Auch das Reich Karls des Großen und seiner Nachfahren war vor den Wikingern nicht sicher. Später siedelten sich die hier Normannen genannten Skandinavier in der Normandie an. Dieser Prozess führte zu einem langsamen Abklingen der Überfälle.
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Der erste Angriff der Wikinger auf den Kontinent, den uns die fränkischen Reichsannalen für das Jahr 810 überliefern, scheint bei den Franken auf eine Mischung aus Überraschung und Empörung über die Dreistigkeit der Räuber gestoßen zu sein. Zwar waren Nachrichten über die seit den 790er Jahren erfolgenden Überfälle auf Klöster und Siedlungen in England längst am fränkischen Hof eingetroffen, aber die erfolgsgewohnten Franken hatten es für undenkbar gehalten, selbst Opfer solcher Übergriffe zu werden. Schließlich hatten sie unter Karl dem Großen jahrelang selbst ihre Nachbarn unterworfen und auch weiter entfernte Völker wie die Awaren überfallen und ausgeraubt.
Die Wikinger passen nicht ins politische Denken der Franken
Zunächst schienen die Überfälle der Normanni, wie sie in den Quellen meistens genannt werden, kein dringliches Problem zu sein. Es kam eher sporadisch zu Angriffen. Natürlich war die Beraubung von Kirchen und Klöstern durch „Heiden“ besorgniserregend, dennoch sah man zunächst keinen Anlass zu vermuten, dass bewährte fränkische Taktiken versagen würden.
In den ersten Jahrzehnten des 9. Jahrhunderts bis zum Auseinanderfallen des Frankenreiches im Jahr 843 übernahm man daher für die Wikinger das Schema, das man bereits bei anderen „heidnischen“ Völkern praktiziert hatte: Verhandlungen mit einzelnen Anführern, deren Bekehrung – in der Hoffnung auf einen Kaskadeneffekt – sowie deren Einbindung in das fränkische politische System, indem man diese Anführer zu verbündeten Vasallen machte.
Allerdings übersah man, dass die innere Struktur der Normanni für ein solches Vorgehen nicht geeignet war: Man glaubte es mit „Königen“ bzw. „Anführern“ zu tun zu haben, die sich in das fränkische politische System integrieren lassen würden. So nahm Kaiser Ludwig der Fromme (814 – 840) den Dänen Harald Klak als Vasallen an und belehnte ihn 826 mit Rüstringen in Friesland. Sicher
erwartete er, dass der frisch Getaufte, dessen hierarchische Unterordnung durch die Übernahme der Taufpatenschaft durch den fränkischen Kaiser deutlich gemacht wurde, andere Normannen zähmen oder bekämpfen würde.
Indes wurde das Bündnis zweckentfremdet, als Lothar I., der älteste Sohn Ludwigs des Frommen, Harald in den Bruderkriegen nach dem Tod seines Vaters 840 dazu anstachelte, Karl und Ludwig, seine jüngeren Brüder, anzugreifen. Harald erhielt als Belohnung von Lothar die friesische Insel Walcheren, sicherlich auch zur Abwehr anderer Normannen. Im Jahr 850 schloss Lothar I. ein Abkommen mit Haralds Neffen Rörik, dem er Rüstringen überließ, mit ähnlichem Zweck.
Dieses Herunterbrechen der komplexen und egalitären Gesellschaft der Normannen auf die Verhandlung mit den Männern, die die Franken als Anführer identifizierten, führte oft nicht zum Ziel, da von beiden Seiten keine Einigkeit über die Verbindlichkeit der Abkommen bestand. Denn wenn ein Normannenanführer aufgrund der Versprechungen an die Franken weniger Beute machte, drohte ihm der Verlust mächtiger Genossen seiner Flotte.
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Mit dem Auseinanderfallen des Frankenreiches in drei Teile kam auch die gemeinsame Abwehr der Wikinger zum Erliegen. Mehr als diplomatische Noten der Empörung, die an den vermeintlich „zuständigen“ König der Dänen gerichtet wurden, bekamen die karolingischen Brüder als konzertierte Aktion nicht zustande. Normannenabwehr wurde hauptsächlich zu einem Problem Karls II. des Kahlen (840/843 – 877) im Westfrankenreich, das mit den langen Küsten und vielen schiffbaren Flusseinfahrten eine ideale Angriffsfläche bot.
