Im Jahr 1516 beschloss der venezianische Senat, die Juden auf einer kleinen Insel einzupferchen, die als „Ghetto“ bekannt war. Damit war ein Begriff in der Welt, dessen Assoziation über die Jahrhunderte immer düsterer werden sollte.
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von RAFAEL D. ARNOLD
Die Geburt Venedigs, die auf den 25.März 421 datiert wird, wird seit Jahrhunderten gefeiert. Es ist anhand historischer Dokumente jedoch nicht genau auszumachen, wann sich zum ersten Mal Juden in Venedig angesiedelt haben. Erst aus den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts liegen aussagekräftige Quellen vor. Und obwohl dort nicht explizit von Juden oder Christen gesprochen wird, kann man darin die Grundlage der ersten condotta erkennen, wie man die zeitlich befristeten Aufenthaltsgenehmigungen für die ebrei, die Juden, nannte. Diese mussten in oft Jahre dauernden Verhandlungen zwischen der Republik Venedig und der jüdischen Gemeinschaft, die für die Genehmigung bezahlte, immer wieder neu ausgehandelt werden.
Ein solches ständiges Tauziehen konnte keine tragfähige Basis für ein dauerhaftes Zusammenleben in der Lagunenstadt sein. Und so blieb die Geschichte der Juden in Venedig zunächst bis ins 16. Jahrhundert hinein geprägt von Unsicherheit und dann auch wieder plötzlicher Milde von Seiten der Löwenrepublik. Gab es auch keine Garantien für eine langfristige Ansiedlung, lässt sich eine Kontinuität erkennen, die sich von condotta zu condotta über viele Generationen fortsetzte.
Mit jedem Herkunftsgebiet sind andere Traditionen verbunden
Neben Juden italienischer Herkunft (ebrei italiani) siedelten sich in Venedig und seinen Besitzungen zudem schon bald aschkenasische Juden an, die von nördlich der Alpen stammten und deren Umgangssprache das Jiddische war. Beide Gruppen bildeten in administrativer Hinsicht gemeinsam die sogenannte nazione tedesca („die deutsche Nation“, wobei Juden auch aus Böhmen, Mähren oder anderen Gebieten inbegriffen waren). Die meisten von ihnen lebten vom Geldverleih oder trieben Handel mit gebrauchten Waren, der sogenannten strazzeria, was ihnen in der Regel nur ein recht bescheidenes Leben ermöglichte.
Eine weitere Gruppe von Zuwanderern bildeten sephardische Flüchtlinge von der Iberischen Halbinsel, die ebrei ponentini oder ebrei occidentali genannt wurden. Seit Beginn des 15. Jahrhunderts lässt sich ihre Anwesenheit in der Lagunenstadt vereinzelt nachweisen, aber nach der Vertreibung aus Spanien (1492) und Portugal (1496) wurde ihre Präsenz in Venedig und seinen Besitzungen im Mittelmeer immer spürbarer. So heißt es in einem Bericht, den der procuratore generale von Dalmatien 1622 anfertigte, dass zu den 100 Juden, die bis dahin auf Korfu lebten, 100 Sepharden hinzugekommen seien. Zumeist lebten sie vom Handel.
Schließlich gab es noch eine weitere Gruppe, Juden aus dem Osmanischen Reich, die ursprünglich ebenfalls aus Spanien und Portugal stammten und in den venezianischen Dokumenten als nazione levantina bezeichnet werden und zum Teil reiche Kauffahrer waren. Venedig beherbergte also eine heterogene jüdische Gemeinschaft, deren Mitglieder sich sprachlich, aber auch hinsichtlich religiöser Riten und Bräuche sowie ihrer ökonomischen Verhältnisse unterschieden.
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Der venezianische Rabbiner Leon da Modena beschrieb in seinem Buch über jüdische Religion und Brauchtum („Historia de Riti Hebraici“, 1637) die Unterschiede zwischen den drei nazioni, die die Einrichtung verschiedener Synagogen notwendig machten. Während sich nämlich die Religionsgesetze und die sogenannte mündliche Lehre trotz der Zerstreuung der Juden kaum unterschieden, hatten sich sehr wohl unterschiedliche Bräuche ausgebildet.
