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Alter Adel sucht Geldadel
Ende des 19. Jahrhunderts trafen plötzlich zwei Welten aufeinander, die verschiedener nicht hätten sein können: Der alte – aber verarmte – englische Adel und die neureiche High Society von New York. Die eine Seite brauchte dringend Geld, die andere Prestige. Transatlantische Heiraten erschienen da als eine Win-Win-Situation.
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Consuelo Vanderbilt, erst seit kurzem verheiratet mit dem künftigen Herzog von Marlborough, saß eines Abends schlotternd in einem kalten Salon des Blenheim Palace und läutete nach dem Butler. Als sie diesem auftrug, ein Feuer im Kamin zu machen, sah er sie völlig verständnislos an und erwiderte abschätzig: „Ich werde den Lakai fragen, meine Gnädige.“ Consuelos Briefen kann man entnehmen, dass es nicht das erste Mal war, dass die junge Amerikanerin seit ihrem Umzug 1895 nach England mit den Gepflogenheiten im Familiensitz ihres Mannes haderte. Beim ersten großen Empfang löste Consuelo durch ihre Unkenntnis des strikten Protokolls einen kleinen Eklat aus: Sie verprellte einen Grafen, dem sie weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte, als seinem Rang eigentlich zustand.
Dass sich Consuelo (1877–1964), die Tochter des New Yorker Millionärs William Kissam Vanderbilt (1849–1920), überhaupt in Blenheim Palace wiederfand, ist epochalen Umwälzungen zu verdanken, die seit den 1870er Jahren diesseits und jenseits des Atlantiks stattfanden.
Den britischen Herzögen und Grafen droht der wirtschaftliche Niedergang
In Großbritannien erlebte der Adel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine nie dagewesene Krise. Besonders die immer weniger rentable Landwirtschaft machte den Großgrundbesitzern zu schaffen. 1873 war ein Viertel Englands im Besitz des Hochadels. Landwirtschaft und Pachtzahlungen bildeten die Haupteinnahmequellen der bedeutendsten Adelsfamilien des Landes.
Eine erste Globalisierung des Getreidemarkts mit neuen Großproduzenten wie den USA hatte jedoch sinkende Preise nach sich gezogen. Im Jahr 1885 fasste Joseph Chamberlain, Präsident der britischen Handelskammer, die Lage in drastischen Worten zusammen: „Fast überall in England und Schottland ist die Landwirtschaft inzwischen ein ruinöses Unterfangen.“ Ein weiterer Grund für die Landbevölkerung, in die Städte abzuwandern.
Das Problem für die nun finanziell angeschlagenen Adelshäuser: Eine Tradition, das strict settlement, verbot es den Herzögen und Grafen, in größerem Umfang Land zu veräußern, um so Schulden zu begleichen. Jede Generation sollte den Landbesitz, das zentrale Gut einer Familie, für die Nachkommen bewahren.
Spätestens seit den 1870er Jahren sahen sich viele Adelshäuser daher gezwungen, Kunstsammlungen und wertvolles Inventar zu verkaufen oder gar ganze Landsitze zu verpachten. Mary Elizabeth Lucy, Angehörige einer Adelsfamilie aus Warwickshire, schrieb in den 1880er Jahren in ihrem Tagebuch über die Geldsorgen ihres Sohns: „Als sich die unbezahlten Rechnungen stapelten, verkaufte er Stück für Stück die Gemäldesammlung. Die Häuser in London … die Jäger, die Treibjagden, das Land für die Moorhuhnjagd in Schottland – diese Dinge sah man als lebensnotwendig an; auf alte Meister konnte man dagegen verzichten.“
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Jenseits des Atlantiks bildete sich zu dieser Zeit gerade eine neue Schicht der Superreichen heraus. Seit Ende des Bürgerkriegs 1865 erlebte das Land eine Boomphase: Die Industrialisierung nahm Fahrt auf, Eisenbahnen durchzogen bald den ganzen Kontinent, und an der Börse wurden Vermögen gemacht. Die Zahl der Dollar-Millionäre stieg rasant. Für sie gab es nur ein Ziel: New York – aus Sicht der Reichen die eigentliche Hauptstadt der USA. Hier trafen sie allerdings auf eine bereits lange etablierte Elite: die Knickerbockers. So bezeichneten sich die wohlhabenden Familien, die ihre Herkunft bis zu den Anfängen New Yorks als niederländische Gründung im 17. Jahrhundert zurückverfolgen konnten. Der Name „Knickerbockers“ geht auf die Kniebundhosen zurück, die von den Siedlern damals getragen wurden.
