Reformen: Atatürks Bruch mit der Vergangenheit - damals.de | DAMALS
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Bruch mit der Vergangenheit
Atatürk forcierte in der jungen Republik einen Komplettumbau des Staates, der Gesellschaft und der Kultur. Viele der bis 1934 umgesetzten Maßnahmen – etwa die Abkehr vom Islam als Staatsreligion – sind so tiefgreifend, dass man eher von „Revolutionen“ sprechen sollte.
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„Die Souveränität geht ohne Einschränkung von der Nation aus.“ Diese Formulierung ist seit der Einberufung des modernen Parlaments in Ankara im Jahr 1920 ein Leitsatz der türkischen Politik, und seit 1921 steht es so in der Verfassung. Doch war zunächst nicht vorstellbar, dass eine Gesellschaft und ihr Staat ohne ein religiöses Selbstverständnis auskommen könnten. Erst 1928 wurde der Islam als Staatsreligion aus der Verfassung gestrichen. 1937 schließlich wurde die Türkei auch per Verfassung eine „laizistische Republik“.
Der Begriff Laizismus, auf Türkisch laiklik, steht für eine Variante der Trennung von Religion und Staat, wie sie sich seit der Französischen Revolution entwickelt hat. Es handelt sich um eine besonders strikte Trennung, die historisch eher durch gewaltsame Konflikte denn durch einen Konsens der bürgerlichen Gesellschaft entstanden ist. Weder im Recht noch in staatlichen Institutionen oder im öffentlichen Raum soll ein Einfluss der Religion erkennbar sein.
Doch wenn es darum geht, was Laizismus in der Praxis bedeutet, sehen wir in der Türkei, genauso wie in Frankreich, recht widersprüchliche Phänomene. Interesse am Laizismus hatte sich im Osmanischen Reich schon im 19. Jahrhundert entwickelt. Bürokraten, Militärs und Intellektuelle, die ihre Ausbildung an modernisierten Lehrstätten absolviert hatten, waren unzufrieden mit dem anhaltenden Einfluss alter Eliten wie den Religions- und Rechtsgelehrten. Einige osmanische Intellektuelle wollten Religion insgesamt „überwinden“, konnten sich aber langfristig nicht durchsetzen. Zugleich sahen viele der Modernisierer im Islam einen gesellschaftlichen Kitt, den man zur Stärkung des Reiches gegen die äußeren Feinde nützen müsse, unabhängig von der persönlichen Gläubigkeit.
Über die persönliche Religiosität von Mustafa Kemal Atatürk wird immer wieder spekuliert. Es ist bekannt, dass er durch seine militärische Ausbildung Zugang bekam zu den Ideen der Aufklärung, des Positivismus und des Säkularismus. Er interessierte sich für den popularisierten Materialismus nach Ludwig Büchner (1824 –1899) und für Organisationen, die den osmanischen Staat gewaltsam modernisieren wollten.
In seiner Jugend von Staats wegen zum regelmäßigen Gebet verpflichtet, sehen wir ihn auf Fotos aus frührepublikanischer Zeit bei offiziellen Gottesdiensten mit zum Gebet gehobenen Händen. Auch die Einweihung des Parlamentsgebäudes in Ankara wurde durch die entsprechenden religiösen Rituale abgerundet. Auf der anderen Seite ist die frühe Alkoholsucht des Politikers bekannt, ebenso seine Faszination für die gesellschaftlichen Konventionen und die Freizügigkeit des Westens.
Tiefgreifende Reformen: Islamische Institutionen werden nach und nach aufgelöst
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Während seiner Regierungszeit, in der seine Ideen und Wünsche gleichsam Gesetzeskraft annahmen, wurden die islamischen Institutionen eingestampft und Moscheen dem Verfall preisgegeben. Atatürk machte Slogans wie „Der wahre Anführer ist die Wissenschaft“ populär und prägte Generationen von laizistischen Staatsbeamten, die sich in seiner Nachfolge sahen.
Der Unabhängigkeitskrieg (1919 –1922) war unter Mustafa Kemals Führung noch mit der Betonung der Solidarität aller „muslimischen Bevölkerungsteile“ der Türkei geführt und zunächst als Kampf „zum Schutz“ des osmanischen Herrscherhauses und des Kalifats dargestellt worden. Nach der Ausrufung der Republik erfolgte dann jedoch der Umbau des Landes auf Kosten der alten Eliten.