Neben den von Leon da Modena beschriebenen Gruppen spielten außerdem getaufte Juden oder Neuchristen in Venedig eine Rolle. Wenngleich diese Gruppe bereits 1497 ausgewiesen worden war und das Aufenthaltsverbot im Juli 1550 durch den Senat bekräftigt wurde, lässt sich ihre Anwesenheit auch danach nachweisen. Das Misstrauen gegen diese Konvertiten war enorm. Beispielsweise hielt sich hartnäckig das Gerücht, die Syphilis, die 1494 zum ersten Mal in Italien auftauchte, wäre von den zugereisten Marrani ins Land gebracht worden. Ende des 19. Jahrhunderts konnte dieser verleumderische Vorwurf endgültig wissenschaftlich widerlegt werden.
Vor Ostern wurde besonders gegen die Juden gehetzt
Bereits im April 1515 war in Venedig diskutiert worden, ob es nicht besser sei, die in der Lagunenstadt lebenden Juden, die in verschiedenen Stadtgebieten, etwa in San Polo, Sant’Agostino und San Cassiano, wohnten, an einem einzigen Ort zusammenzufassen. Längst war es üblich, die Juden zu Ostern, da es häufig zu judenfeindlichen Ausschreitungen kam, mit einer Ausgangssperre zu belegen. Jetzt aber machte Giorgio Emo, ein Mitglied des Collegio dei Savi, eines der wichtigsten politischen Organe der Serenissima, den Vorschlag, die Juden zu zwingen, ganzjährig auf der Giudecca-Insel zu wohnen. Emo fürchtete, die Juden übten einen schlechten Einfluss auf die Christen aus. Als dieser Vorschlag bekanntwurde, erhoben zwei Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Ascher und Chaim Meschullam (auch Anselmo und Viviano dal Banco genannt), Protest dagegen. Der Vorschlag wurde für dieses Mal vom Collegio abgelehnt.
Ein Jahr später, am Morgen des 26.März 1516, legte Zaccaria Dolfin, ebenfalls Mitglied des Collegio, dem Gremium eine überarbeitete Fassung des Vorschlags aus dem Vorjahr vor. Der Zeitpunkt war keineswegs zufällig: Wieder stand Ostern bevor, und in ihren Fastenpredigten wiegelten besonders die Franziskaner die Volksmasse stärker als je gegen die Juden auf.
Vor dem Hintergrund nicht versiegender Gerüchte um „Hostienfrevel“ und Ritualmorde konnte der uralte Vorwurf, die Juden seien die Mörder Christi gewesen, für sie eine tödliche Gefahr bedeuten. Die schwelende Wut über die „Wucherzinsen“ jüdischer Geldverleiher konnte zudem leicht geschürt werden.
Dolfin hielt es für ausgemacht, dass die Anwesenheit der Juden in Venedig zur moralischen Verkommenheit – zur „perversità dil Stato“, wie er sich ausdrückte – beitrug. Darum schlug er vor, „li zudei“ („die Juden“) in das „Geto novo“ umzusiedeln, das für eine Segregation besonders geeignet sei, da es einem „castello“ (einer Burg) gleiche und gut zu bewachen sei.
Inzwischen hatte sich die militärische und politische Lage der Republik kritisch verschlechtert. In der modernen Geschichtswissenschaft ist mittlerweile die These verbreitet, dass die Einrichtung des Ghettos vor dem Hintergrund des Krieges der Serenissima gegen die Liga von Cambrai (siehe Kapitel Seite 67) zu sehen sei. Im Zuge der für Venedig verlorengegangenen Schlacht von Agnadello im Mai 1509 waren etwa 200 Juden vor der marodierenden Soldateska aus den venezianischen Festlandbesitzungen in die Lagunenstadt geflüchtet. Die Zahl der dort lebenden Juden stieg dadurch auf 700.