Die unangefochtene Königin des New Yorker smart set, wie der exklusive Zirkel auch genannt wurde, war Caroline Webster Schermerhorn Astor (1830–1908), bekannt als „Mrs Astor“. Sie vereinte durch ihre eigene Abstammung von niederländischen Gründervätern und ihre Heirat 1853 mit dem Immobilienmagnaten William Backhouse Astor Jr. (1829–1892), einem Enkel des berühmten John Jacob Astor (1763–1848), alles, was man brauchte, um an der Spitze der New Yorker Gesellschaft zu stehen.
Die „Herrschaftszeit“ von Mrs Astor begann in den 1870er Jahren zeitgleich mit dem Anbruch des „Gilded Age“ in Nordamerika. Der Begriff, den man mit „Vergoldetes Zeitalter“ übersetzen kann, wurde durch ein 1873 veröffentlichtes gleichnamiges Buch von Mark Twain (1835–1910) geprägt. Der Autor sprach dabei bewusst von einem „vergoldeten“ und nicht einem „goldenen“ Zeitalter, denn Twain und andere kritische Zeitgenossen hatten für die Oberflächlichkeit der damaligen Zurschaustellung von Reichtum nur Spott übrig.
Die sozialen Rangkämpfe in New York wurden mit harten Bandagen ausgefochten. Im Opernhaus der Academy of Music waren die Logen fest in der Hand der Knickerbockers. Als er trotz riesiger Summen, die er für eine Loge anbot, immer noch abgewiesen wurde, hatte William Henry Vanderbilt (1821–1885) genug: Gemeinsam mit Leidensgenossen aus anderen Dynastien, wie etwa den Morgans, eröffnete er 1883 ein eigenes Opernhaus – die Metropolitan Opera, die bald eine der bedeutendsten Opern weltweit werden sollte.
Adelstitel dienen als Türöffner für das „smart set“
Eine Schwäche hatte der Zirkel um Mrs Astor allerdings: Sie ließen sich von den Adelstiteln der alten Welt blenden. Wer sich einen Herzog oder Grafen in die Familie holte, dem standen auch die Türen zu den Bällen der Knickerbockers offen. An diesem Punkt fanden die Problemlagen in Großbritannien und den USA zusammen. Der englische Historiker David Cannadine formuliert es so: „Hoher Status und niedriges Einkommen auf der einen Seite; hohes Einkommen und niedriger Status auf der anderen Seite.“
Der Heiratsmarkt zwischen den USA und Großbritannien war dabei nie diskret. Die Karten wurden immer auf den Tisch gelegt. Als Beispiel kann eine Annonce von 1901 im Londoner „Daily Telegraph“ dienen: „Ein englischer Adliger mit sehr altem Titel möchte sofort eine sehr wohlhabende Dame heiraten … Wenn Sie unter Ihren Kunden eine solche Dame kennen, die bereit ist, den Rang einer Peeress [weibliches Mitglied des Hochadels] für 65 000 Pfund Sterling zu kaufen, die ihrem zukünftigen Ehemann in bar ausgezahlt werden, und die außerdem über genügend Vermögen verfügt, um den Rang einer Peeress zu behalten, würde ich mich freuen, wenn Sie sich mit mir in Verbindung setzen würden.“ Der genannte Betrag würde heute mehreren Millionen Pfund entsprechen.
Auf der amerikanischen Seite gab es vergleichbare Angebote in der Veröffentlichung „Titled Americans“ die laut eigenen Angaben eine „sorgfältig zusammengestellte Liste mit Namen von Adligen enthält, die anscheinend gewillt sind, ihre Diademe – und nebenbei auch ihre Herzen – dem einnehmenden American Girl zu Füßen zu legen.“
Unter den New Yorker Neureichen waren es besonders die Frauen, die sich nicht mit dem Ausschluss aus der High Society abfinden wollten. Clara Jerome (1825 –1895) war eine von ihnen. Sie richtete als eine der Ersten ihren Blick auf die Adelswelt in Europa. Zunächst reiste sie mit ihren drei Töchtern Jennie, Clara und Leonie – alle noch Teenager – nach Paris. Dort lockte der Hof Napoleons III. als potentieller Heiratsmarkt. Die französische Niederlage gegen Deutschland 1871 setzte der Herrschaft des selbsternannten Kaisers jedoch ein jähes Ende. Clara Jerome sah nun in England bessere Chancen für ihre Töchter.