In einem ersten Schritt übernahm der Staat die Kontrolle über den Islam und seine Institutionen: Im März 1924 wurde der letzte Kalif, Abdülmecit II., abgesetzt und des Landes verwiesen. Er war ohnehin nur noch eine Symbolfigur für das Nationalparlament gewesen, da man die eigentliche weltliche Macht, das Sultanat, schon 1922 abgeschafft hatte. Das Freitagsgebet sollte nun nicht mehr für das Heil des Kalifen, sondern für das Wohlergehen der Nation und der Republik gehalten werden.
Die islamischen Gerichte wurden durch säkulare ersetzt und das Kapital der traditionellen islamischen Stiftungen der Staatskasse zugeschlagen. Von den 1930er Jahren an bis zum Zweiten Weltkrieg blieb die religiöse Ausbildung komplett ausgesetzt.
Besonders bedeutsam ist, dass 1924 eine sehr spezielle Institution ins Leben gerufen wurde, die bis heute besteht, nämlich das „Amt für religiöse Angelegenheiten“. Dieses Amt verkörpert den staatlichen sunnitischen Islam der Türkei; jede Moschee bedarf der Genehmigung durch das Amt, die religiösen Staatsdiener werden durch dasselbe eingestellt, bezahlt und kontrolliert.
Die ursprüngliche Idee war wohl gewesen, den früheren religiösen Institutionen jede Selbständigkeit zu nehmen und den Islam nur noch im Sinn des neuen Staates auftreten zu lassen. Die politische Abhängigkeit des Amtes und die Schaffung eines Heeres von vermeintlich laizistischen religiösen Staatsdienern hat es über die Jahrzehnte aber zu einem mächtigen Instrument der Regierung werden lassen.
Im späten Osmanischen Reich hatte man mit mehreren Kalendern zugleich hantiert, je nachdem, ob man Steuern berechnete, religiöse Feiertage festlegte oder mit dem Ausland kommunizierte. Den christlichen Kalender 1925 als den einzigen, weil vermeintlich modernen und internationalen, anzuerkennen war eine konsequente Maßnahme.
Das vollständige Verbot der mystischen Gemeinschaften sowie die Hutpflicht für Beamte ergänzten das Bild. Der Austausch der osmanischen und islamischen Gesetze gegen europäische Rechtsnormen im Jahr 1926 zementierte den Laizismus. Von 1932 bis 1950 musste der Gebetsruf auf Türkisch erklingen; diese Änderung wirkte so befremdlich, dass sie als eine von wenigen Reformen keine Spuren in der Gegenwart hinterlassen hat.
Frauen in der Türkei: „Emanzipiert, aber nicht befreit!“
Zu Beginn der 1980er Jahre prägte die türkische Politikwissenschaftlerin Binnaz Toprak die Formulierung „emanzipiert, aber nicht befreit!“. Diese Worte standen für eine neue – nun kritische – Sicht auf die Emanzipation der Frauen durch Atatürk. Bis dahin war die allgemeine Wahrnehmung gewesen, dass die Frauen der Türkei Atatürk zu danken hätten für die Möglichkeiten, die er ihnen eröffnet habe, und für das Ende der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frauen durch Religion und Staat.
In der Tat veränderten eine ganze Reihe von rechtlichen Maßnahmen und die Propagierung „zeitgemäßer“ gesellschaftlicher Regeln die Lebenswirklichkeit vieler Frauen entscheidend: Mit der Einführung des Schweizer Zivilrechts 1926 wurde die Mehrehe abgeschafft, die religiöse Eheschließung durch die Zivilehe ersetzt und die Scheidung auf Wunsch der Ehefrau erleichtert.
Frauen sollten in der Öffentlichkeit zu sehen sein, nach Möglichkeit in moderner Kleidung. Das neue Schulsystem förderte die Mädchenbildung bis hin zum staatlich unterstützten Studium in allen Fächern. Mit der kompromisslosen Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts auf allen Ebenen zwischen 1931 und 1934 überholte der neue Staat manche europäische Länder auf politischer Ebene.
Atatürk selbst diente der Bevölkerung als Vorbild, indem er begabte Mädchen adoptierte und exzellent ausbilden ließ. Als eine Folge der Maßnahmen waren über Jahrzehnte hinweg in der Türkei mehr Frauen in akademischen oder juristischen Führungspositionen zu finden als in Westdeutschland. Als Ehemann indes schien Atatürk keine Begabung zu haben: Nach einer kurzen Ehe mit Latife Hanım heiratete er kein zweites Mal.
Mit Abstand betrachtet, kann man allerdings einige Schwächen des damaligen Emanzipationsprojekts erkennen. Nicht alles, was nötig und möglich gewesen wäre, wurde in Recht umgesetzt. Aktivistinnen des späten Osmanischen Reichs, ihre Vereine und Schriften wurden ignoriert, als hätte es sie nie gegeben. Die Emanzipationsmaßnahmen dienten nicht der Befreiung des weiblichen Individuums, sondern dem Ruhm des neuen Staates. „Wenn die Frauen die wahre Mutter unserer Nation sein wollen, dann muss es ihnen gelingen, aufgeklärter und tugendhafter als die Männer zu sein“, gab der „Vater der Türken“ als Losung aus.