In seinen Tagebüchern aus jenen Jahren berichtet der venezianische Patrizier Marino Sanudo, ein eifernder Mönch habe die Regierung aufgefordert, gegen die Sünden der Stadt vorzugehen, zu denen er explizit die den Juden gewährte Freiheit zählte. Dafür versprach er Gottes Hilfe im Kampf gegen die äußeren Feinde. In der allgemeinen Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit der Venezianer und in der eifernden religiösen Stimmungsmache sieht der amerikanische Historiker Robert Finlay einen Katalysator, der die politische Entscheidung zum Nachteil der jüdischen Bevölkerung beförderte. So fand der Vorschlag, die Juden von der restlichen Bevölkerung Venedigs zu segregieren, 1516 die Zustimmung des Collegio.
Sie gänzlich auszuweisen hätte für die Republik zu große ökonomische Einbußen bedeutet, die finanziellen Gegenleistungen für die Condottas wären ausgeblieben, und die Geldverleiher hätten gefehlt. Doch nun sollten sie wenigstens getrennt von den anderen Venezianern leben – eine Maßnahme, die sich in die auch sonst allgemein praktizierte Stadtpolitik fügte, die vorsah, dass fremde Völker und nationes in bestimmten Vierteln oder Gebäuden zu wohnen hätten, wie beispielsweise die deutschen Handelsleute im Fondaco dei Tedeschi.
So beschloss also der Senat am 29.März die Einrichtung eines jüdischen Wohnbezirks im Ghetto nuovo im Sestiere (Stadtteil) Cannaregio. Am 1.April wurde der Plan öffentlich proklamiert. Die Juden sollten binnen kürzester Frist dorthin umziehen. Als die Vertreter der jüdischen Gemeinde am 5.April im Dogenpalast vorstellig wurden, war an ein Abwenden des Beschlusses nicht mehr zu denken, es konnte nur noch darum gehen, die genauen Bedingungen der Zwangsmaßnahme so erträglich wie möglich auszuhandeln.
Die Tore des Ghettos wurden nachts geschlossen
Die Lage des Ghetto nuovo in Cannaregio, weit entfernt von San Marco, dem politischen Herzen der Lagunenstadt, und von Rialto, der wirtschaftlichen Hauptschlagader, bedeutete eine Marginalisierung der Juden im doppelten Sinn. Das Gelände ist auf allen Seiten von Wasser umgeben und bildet somit eine Insel, die geradezu prädestiniert zu sein schien, die dorthin gezwungenen Menschen zu isolieren. An seinen Rändern standen Gebäude, die eine Art Ummauerung bildeten. In der Mitte befindet sich ein offener Campo mit drei Brunnen, sogenannten pozzi. Nur zwei Brücken verbanden das Ghetto nuovo mit dem Rest der Stadt.
Laut Dekret sollten hohe Mauern die Insel gegen die christlichen Wohngebiete abschotten. Welch ein Kontrast zu der ansonsten unbefestigten Stadt, die Marino Sanudo in seinen Tagebüchern nicht ohne Stolz „ohne Mauern“ („senza muraglie“) nennt. Eine Mauer wurde dann zwar nicht errichtet, aber Türen und Fenster, die zum Kanal blickten, mussten zugemauert werden. Nur den Pfandleihbanken war der Zugang zur riva, zum Kai, erlaubt. Die beiden Brücken wurden mit Toren versehen und auf Kosten der Juden von vier christlichen Wachleuten und zwei patrouillierenden Booten bewacht.
Die Tore des Ghettos öffneten sich am Morgen beim Läuten der Marangona-Glocke von San Marco, mit dem der Arbeitsalltag in Venedig begann. Bei Einbruch der Dunkelheit mussten alle Juden wieder im Ghetto sein, dessen Tore dann verschlossen wurden. Nur Ärzten war es gestattet, das Ghetto bei Nacht zu verlassen, wenn sie in Notfällen zu christlichen Patienten gerufen wurden.
Tagsüber konnten die Juden das Ghetto verlassen und ihren Geschäften im Rialto nachgehen. Damit sie leicht zu identifizieren waren, mussten sie allerdings eine farbige Kopfbedeckung tragen, die anfänglich gelb, später rot war. Christen war der Zugang zum Ghetto und seinen Pfandleihern bei Tage erlaubt. Bekanntlich nutzten einige Neugierige unter ihnen diese Möglichkeit sogar, um Gottesdienste in einer der Synagogen zu besuchen.