1873 traf die inzwischen 20-jährige Jennie Jerome auf einen heiratswilligen englischen Adligen: Randolph Henry Spencer-Churchill, der dritte Sohn des 7. Herzogs von Marlborough. Randolph war damit nicht der Titelanwärter – für Clara Jerome sicher eine Enttäuschung. Die Begeisterung war daher zunächst gedämpft, als sich Jennie und Randolph bereits kurz nach der ersten Begegnung verlobten. Doch Randolph gewann die Zuneigung seiner künftigen Schwiegereltern; und sein eigener Vater, der Herzog, war angesichts der zu erwartenden Mitgift – Jennies Vater Leonard Jerome wurde nicht ohne Grund „König der Wall Street“ genannt – schließlich ebenfalls mit der Ehe einverstanden. Die Hochzeit fand im April 1874 statt.
Insgesamt kam es zwischen 1870 und 1914 zu mehr als 100 Vermählungen zwischen britischen Hochadligen und jungen Amerikanerinnen. 60 Amerikanerinnen heirateten einen ältesten Sohn und damit Titelerben, 40 nachgeborene Söhne und sechs gleich direkt einen Herzog oder Grafen. Somit stammte in diesem Zeitraum bei jeder zehnten aristokratischen Heirat die Braut aus den USA. 1880 trugen vier Amerikanerinnen einen Titel des britischen Hochadels, 1914 waren es 50.
Obwohl nur ein Teil des gesamten Hochadels betroffen war, beobachtete so mancher in Großbritannien die Entwicklung kritisch. Der Schriftsteller Arthur Conan Doyle (1859–1930) nahm eine solche Verbindung in den Plot seiner Sherlock-Holmes-Geschichte „Der adlige Junggeselle“ (1892) auf. Dort zieht er folgendes Fazit: „Eine britische Adelsfamilie nach der anderen überlässt das häusliche Regiment unseren hübschen überseeischen Stammverwandten.“ Die Ängste der Mütter britischer adliger Töchter angesichts der Konkurrenz aus den USA fasst ein damals populärer Vers zusammen: „Jede gute Partie der Saison – Herzog, Graf oder Lord – / landet in den Fängen der fremden Hord’.“ Die Zeitschrift „Contemporary Review“ klagte zudem 1905, die jungen Amerikanerinnen würden die gehobene englische Gesellschaft „seichter, extravaganter und vulgärer“ machen.
Das Beispiel von María Consuelo Yznaga zeigt jedoch, dass es eher die englischen Adligen selbst waren, die ihre Gesellschaft in Verruf brachten. Die 1853 geborene María Consuelo stammte aus einer reichen kubanisch-amerikanischen Familie und angelte sich 1876 als erstes American Girl einen zukünftigen Herzog: George Montagu war der Erbe des 7. Herzogs von Manchester. Doch der notorische Playboy verspielte die stattliche Mitgift seiner amerikanischen Frau im Casino und vergnügte sich zudem mit zahlreichen Geliebten. 1889 beerbte George seinen Vater als Herzog, musste aber noch im selben Jahr vor den Insolvenzrichter treten. Er hatte 100 000 Pfund Schulden angehäuft.
Consuelo Vanderbilt wird mit einem Herzog verkuppelt
Ein besonderer Fall war die eingangs bereits erwähnte Consuelo Vanderbilt, die 1895 George Spencer-Churchill heiratete, den späteren 9. Herzog von Marlborough. Für Consuelo war dies alles andere als eine Märchenhochzeit: Ihre Mutter Alva hatte sie vor der Verlobung monatelang wie eine Gefangene behandelt, damit sie keinen weiteren Kontakt zu einem jungen Mann namens Winthrop Rutherfurd haben sollte, in den sie verliebt war. Alva Vanderbilt verstieg sich sogar zu den Worten, sie werde Rutherfurd eher erschießen, als ihn zu Consuelo vorzulassen.
Der überzogene Ehrgeiz von Alva Vanderbilt hatte eine Vorgeschichte. Gemeinsam mit ihrem Mann William Kissam Vanderbilt, einem Enkel des Eisenbahnpioniers Cornelius Vanderbilt (1794–1877), hatte sie es geschafft, in den engsten Kreis der New Yorker High Society vorzustoßen. Nicht zuletzt dank eines Kostümballs mit 1200 Gästen, der 1883 alles bisher Dagewesene in New York sprengte. Veranstaltungsort war der gerade fertiggestellte opulente Stadtpalast („Petit Chateau“) der Vanderbilts an der Fifth Avenue. Die Veranstaltung wurde mit so vielen Superlativen angekündigt – auch María Consuelo Yznaga, nun Lady Mandeville, die künftige Herzogin von Manchester, war eingeladen –, dass selbst Mrs Astor unbedingt dabei sein wollte. Der Ball war ein voller Erfolg: Die Vanderbilts wurden danach in alle wichtigen Klubs und Organisationen der Knickerbockers aufgenommen.
