Frage der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie offenbar ein weitaus geringeres Problem als die historische Forschung, die sich über Jahrzehnte daran abgearbeitet hat, Goten, Hunnen, Vandalen, Burgunder, Franken und Römer fein säuberlich voneinander zu trennen.
Für die Zeitgenossen war die eigene Identität wichtig, also das subjektive Bewusstsein von Zugehörigkeit in seiner Wechselbeziehung mit entsprechenden Zuweisungen von außen. Diese ethnischen Identitäten waren aber variabel und veränderbar, und sie konkurrierten mit anderen Identitätsangeboten wie Familie, Siedlungsgemeinschaft, Geschlecht, Alter oder Religion, die für Zeitgenossen wahrscheinlich in den meisten Situationen sogar von höherer Bedeutung waren.
Die Kontinuitäten sind langlebiger, als lange angenommen worden ist
Aus dieser Perspektive werden inzwischen auch jene politischen Gebilde, die seit dem 5. Jahrhundert allmählich an die Stelle des römischen Imperiums traten, in neuem Licht betrachtet. Man bezeichnete sie früher pauschal als „Germanenreiche“, um zu verdeutlichen, dass ihre Etablierung eine scharfe Zäsur gegenüber der vorausgehenden römischen Geschichte darstellte.
Diese Sichtweise jedoch hat sich, wie wir gesehen haben, als obsolet erwiesen. So begann man stattdessen von „gentilen Reichen“ zu sprechen, um auf ihre Genese aus zugewanderten gentes zu verweisen – eine der wichtigsten Bezeichnungen fremder Gruppen in unseren lateinischen Zeugnissen. Doch blendete man damit aus, dass in der Regel nur eine kleine Zahl an hochmilitarisierten Neuankömmlingen die Macht übernahm, während die große Mehrheit der Bevölkerung römisch blieb. Die Stabilität der neuen politischen Gebilde war deshalb auch nur so lange gewährleistet, wie die Kooperation mit den römischen Eliten vor Ort funktionierte.
Aktuell dominiert die Bezeichnung „poströmisch“. Doch auch hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Denn dieser Terminus betont den nachrömischen Charakter politischer Einheiten, die zumindest in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Entstehung weiterhin zutiefst römisch blieben. Vielleicht wäre es daher eher angebracht, von „metarömisch“ zu sprechen. Damit würde die anhaltende Präsenz des Römischen betont, gleichzeitig aber auch auf die allmähliche Herausbildung neuer Strukturen verwiesen, ohne damit irgendwelche Werturteile zu verbinden.
Die Diskussion um die Begrifflichkeiten dauert an, doch das dahinterstehende Problem sollte deutlich sein: Die Kontinuitäten, welche die römische Welt und die „Erben Roms“ miteinander verbinden, sind weitaus enger und zählebiger, als man es lange Zeit wahrgenommen hat.
Diese Einsichten stellen nicht zuletzt auch einen weiteren Zentralbegriff jener Epoche in Frage: die „Völkerwanderung“. Die wohlvertraute Vorstellung langer Wagentrecks ist inzwischen wissenschaftlich widerlegt, das Migrationsgeschehen jener Zeit wird mit Hilfe wesentlich komplexerer Modelle von Mobilität beschrieben.
Auch der Volksbegriff hat sich inzwischen als unbrauchbar erwiesen: Wir wissen mitt-lerweile um die Komplexität und Fluidität der für uns sichtbaren mobilen Verbände; sie lassen sich nicht vereinbaren mit einem Volksbegriff aus dem 19. Jahrhundert, der stabile, kohärente Einheiten voraussetzt, die von einem übergreifenden „Volksgeist“ und einer je eigenen Kultur getragen werden.
Wenn aber nicht mehr von einer linearen Wanderung ausgegangen werden kann, auf der feste Einheiten in Richtung des Imperium Romanum gezogen wären, um schließlich dessen politische Nachfolge anzutreten, dann zwingt uns dies, die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Untergang des Römischen Reiches und der „Völkerwanderung“ grundsätzlich neu zu stellen.