Im Ghetto wohnten die Juden zur Miete. Immobilienbesitz war ihnen verboten (einzig der Friedhof auf dem Lido war und ist bis heute im Besitz der jüdischen Gemeinde). Die christlichen Vermieter, die Familien da Brolo und Minotto, durften von den neuen Mietern einen um ein Drittel höheren Mietzins verlangen. Da der Wohnraum knapp war, wurden die Häuser im Lauf der Zeit mit Zwischengeschossen versehen und aufgestockt. Die so entstandenen Hochhäuser, die die übliche Bauhöhe in der Stadt übertrafen, gaben dem venezianischen Ghetto sein bis heute auffälliges vertikales Profil.
Die starke Zuwanderung levantinischer Juden – hebrei mercadanti levantini viandanti – machte eine Erweiterung des jüdischen Wohngebietes notwendig. So wurde 1541 die Erlaubnis erteilt, das Ghetto um das benachbartes Ghetto vecchio zu erweitern. Das Verhältnis der Venezianer zu den Juden blieb trotz dieses Zugeständnisses von tiefem Misstrauen bestimmt. Als etwa am 13.September 1569 im Arsenal ein verheerendes Feuer ausbrach, fiel der Verdacht sogleich auf die jüdischen Agenten des Herzogs von Naxos, Joseph Nasi. Und nach dem Sieg gegen die „ungläubigen“ Türken in der Schlacht von Lepanto (1571) griff der Senat kurzerhand auch gegen die Andersgläubigen im eigenen Staat durch und wies die Juden aus. Kurz darauf widerrief man diese Entscheidung allerdings, da man finanzielle Einbußen fürchtete. Stattdessen wurde im Dezember 1573, im Anschluss an den Friedensvertrag mit den Türken, sogar eine salvacondotta für sämtliche Juden Venedigs gewährt.
Zu dieser Zeit lag der Handel mit der Levante überwiegend in der Hand sephardischer Juden. Speziell für die wohlhabenden Handelsleute und Kauffahrer sollte im Jahr 1633 das Ghetto schließlich noch einmal um ein angrenzendes Gebiet erweitert werden, das den Namen Ghetto novissimo erhielt. Für die sephardische Gemeinschaft (ponentina e levantina) und für die aschkenasische Gemeinschaft galten von nun an unterschiedliche richterliche Zuständigkeiten (nämlich die Ufficiali al cattaver bzw. die Cinque savi alla Mercanzia).
Das Wort „Ghetto“: Herkunft und Schicksal
Die venezianische Maßnahme, alle Juden der Stadt auf ein Viertel zu konzentrieren, wurde Vorbild für das Ghetto in Rom, welches in der päpstlichen Bulle „Cum nimis absurdum“ (1555) zunächst als „serraglio“, sieben Jahre später in einer weiteren Bulle dann auch als „ghetto“ bezeichnet wurde. Es folgten Ghetto-Gründungen in Florenz (1571), Verona (1599), Padua (1603), Modena (1633), Conegliano (1675) sowie in weiteren italienischen Städten.
Die Bezeichnung verbreitete sich über Italien hinaus und wurde dann auch in andere europäische Sprachen übernommen. Ausgerechnet die Republik Venedig, die gemäß ihrem Selbstbild und dem Fremdbild vieler ein Sinnbild für Toleranz und Zivilisiertheit darstellte, trug mit dem Begriff Ghetto zum Wortschatz der Vorurteile und der Verfolgung bei.
Viel ist spekuliert worden über den Ursprung des Namens Ghetto, für dessen Herkunft etliche Sprachen vorgeschlagen wurden. Die Spannbreite reicht vom Genuesischen und Altokzitanischen über das Gotische bis zum Syrischen und Aramäischen. Natürlich wurden auch das Jiddische und das Hebräische in Erwägung gezogen. Sogar der italienische Name für Ägypten, egitto, wurde angeführt, möglicherweise, weil man damit das Fronhaus der biblischen Exodusgeschichte assoziieren konnte. Die wahre Herkunft blieb so lange unbekannt, wie man blühender Phantasie gegenüber trockener Archivarbeit den Vorzug gab.