Das soll nicht heißen, dass nicht auch das Mittelreich unter dem 840 zum Kaiser gekrönten Lothar I. und seinen Nachfolgern oder das Ostfrankenreich unter König Ludwig dem Deutschen (843 – 876) Angriffe über Maas, Schelde und Rhein zu befürchten gehabt hätten. Doch in diesen Teilreichen blieben die Normannen ein punktuelles Problem, während Karl der Kahle kaum wusste, wo er mit der Bewältigung der Normannengefahr beginnen sollte. Die Überfälle erfolgten nun jährlich, und gelegentlich überwinterten die Normannen sogar. Sie stellten dann auf landgebundene Kriegführung mit Pferden um. Im Jahr 845 wurde Paris ein erstes Mal belagert (siehe auch Artikel Seite 22).
Ein König, der sein Volk nicht schützt, verliert an Akzeptanz
Grundsätzlich bedeutete die Normannengefahr vor allem ein Legitimierungsproblem, da die Fähigkeit des Königs, sein Volk zu beschützen, in Frage gestellt wurde. Natürlich gab es auch tatsächliche Verluste an Geld und Menschen durch die Raubzüge. Wie genau die fränkische Wirtschaft dadurch geschädigt wurde, lässt sich heute kaum beziffern. Zum einen dürften konkrete Zahlen – so sie denn genannt werden – übertrieben gewesen sein, und zum anderen beweinen unsere Quellen aus kirchlicher Feder die Verluste der Kirchen und Klöster besonders lautstark.
Der ökonomische Druck ist heute schwer zu definieren, der moralische muss deutlich spürbar gewesen sein. Bei der Reichsversammlung von Pîtres 864 beschloss Karl der Kahle nach jahrelangen Schwierigkeiten Maßnahmen zur Eindämmung der Normannengefahr. So sollte etwa das Einfahren der Wikinger in die Flüsse durch den Bau von Brücken verhindert werden. Zudem wurde der Waffenhandel verboten. Wer Pferde an die Normannen verkaufte, konnte mit dem Tod bestraft werden.
Gleichzeitig nutzte Karl die Gelegenheit, seinen aufständischen Neffen Pippin II. endgültig abzusetzen. Pippin hatte sich seit 844 mehrfach mit Anführern der Normannen zusammengetan, um seinen Anspruch auf Aquitanien geltend zu machen. Dabei
soll er sogar vom Christentum abgefallen sein, was ihn in den Augen der Zeitgenossen völlig diskreditierte. Es war durchaus üblich, dass die Zentralgewalt Maßnahmen zur Normannenabwehr zugleich zur Stärkung der königlichen Autorität nutzte – und das war auch in Pîtres der Fall.
„Normannenplage“ als göttliche Strafe
Diesen Bestimmungen König Karls des Kahlen stehen Aktionen zur Seite, mit denen man Gottes Gnade wiedergewinnen wollte, die man – für die damaligen Zeitgenossen offensichtlich – durch Nachlässigkeit im christlichen Glauben verloren hatte. Ganz auf die Erklärung der Welt und der Geschichte aus fränkischer Sicht konzentriert, betrieb man die Ursachenforschung bei sich selbst und konnte sich die „Normannenplage“ nur als eine göttliche Strafe erklären.
Langfristig ist eine Effektivität der Maßnahmen kaum zu belegen, zumindest nicht in einem Ausmaß, das die Überfälle dauerhaft verhindert hätte. Es lässt sich beobachten, dass der Rückzug der Franken an die Oberläufe der Flüsse zumindest dort die Situation sicherer machte. Mönche siedelten ihre Klöster ins Landesinnere um, und man geht davon aus, dass die Brücken in Pont-de-l’Arche (Seine) und Les Ponts-de-Cé (Loire) ihre Defensivfunktion erfüllten. Etwa für zwei Dekaden hatte das jenseits des Kanals gelegene England deutlich mehr unter den Überfällen zu leiden.
Eine Abwehrtaktik, die schon seit Beginn der Überfälle immer wieder angewandt wurde, war das Loskaufen, bei dem man Normannen Silber im Gegenzug für den Abzug bot oder auch Lösegeld für prominente Gefangene zahlte. Dies war ein Ausweg, der zwar für den Moment Abhilfe schuf, auf lange Sicht aber wurden die Begehrlichkeiten der Normannen dadurch eher noch gesteigert.