Auch innere Entwicklungenbeförderten das Ende Westroms
Die „Erben Roms“ stellen sich heute deutlich römischer dar als noch vor wenigen Jahren; auch war die staatliche und imperiale Kontinuität Roms im Osten, wo römische Kaiser weiterhin herrschten (bis 1453), durchaus gegeben; und selbstverständlich kann das Ende des Weströmischen Reiches ohnehin nicht allein durch äußere Einwirkungen erklärt werden, sondern auch aus inneren Entwicklungen, die von ökonomischen Problemen bis hin zu massiven Verwerfungen in der Führungsschicht reichen, aus denen anhaltende Bürgerkriege resultierten, die wertvolle Ressourcen aufzehrten.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen in der internationalen Forschung sind die Beiträge dieses Heftes zu betrachten. Sie alle stammen von Exponenten der neuen Perspektiven auf die Phase zwischen Spätantike und Mittelalter. Walter Pohl führt vor, wie Italien nach einer Periode des Friedens unter barbarischen Herrschern erst durch die kräftezehrenden Rückeroberungskriege Justinians im 6. Jahrhundert und den Verlust der Loyalität der römischen Bevölkerung gegenüber den neuen „römischen“ Herrschern aus Konstantinopel zur leichten Beute der Langobarden werden konnte. Diese waren freilich selbst nicht in der Lage, die gesamte Halbinsel zu erobern und die römische Ordnung wiederherzustellen. Damit leiteten sie eine politische Zersplitterung ein, die bis 1870 anhalten sollte.
James Harland zeichnet in seinem Beitrag über das toledanische Westgotenreich die „römischen“ Ursprünge der Goten nach und wie mühevoll sich der Prozess ihrer Etablierung auf der Iberischen Halbinsel gestaltete. Er argumentiert dennoch gegen die These der älteren Wissenschaft, dieses Machtgebilde sei strukturell instabil gewesen.
Der Frage nach der Entstehung des Frankenreichs geht Steffen Patzold nach, indem er beschreibt, wie dessen Begründer Chlodwig I. in drei Handlungszusammenhängen zu agieren hatte: als Verwalter einer ehemaligen römischen Provinz, als Militärführer in Nordgallien und als König eines Verbandes von Menschen, die sich selbst als Franci bezeichneten. Daraus ergibt sich die spannende Frage, wie sich ein politisches Gebilde auf dieser Grundlage langfristig halten konnte.
Guy Halsall wendet sich der häufig als „Dark Age“ bezeichneten Phase der Geschichte Britanniens zu, den Jahrzehnten nach dem Ausscheiden der Insel aus dem römischen Reichsverband zu Beginn des 5. Jahrhunderts; er diskutiert, wie sich aufgrund des verfügbaren schriftlichen und archäologischen Materials die angelsächsische Einwanderung beschreiben lässt.
Ein konkretes Fallbeispiel, in dem die Situation auf lokaler Ebene greifbar wird, stellt schließlich der Archäologe Sebastian Brather vor: Die Nekropole von Lauchheim (Ostalb) zeigt eine bemerkenswert weit reichende Vernetzung der dortigen Gesellschaft.
Die Forschung schreitet weiter voran, und auch die hier vorgestellten Ergebnisse werden in einigen Jahren einer kritischen Überprüfung unterzogen werden. Zurzeit aber repräsentieren sie den Stand der Wissenschaft zur Frage nach den „Erben Roms“
Autoren: Prof. Dr. Mischa Meier, Prof. Dr. Steffen Patzold, Prof. Dr. Sebastian Schmidt-Hofner
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Die Krieger des Mahdi
27. Juli 2026
Am Ende des 19. Jahrhunderts erhoben sich sudanesische Kämpfer gegen die ägyptische Fremdherrschaft in ihrem Land. Sie waren Anhänger des islamischen Führers…
Geschichte & Archäologie
Halle: Silbermünzen-Hort aus der römischen Republik gefunden
23. Juli 2026
Silbermünzen aus der Zeit der römischen Republik sind in Mitteldeutschland rar. Umso spannender ist ein Hortfund von fünf Silberdenaren aus jener Zeit in Halle…