Das älteste bislang bekannte Dokument, in dem die Bezeichnung auftaucht, trägt das Datum 29.Mai 1306 und nennt einen gewissen Nicolao Aymo, der „ad ghettum“ seinen Dienst versah. In Beschlüssen des venezianischen Collegio, vom 2.September 1360, ist von einem „geto“ die Rede, wohin Kupfer vor dem Verkauf gebracht werden solle, um dort raffiniert zu werden. In gleicher Angelegenheit taucht die Bezeichnung am 2. März 1414 wieder auf, allerdings in variierender Schreibung, nämlich mit einem „h“: „ghetti“.
In seinem Wörterbuch „Vocabulario de las dos lenguas toscana y castellana“ (1570) führt Cristóbal de Las Casas das Wort „getto“ ausschließlich in der Bedeutung „Rinne für flüssiges Metall“ auf, noch ohne Hinweis auf den jüdischen Wohnbezirk. Doch schon 1604 führte Sansovino es in seinem Werk „Venetia Città Nobilissima“ als einen Ortsnamen ein, der sich von der Gießerei herleite, die sich einst dort befunden habe.
Dementsprechend erklärt auch Giuseppe Tassini in seiner Beschreibung der Sehenswürdigkeiten Venedigs (1863): „das Gelände wird ,il getto‘ oder ,il ghetto‘ genannt, weil … es der Sitz der städtischen Gießereien war, wo man die Pulvergeschütze goss [si gettavano le bombarde]“ – in alter Zeit übrigens noch aus Kupfer. Kein modernes etymologisches Wörterbuch zum Italienischen bestreitet heute mehr diese Erklärung. Auch die Lage und Beschaffenheit des Quartiers lassen erkennen, dass dort Sicherheitsmaßnahmen, wie sie für eine Gießerei notwendig sind, getroffen worden waren.
Und auch die an der Benennung der Wohnbezirke abzulesende Chronologie der drei Ghetti passt zu der These, das Gebiet habe bereits vor dem 16. Jahrhundert diesen Namen getragen: 1516 wurde das Ghetto nuovo eingerichtet und 1541 um das „alte“ Ghetto erweitert (Ghetto vecchio), das also bereits vorher bestanden haben muss. Die Ortsnamen waren erhalten geblieben, auch nachdem die Metallverarbeitung dort in den frühen Jahren des 15. Jahrhunderts eingestellt worden war. Zuletzt wurde der Wohnbezirk 1633 um das Ghetto novissimo erweitert, wo nie eine Gießerei gestanden hatte. Der Superlativ stellt folglich kein ursprüngliches Toponym dar, sondern verdankt sich der direkten Bezugnahme auf das angrenzende Ghetto n(u)ovo.
Man muss den Ursprung des Wortes folglich nicht im Hebräischen, Jiddischen oder gar anderen Sprachen suchen; er hatte ursprünglich nichts mit den dort später ansässigen Juden zu tun gehabt. In hebräischen Dokumenten in Venedig wird das Ghetto mit dem Wort חצר (chatser) benannt, was „Hof“ oder „eingefriedeter Raum“ bedeutet, auch sonst öfter in Ortsnamen auftaucht und den urbanen Gegebenheiten in aller Nüchternheit entspricht.
Das Wort Ghetto wurde in den folgenden Jahrhunderten zunächst nur mit jüdischen Wohnbezirken in Verbindung gebracht, wie etwa noch im 20. Jahrhundert The Ghetto in der Lower East Side von Manhattan, wo eine halbe Million jüdische Immigranten lebten. Und noch die Ghettos der Nationalsozialisten – Sinnbild antisemitischer Barbarei – zeigten diese Gedankenverbindung..
Der Begriff Ghetto hat sich nicht nur vom venezianischen Ursprung, sondern auch von den jüdischen Bewohnern gelöst und wurde zur Bezeichnung für Wohnviertel unterprivilegierter Minderheiten mit geringen Aufstiegschancen, „sozialen Brennpunkten“ in der Sprache unserer Zeit. Das Toponym ist längst zu einem unspezifischen Begriff geworden.