Ein König, der den Wikingern Lösegeld zahlte, war in den Augen der Untertanen kein wirklicher Beschützer. Vor allem, wenn für die
Lösegeldsummen Kirchenschätze zur Verwendung kamen, mussten die Könige um ihren Ruf fürchten. Dies galt für regionale Machthaber nicht im selben Maß. Fürsten wie etwa der Graf von Paris konnten schneller auf Nachrichten von Überfällen reagieren und ihren militärischen Aufgaben nachkommen. Im Fall eines Versagens konnten sie dann immer noch auf mangelnde Unterstützung durch die Könige verweisen.
Spätestens, als sich massive Heeresverbände im Frankenreich festsetzten, deren man kaum Herr werden konnte, waren die Normannen zu einem ernstzunehmenden Faktor der Destabilisierung für die Frankenreiche geworden. Ein prägnantes Beispiel für die
Dramatik der Situation ist Erzbischof Hinkmar von Reims, einer der wichtigsten Berater Karls des Kahlen und lange Jahre bestimmend in der Politik tätig. Er starb – allerdings hochbetagt – 882 auf der Flucht vor den Normannen, deren Überfall auf seine Stadt der letzte Eintrag in dem von ihm geschriebenen Teil der „Annalen von Saint-Bertin“ ist.
Nur der Graf von Paris verteidigt seine Stadt
Einer der Höhepunkte der Heimsuchungen durch die Wikinger war die Belagerung von Paris 885/86. Die ohnehin schon schwächelnde Autorität der fränkischen Könige musste einen weiteren Schlag hinnehmen, als sich Odo, Graf von Paris, aus der Familie der Robertiner, in der Abwehr der Normannen bewährte. Monatelang stand die Stadt unter Belagerung, aber Karl III. (876 – 887), der König des ostfränkischen Reichs, der als Kaiser (seit 881) das Reich Karls des Großen zum letzten Mal vereinte, kam seiner Verteidigungsaufgabe nicht nach.
Sehr zur Empörung der Franken einigte sich Karl mit den Anführern der Normannen auf eine Ablösesumme und versuchte sogar, sie für seine innenpolitischen Zwecke einzusetzen: Die Normannen sollten das rebellische Burgund angreifen. Das waren Taktiken, die man an sich von Aufständischen, nicht aber von den Königen erwartete.
Die Aushöhlung der königlichen Autorität durch das häufige Versagen beim Schutz des eigenen Volkes ist nicht nur ein Nebeneffekt der Normannen-Präsenz, sondern erwies sich als ein entscheidender Faktor, der die Zukunft des Frankenreiches bestimmen sollte. Karl III. hatte nicht nur, aber eben auch gegen die Normannen versagt und wurde 887 in Ostfranken von Arnulf von Kärnten abgesetzt.
Im Jahr 888 übernahm der bereits erwähnte Odo von Paris als erster Nicht-Karolinger die Krone des Westfrankenreichs. Sowohl Odo als auch Arnulf, der 891 die Normannen an der Schelde zurückschlug, konnten sich gegenüber den „großen Heeren“ der Skandinavier deutlich besser behaupten.
Aber auch solche Siege erwiesen sich nicht als nachhaltig. Als Lösung blieb dann nur der Versuch, die Normannen in das eigene politische System einzubeziehen. Dabei kann man durchaus in Frage stellen, ob die Ansiedlung der Normannen als eine längerfristige Lösung von fränkischer Seite aus geplant war, oder ob sie sich einfach ergab.
Als sich der Normannenanführer Rollo und der westfränkische König Karl III., der Einfältige, 911 – wahrscheinlich bei einem Treffen bei Saint-Clair-sur-Epte (im heutigen Département Val-d’Oise) – einigten, war dies keinesfalls der erste Versuch, Normannen zu christianisieren und zu fränkischen Vasallen zu machen – und es war auch nicht der letzte. Es ist allerdings die einzige Ansiedlung von Skandinaviern, die von Dauer war. Die Gründe dafür liegen nicht unbedingt darin, dass man von fränkischer Seite aus mit der Vergabe von Land eine dauerhafte Lösung angestrebt hätte.
