Eine ganze Industrie gerät an den Abgrund
Für die Uhrenindustrie in Deutschland bedeutete der Strukturwandel, dass die in peripheren Wirtschaftsräumen angesiedelte Branche größtenteils verschwand. Im deutschen Südwesten, namentlich dem Schwarzwald und Pforzheim, in Ruhla in Thüringen und in Glashütte in Sachsen verlor eine vormals relativ prosperierende Branche ihre Bedeutung, und es ist naheliegend, dass sich dieser Wandel auch im Sozialen, in der Lokal- und Landespolitik, im Ausbildungswesen, im branchenspezifischen Innovationssystem und in anderen Bereichen mehr niedergeschlagen hat.
Die Ursachen für diesen Wandel waren geänderte politisch-ökonomische Rahmenbedingungen, die Internationalisierung der Wertschöpfungsketten, und nicht zuletzt stellten zwei als Basisinnovationen wahrgenommene Technologien die Branche in einer ohnehin angespannten Phase vor erhebliche Herausforderungen. Die Rede ist hier von der Ablösung von Metallen durch Kunststoffe in der Uhrenfertigung als vorrangig verarbeiteten Werkstoffen und die Ablösung von mechanischen Uhrwerken durch elektronische. Ein Phänomen, das auch als „Quarzkrise“ oder „Quarzrevolution“ bezeichnet wurde.
Wie sich dieser Strukturwandel in der deutschen Uhrenindustrie in beiden deutschen Staaten vollzogen hat, welche Ursachen, aber auch welche Wirkungen dieser Wandel für die Menschen der Regionen hatte, die über Jahrhunderte durch die Uhrenindustrie geprägt waren, wurde jüngst in einem Forschungsprojekt an der Universität Stuttgart untersucht. Neu und ungewöhnlich war, dass es dabei zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen der Technikgeschichte und den Wirtschaftswissenschaften kam.
Wie der wissenschaftliche Fortschritt und der technische Wandel die Produkte, die Produktion, aber eben auch die Arbeits- und damit Lebenswelt der Menschen geprägt hat, lässt sich gut anhand des Vergleichs der Uhrenindustrie in der Bundesrepublik und in der DDR nachzeichnen. In Ost und West gab es eine lange gemeinsame Tradition, welche von großer Bedeutung für die lokale Identität war. In die kleinen mechanischen Wunderwerke, die weltweit nachgefragt wurden, schienen die Ideale von Präzision, Fleiß und Arbeitsethos eingeschrieben zu sein. Die Eigenwahrnehmung als technisch fortschrittlich und den Wissenschaften zugewandt machte das Scheitern zu einer umso traumatischeren Erfahrung.
Während im deutschen Südwesten der Niedergang der Branche ein Jahrzehnte andauernder Prozess war, der auch in der Öffentlichkeit breit diskutiert wurde, kam das Ende im Osten abrupt mit der Wende. Der DDR-Uhrenindustrie kam eine Sonderrolle zu, da sie sich als Devisenbringer der besonderen staatlichen Fürsorge erfreuen konnte und die etablierte Vorstellung eines fortschrittlichen Westens im Gegensatz zu einem wirtschaftlich sehr viel schlechter entwickelten Osten in diesem besonderen Fall nicht haltbar ist.