Für jeden Ritus gibt es eine eigene Synagoge im Ghetto
Bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte sich eine intakte Infrastruktur innerhalb der venezianischen Ghettomauern herausgebildet: Neben koscheren Lebensmittelgeschäften, einer Bäckerei, den „strazzeria“-Läden und mehreren Banken gab es dort ein Hospiz für Kranke und eine Herberge mit 24 Zimmern sowie mehrere Jeschiwot (jüdische Lehrhäuser) und eine Musikakademie.
Die Synagogen (venezianisch scole), mit deren Gründung bald nach Einrichtung des Ghettos begonnen wurde, folgen unterschiedlichen Riten: Scola (Grande) Tedesca (1528) und Scola Canton (1531) dem aschkenasischen Ritus, die Scola Italiana (1575) dem italienischen, die Scola Levantina (1541) und die Scola Spagnuola oder Ponentina (1580) im Ghetto vecchio dem sephardischen Ritus. Keiner dieser Gebetsräume ist als eigenständiger Bau konzipiert, sondern vielmehr brachte man die Synagogenräume im obersten Geschoss von Wohnhäusern unter. Von außen sind einige der Synagogen an den großen Fenstern zu erkennen. Die Reihe kleinerer Fenster darüber markiert die Empore der Frauen.
Die heutige architektonische Gestaltung und dekorative Ausstattung verdanken sich späteren Umbauten. Manche Bauhistoriker vermuten, dass der berühmte venezianische Baumeister Baldassare Longhena (1598–1682) an der Umgestaltung der Spanischen Synagoge seit 1655 beteiligt gewesen sei. Der Innenraum wurde entsprechend dem barocken Zeitgeschmack mit einer ovalen Frauenempore samt Balustrade und einer dekorierten Holzdecke ausgestattet (wie übrigens auch die Scola Grande Tedesca). Im 19. Jahrhundert erfolgte sogar der Einbau einer Orgel.
Auch die anderen Scole erhielten mittels verzierter Holzvertäfelung, geschnitzter und teilvergoldeter Thoraschreine (aron ha-kodesh bzw. hechal) mit flankierenden Doppelsäulen und kunstvollen Aufbauten sowie goldglänzenden Metallkronleuchtern ein prächtiges Aussehen.
Innerhalb der multikulturellen und multiethnischen Lagunenstadt bildete das Ghetto mit seinen verschiedenen religiösen Gruppen einen eigenen polyglotten Mikrokosmos. Ein Zeugnis dieser Vielsprachigkeit ist die „Haggada shel Pessach“, ein Buch, das 1609 in der Druckerei Bragadin gedruckt wurde. Dabei handelt es sich um die Erzählung vom Auszug des jüdischen Volkes aus der Knechtschaft in Ägypten, die ergänzt ist um Vorschriften zum Ablauf des Festes, das zur jährlichen Erinnerung daran an Pessach stattfindet. Die Haggada ist für den Hausgebrauch bestimmt, weshalb darin auch Illustrationen mit menschlichen Figuren zugelassen sind.
Dieses Buch wurde in drei Versionen gedruckt. Allen gemeinsam ist der hebräische bzw. aramäische Text, der in der Mitte jeder Seite abgedruckt ist. Zur Linken und Rechten befindet sich je nach Version eine Übersetzung ins Judenspanische (oder Judezmo), ins Judenitalienische bzw. ins Jiddische, die drei meistgesprochenen Sprachen im Ghetto. Sämtliche Texte sind in hebräischen Lettern gedruckt, was der Typographie dieser Ausgaben einen harmonischen Gesamteindruck verleiht.
