Der Sammelband umfasst eine Einleitung und 14 deutsch- bzw. englischsprachige Beiträge und entstand unter der Ägide von Karl-Joachim Hölkeskamp, Professor für Alte Geschichte an der Universität Köln. Die Aufsatzthemen wurden zeitlich und geographisch so gewählt, dass die Thematik von der griechischen Archaik bis in die römische Kaiserzeit verfolgt werden kann, was das Aufzeigen von Brüchen und Kontinuitäten im Umgang mit Normen besonders gut erlaubt.
So stellt Karl-Joachim Hölkeskamp zu Beginn in seinem Beitrag eine Definition der Begriffe Prinzip, Regel, Norm und Wert auf. Dabei stehe Regel für die „konkrete, normative Manifestation von allgemeinen und allgemein gültigen Prinzipien“. Wert wird als Maßstab definiert, der einer spezifischen Gesellschaft eigen ist.
Der Beitrag von Robin Osborne etwa widmet sich den Erwartungen der antiken griechischen Gesellschaft an das Verhalten der Frau im Heiligtum. Im Alltag spielten Frauen in der Öffentlichkeit keine große Rolle und durften dies meist auch nicht. In diesem Kontext verweist der Autor darauf, dass im Zusammenhang mit manchen Kulten eine herausgehobene Präsenz der Frauen unabdingbar gewesen sei. So wurde u.a. erwartet, dass sich junge Frauen und Männer bei Prozessionen zu Ehren einer Gottheit reich schmückten und ihre Schönheit zur Schau stellten. Dies sei besonders im Bezug auf das übliche Auftreten der Frau im antiken Griechenland eine bemerkenswerte Verhaltensweise. Nach weiteren Beispielen folgert der Autor, dass im sakralen Kontext ein auffälliger Wechsel der gesellschaftlichen Erwartungshaltung gegenüber Frauen, gerade was den Auftritt in der Öffentlichkeit angeht, stattfinden könne. Somit würden die gemeinschaftlichen Normen durch die Kultpraxis permanent hinterfragt werden.
Jan Timmer macht in seinem Beitrag praktisch die Gegenprobe. Er untersucht den Kriegsrat im Vorfeld der Schlacht bei Aduatuca, wie er von Gaius Iulius Caesar im fünften Buch seiner Kommentare zum Gallischen Krieg beschrieben wird. Die beiden Oberkommandierenden sind zerstritten und verfolgen entgegengesetzte Pläne. Einer der beiden, Lucius Aurunculeius Cotta, stellt seine Ziele schließlich hintan, um eine Entscheidung zu ermöglichen. Der Autor arbeitet heraus, dass Cotta sich damit absolut regelkonform verhielt und den Erwartungen der Senatsaristokratie entsprach. In der Folge wurde die Legion vernichtend geschlagen. Mit dieser Darstellung, so Jan Timmer, versuche Caesar die senatorische Erwartungshaltung, dass Aristokraten der Staatsräson wegen auf eigene Ambitionen verzichten sollten, zu untergraben. Gerade damit kündige der Imperator einen Normbruch an, der die Republik später in den Bürgerkrieg führte.
Das Buch richtet sich in erster Linie an ein Fachpublikum und ist mit einem Fußnotenapparat ausgestattet. Durch den weiten Rahmen mit interessanten Beiträgen wird das Thema facettenreich beleuchtet.