Doch 1895 entschloss sich Alva zu einem unerhörten Schritt: Sie ließ sich von ihrem Mann scheiden, der sich offen mit einer Geliebten gezeigt hatte. Das New Yorker smart set wandte sich umgehend wieder von ihr ab. Frauen hatten es zu dieser Zeit zu dulden, dass ihre Männer nicht immer treu waren – eine Trennung brachte nur Schande über die Familie. Die Stadt war in Aufruhr. „Der größte Scheidungsfall, den es in Amerika je gegeben hat“, titelte eine Zeitung.
Alva, die im Scheidungsprozess einen Großteil des Vermögens ihres Mannes zugesprochen bekam, gab sich nicht geschlagen. Wieder wollte sie mit einem Ball die Wende schaffen. Die Attraktion sollte diesmal George Spencer-Churchill, der Erbfolger des Herzogs von Marlborough, sein, den sie als Gatten für ihre 18-jährige Tochter auserkoren hatte. Diese hatte in das Unterfangen nur aufgrund der oben bereits erwähnten Drohung gegen ihren Geliebten Winthrop Rutherfurd eingewilligt. Tatsächlich kam es am 31. August 1895 auf dem Ball in Alvas imposanter Villa in Newport zur Verlobung. Umgehend wurde über die Mitgift verhandelt. Consuelo sollte einen Aktienanteil am Vanderbilt-Imperium von 2,5 Millionen Dollar (umgerechnet auf heute rund 80 Millionen Dollar) erhalten. Die Trauung fand am 6. November in New York statt.
Rund 20 Jahre nach Jennie Jerome begrüßten die Churchills mit Consuelo Vanderbilt nun also die zweite Frau aus Amerika in der Familie. Wieder war die Mitgift höchst willkommen. Der Erhalt von Blenheim Palace verschlang riesige Summen. Für Wände, die nach den verschiedenen Notverkäufen von Wandteppichen und Gemälden kahl geblieben waren, schaffte man nun neue Kunstwerke an. Auch in Möbel und eine Umgestaltung des Gartens wurde investiert.
Die „American Girls“ werden oft mit Skepsis empfangen
Dass es im herzoglichen Palast nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern auch emotional unterkühlt zugehen konnte, hatte bereits Jennie Jerome schnell erfahren müssen. Sie schrieb an ihre Mutter: „Man kann es nicht verheimlichen, die Herzogin hasst mich schlicht für das, was ich bin – einfach etwas hübscher und attraktiver als ihre Töchter. An allem, was ich tue oder sage, gibt es etwas auszusetzen.“ Und auch Consuelo wurde nicht warm mit der Familie ihres Gatten. Sie beschrieb die Atmosphäre im Palast als „stumpf, stickig und snobistisch“.
Jennie Jerome, Lady Randolph Churchill, ist heute vor allem als Mutter des späteren Premierministers Winston Churchill bekannt. Er war noch im Jahr der Hochzeit 1874 zur Welt gekommen. Nach dem Tod Randolphs 1895 hatte die umtriebige Jennie, die inzwischen in der britischen Adelswelt bestens vernetzt war, sogar eine zweijährige Affäre mit Eduard, dem ältesten Sohn von Königin Viktoria. 1899 entschied sich die 45-jährige Witwe zum Entsetzen der englischen High Society dazu, George Cornwallis-West zu heiraten. Er war erst 26, so alt wie Jennies Sohn Winston, und zudem wenig vermögend.
Für Alva Vanderbilt bedeutete die Hochzeit ihrer Tochter Consuelo mit einem künftigen Herzog die erhoffte gesellschaftliche Rehabilitation. Sie heiratete ein Jahr darauf den erfolgreichen Bankier Oliver Belmont. In späteren Jahren engagierte sich Alva Belmont für Frauenrechte in den USA und wurde 1921 Präsidentin der National Women’s Party. Sie gilt als Urheberin des Schlagworts „Bete zu Gott, sie wird dir helfen!“.
Man kann nur spekulieren, ob ihr feministisches Engagement auf ihre eigene gesellschaftliche Ächtung als geschiedene Frau zurückging oder auch Gewissensbissen entsprang, die sie aufgrund der Hartherzigkeit gegenüber ihrer Tochter hatte. Jedenfalls unterstützte sie Consuelo, als diese sich in den 1920er Jahren vom Herzog von Marlborough scheiden lassen wollte. Das Paar lebte bereits lange getrennt. Mit Alvas Hilfe wurde die Ehe schließlich sogar für ungültig erklärt. „Ich habe meine Tochter gezwungen, den Herzog zu heiraten“, sagte sie. Consuelo habe nicht aus eigenem Willen gehandelt.
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