Die Türkei sollte sich auch auf internationaler Ebene als westlicher Staat darstellen können, und dazu gehörten gebildete Frauen, die in der modernen Ehe und Familie ihrem Gatten eine Gefährtin und ihren Kindern eine Lehrerin sein konnten.
Für alle Beteiligten war es schwierig, die etablierten Moralvorstellungen mit der neuen Frauenrolle zu verknüpfen. Deshalb wurde von Frauen erwartet, dass sie quasi „geschlechtslos“ in moderner, aber züchtiger Kleidung in der Öffentlichkeit auftraten und sich nie in eine „zweifelhafte“ Situation brachten. Was in der Privatheit der Wohnung geschah, wurde nicht diskutiert.
Dazu passte auch, dass man das seinerzeit konservativste Familienrecht Europas, das schweizerische, übernommen hatte. Somit war bis 2002 der Ehemann das Oberhaupt der Familie mit weitreichender Entscheidungsgewalt, auch über den Aufenthaltsort oder die Berufstätigkeit der Frau.
Aber selbst die neuen Möglichkeiten kamen nur einem Teil der Frauen zugute. 1927 lebten rund 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Land. Dort änderte sich für die Frauen über Jahrzehnte hinweg nichts. Es kam sogar zu neuen Problemen, wenn beispielsweise die religiöse Eheschließung keine rechtliche Bedeutung mehr hatte und somit die traditionell verheirateten Frauen und ihre Kinder keine Rechtsansprüche besaßen.
Im Ersten Weltkrieg hatten die Frauen der Türkei noch in Munitionsfabriken gearbeitet, im Unabhängigkeitskrieg für den Nachschub gesorgt. Doch in den republikanischen Schulbüchern lasen die Kinder, dass Männer ihren Körper trainieren müssen, um Soldaten zu werden, Frauen jedoch, um gesunde Kinder zu gebären und die eigene Rasse zu stärken.
Wechsel vom arabischen zum lateinischen Alphabet
Auf einem der bekanntesten Fotos von Atatürk steht dieser vor einer Schultafel und erklärt der staunenden Menge das neue Alphabet. Atatürk stilisierte sich selbst nicht nur zum „Vater“, sondern auch zum „Lehrer der Nation“. So konsequent wie schon die vorherigen Reformen wurde auch der Wechsel vom arabischen zum lateinischen Alphabet zum 1. Januar 1929 umgesetzt – unter Strafandrohung, flankiert von Propagandareisen und unterstützt durch den raschen Aufbau „Nationaler Schulen“.
1930 endete die Übergangszeit: Die arabischen Buchstaben durften nur noch in absolut privaten Schriftstücken verwendet werden. Hauptargument war, dass das neue Alphabet das Lesenlernen erleichtern würde. Tatsächlich waren zu diesem Zeitpunkt nur rund 20 Prozent der männlichen und zehn Prozent der weiblichen Bevölkerung alphabetisiert. Ohne Zweifel handelte es sich aber auch um einen symbolischen Akt, denn durch diese Umstellung kehrte man dem islamischen Erbe den Rücken.
Doch nicht nur Menschen mit vermeintlich rückständigen Ansichten sprachen sich damals gegen den Schriftwechsel aus. Gerade Sprachwissenschaftler plädierten für die Schaffung eines reformierten osmanischen Alphabets, das den Lauten der türkischen Sprache besser entspräche als die nicht immer einleuchtende bisherige osmanische Schreibweise. Durch die Beibehaltung der arabischen Buchstaben wäre ein Effekt auf jeden Fall verhindert worden: Nur eine Generation später konnten die meisten Türken Bücher und Akten der osmanischen Zeit nicht mehr entziffern.
Die „Verständigungsschwierigkeiten“ zwischen den Generationen wurden noch durch eine massive Förderung der Sprachreform in den 1930er Jahren verstärkt. Schon früher hatte man versucht, das Osmanische der gebildeten Schicht zu entstauben, ohne es staatlich zu erzwingen. Nun aber, da alle Menschen die Schule besuchen sollten und der säkulare Staat alle Schulen und Publikationen kontrollierte, konnte man auch die Sprache regulieren.