Als Parallele zu Rollos Einigung mit Karl dem Kahlen lassen sich mehrere Präzedenzfälle nennen, die alle scheiterten. Karl III. hatte sich mit Gottfried geeinigt, einem Dänen, dem er sogar eine Karolingerin (die Tochter Lothars II.) zur Frau gab. Gottfried war Friesland zugedacht. Doch der Däne verschwor sich mit Hugo, dem unehelichen Sohn Lothars II., und wurde daher bald ermordet.
König Odo vom Westfrankenreich wiederum nahm einen Normannen in sein Gefolge auf, der sich ordnungsgemäß taufen ließ, um seine Zuverlässigkeit zu beweisen. Glauben wir Richer von Reims (gest. nach 998), der die Ereignisse deutlich später beschrieb, wurde ihm die Bekehrung von den Franken nicht abgenommen. Direkt nach der Taufe erstach ihn ein Gefolgsmann Odos, der sein Verhalten damit begründete, dass es ja ohnehin nur eine Frage der Zeit gewesen wäre, bis der Normanne seine Treue gebrochen hätte.
Ansiedlungsversuche sind selten von Erfolg gekrönt
Zehn Jahre nach der Einigung zwischen dem westfränkischen König Karl III. dem Einfältigen und Rollo verlieh der französische König Robert I. 921 einem normannischen Anführer Land an der Loire, eine kleine Herrschaft, die sich im Gegensatz zur Normandie nicht festigte.
Landschenkung war also vor 911 gar nicht unbedingt ein Erfolgsrezept, und tatsächlich musste die Normannenherrschaft um Rouen an der Seine einige Krisen überstehen, ehe sie als gefestigt gelten konnte.
Die Bezeichnung Normandie trug die Herrschaft noch lange nicht, auch der Titel des Normannenanführers hatte sich noch nicht als „Herzog“ etabliert. Zeitgenössische Quellen identifizieren die Normannen als de Rodome foede, also als die Normannen vom „Rouen-Bündnis“. Von normannischer Seite aus kann man davon ausgehen, dass der Wille zu einer dauerhaften Herrschaftsbildung vorhanden war – und dies ist vielleicht der wichtigste Unterschied zu den Landschenkungen vor 911.
Hinweis darauf kann uns der Wille zur Dynastiebildung geben, die von den Herren von Rouen als wichtiges Element der Stabilität erkannt worden war, ebenso wie der Wille, den Ruf als Verfolger und Zerstörer von Kirchen abzulegen und sich stattdessen in der Förderung von Kirchen hervorzutun. Dies war jedoch eine Taktik, die erst nach mehreren Generationen zum Erfolg führte. Zwar konnte Wilhelm I. seinem Vater Rollo in der Normandie nachfolgen, aber er fiel 942 bei Friedensverhandlungen mit Arnulf I. von Flandern einem Attentat zum Opfer. Wilhelm I. galt dem flämischen Grafen eben keinesfalls als gleichwertiger christlicher Fürst.
Die normannische Legendenbildung hat Wilhelm I. postum zu einem Heiligen verklärt, in dessen Hinterlassenschaft man den Schlüssel zu der Klosterzelle fand, in die er hatte eintreten wollen. In der auf seinen Tod folgenden Krise unter dem noch kindlichen Richard I. behauptete sich die Normandie nur, weil der innere Zusammenhalt unter den Normannen mittlerweile groß genug war und weil man Verbündete in den Robertinern gewann, die eine Rückführung der Normandie in die Hände der westfränkischen karolingischen Könige verhindern wollten.
Als dann in den 960er Jahren erneut dänische Wikinger in die Normandie einfielen, wehrte Richard I. – inzwischen erster Herzog der Normandie – sie nicht ab, wie das ursprüngliche Einverständnis zwischen Karl und Rollo vielleicht vorgesehen hatte, sondern verbündete sich mit ihnen, bekehrte sie zum Christentum und siedelte sie an.
Zumindest für das Westfrankenreich hatten die Normannen-Überfälle damit ein Ende – und spätestens unter Richard II. (gest. 1026) waren die Herzöge der Normandie im Kreis der westfränkisch-französischen Fürsten angekommen.
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