Die 1932 einberufene staatliche Sprachkommission sollte die Sprache von allen nicht-türkischen Wörtern reinigen und türkische Wörter (er)finden. Das osmanisch-türkische Wörterbuch von 1935 zählt 4056 Neuschöpfungen. Die Idee, dass der Staat aktiv in die Nationalsprache eingreifen und richtige Wörter von falschen unterscheiden sollte, wirkte weit über Atatürks Lebenszeit hinaus weiter: Noch heute kann die Wahl eines bestimmten Vokabulars eine politische Entscheidung sein.
Reformen im Bildungswesen: Universitäten nach westlichem Vorbild
Atatürk forderte ein Erziehungsprogramm, das dem nationalen Charakter und der türkischen Geschichte entspreche und von „religiösen Fabeln“ und fremden Einflüssen frei sei. Seit 1924 kontrollierte das Bildungsministerium das vereinheitlichte Schulsystem, welches das frühere vielfältige System ersetzte. Die Grundschulpflicht, die seit 1845 auf dem Papier existierte, sollte Realität werden. Ganz neu war die Einführung der Koedukation beider Geschlechter in fast allen Bildungseinrichtungen.
Wirklich bedeutend war der Wandel der Universitäten. Ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der alten Gelehrten wurden moderne Hochschulen eingerichtet und ausländische Fachleute eingestellt. Dozenten, die sich mit allzu kruden neuen Thesen über die Geschichte und die Sprache der Türken nicht anfreunden konnten, mussten die Universität verlassen. Da in Deutschland und Österreich seit 1933 der Druck auf jüdische Gelehrte kontinuierlich wuchs, emigrierten einige in die Türkei und brachten sich oft nachhaltig in die neue Universitätslandschaft ein. So baute Ernst Hirsch aus Friedberg die Rechtswissenschaft auf.
Moderne Architekten gestalten die neue Hauptstadt Ankara
„Noch einmal wollte ich der Welt zeigen, dass der Türke das Unmögliche möglich machen kann. Der Tag wird kommen, an dem diese trockenen Felder zu Grünflächen und Asphalt, zu Villen zwischen grünenden Bäumen geworden sind.“ So begründete Atatürk seine Wahl der staubigen Provinzstadt Ankara zur neuen Hauptstadt. Auf den „trockenen Feldern“ konnten die in- und ausländischen Architekten die Vision der Regierung von progressiver städtischer Moderne umsetzen.
An der Republik-Straße, der Hauptschlagader des neuen Lebens, wurde „öffentlicher Raum“ produziert: Bankengebäude, Hotels mit Ballsälen, Parkanlagen und das Parlamentsgebäude. Während die frühesten Neubauten noch auf osmanische und seldschukische Elemente zurückgegriffen hatten, entstand in den 1930er Jahren insbesondere durch den ausländischen Einfluss eine monumentale Stadtarchitektur.
1928 gewann der Berliner Architekt Hermann Jansen (1869 –1945) den von der Regierung ausgeschriebenen Wettbewerb zur kompletten Neugestaltung der Stadt. Er entwickelte eine weitere Hauptachse, den mehr als fünf Kilometer langen Atatürk-Boulevard, über den man zum neuen, 1947 fertiggestellten und bis heute genutzten Parlamentsgebäude sowie zum Sitz des Präsidenten gelangte. Zu dieser neuen Architektur gehörten tatsächlich ausgedehnte Grünflächen in Form von Parks und der sogenannten Atatürk-Farm. Letztere war ein Mustergut am Rand der Stadt; sie enthielt neben den Agrarflächen eine Brauerei und Wohnhäuser für die Arbeiter und Angestellten. Den Auftrag für diese Arbeit hatte der Wiener Architekt Ernst Egli erhalten, der auch die Architekturabteilung der Akademie der Schönen Künste in Istanbul leitete.
Ein besonderer Platz in der Geschichte der frühen türkischen Republik kommt auch dem Architekten Bruno Taut (1880 –1938) zu. Als Vertreter des „Neuen Bauens“ hatte er sich in Deutschland schon lange einen Namen gemacht, musste aber 1933 ins Exil gehen. Zunächst arbeitete er in Japan, 1936 nahm er eine Professur in Istanbul an. Während seines kurzen Wirkens hinterließ er neben der sogenannten Pagode am Bosporus so bedeutende Gebäude wie die Philologische Fakultät und das Atatürk-Gymnasium in Ankara.
Als Atatürk im November 1938 starb, wurde Taut beauftragt, den Katafalk für den Staatsakt zu entwerfen. Taut, selbst schon schwer krank, investierte seine letzte Energie in die aufwendig gestaltete Bühne für Atatürks Sarg, an dem Tausende von Menschen vorbeischritten. Taut starb wenige Wochen nach Atatürk und wurde in Istanbul beigesetzt.
Autorin: Prof. Dr. Béatrice Hendrich
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