Überhaupt verdient der venezianische Buchdruck in hebräischen Lettern hier besonders hervorgehoben zu werden. Nicht nur Juden, auch christliche Drucker wie etwa der Flame Daniel Bomberg (gest. 1553) druckten in Venedig. Er publizierte allein mehr als 200 hebräische Bücher. In seiner Druckwerkstatt erschien 1517/18 die erste „Biblia Rabbinica“ und Anfang der 1520er Jahre die zweite, nach ihm benannte „Große Bomberg-Bibel“. Beinahe zeitgleich brachte er die erste Gesamtausgabe des Babylonischen Talmud in zwölf Foliobänden heraus, ein philologisches und ökonomisches Mammutprojekt. Außerdem zählen Joseph Karos „Schulchan Aruch“ (1565), eine Zusammenstellung religionsgesetzlicher Vorschriften, und die „Mischne Thora“ (1574), der Rechtskodex des mittelalterlichen Philosophen Maimonides, zu den Meilensteinen des venezianisch-hebräischen Buchdrucks.
Doch entstanden diese Preziosen des hebräischen Buchdrucks nicht in einer ungestörten, ununterbrochenen Tradition. Auf eine erste glänzende Ära folgte ein besonders düsteres Kapitel. Im Jahr 1553 erließ Papst Julius III. ein Verbot des Talmuds und anderer Schriften in hebräischer Sprache. Am 9.September des Jahres brannten in Rom die Scheiterhaufen. Auch in Venedig mussten Juden (und ebenso Christen) auf Befehl des Rats der Zehn hebräische Bücher abliefern, die dann zu Tausenden unverzüglich auf dem Markusplatz in Brand gesteckt werden sollten. Welch ein Kontrast! Glanz und Schatten, Toleranz und Diskriminierung durchziehen wie ein roter Faden die jüdisch-christlichen Beziehungen in der Lagunenstadt und in Italien.
Berühmte Persönlichkeiten im Ghetto: Musiker und Intellektuelle
Im 17. Jahrhundert, als etwa 5000 Personen im Ghetto lebten, was rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung Venedigs entsprach, wartete die jüdisch-venezianische Geschichte dann mit einer ganzen Reihe von Glanzlichtern auf. Dazu zählen viele Persönlichkeiten, deren Leben und Wirken exemplarisch für die reichhaltigen kulturellen Aktivitäten stehen, die offenbar paradoxerweise gerade innerhalb der Ghettomauern eine Blütezeit erlebten.
Der heute in Musikerkreisen sehr geschätzte jüdische Komponist Salamon(e) Rossi (gest. um 1630) aus Mantua, der zunächst mit weltlichen Kompositionen einigen Ruhm erlangt hatte, wäre vielleicht ohne die Begegnung mit Leon Modena nicht auf die Idee gekommen, hebräische Lieder für den Synagogengottesdienst zu komponieren. Der Rabbiner besorgte die Einrichtung der Noten und Texte (was bei gegenläufiger Leserichtung kein kleines Kunststück darstellt). Er verfasste zudem ein apologetisches Vorwort, für das er die Befürwortung mehrerer Rabbinerkollegen zusammenstellte, denn das orthodoxe Judentum lehnte das Musizieren im Gottesdienst traditionell ab.
Mit der Intellektuellen Sarra Copia Sullam (gest. 1641), die in italienischer Sprache ein Buch über die Unsterblichkeit der Seele schrieb und die – nicht zuletzt dank ihrer persönlichen Kontakte zur Accademia degli incogniti (Akademie der Unerkannten), einem Zirkel christlicher Adliger – über das Ghetto hinaus Beachtung fand, pflegte Leon da Modena ebenfalls regen Austausch und verewigte sie in seinem Theaterstück „Esther“ (1619).
Rabbi Simone Luzzatto (1582–1663) wiederum verfasste 1638 eine Abhandlung über die Lage der Juden im Allgemeinen und in Venedig im Speziellen („Discorso circa il stato de gl’Hebrei, et in particolar dimoranti nella Città di Venetia“), worin er darlegte, dass die Duldung der Juden der Republik vielfältige Vorteile bringe. Seine Argumentation stützt sich auf deren ökonomischen Nutzen, übten doch die Juden Tätigkeiten aus, die andernfalls von ausländischen Kaufleuten übernommen würden, die nicht der Kontrolle der Serenissima unterstünden.
Das Ghetto erwies sich somit zeitweilig als ein durchlässiger Ort, an dem gesellschaftlicher und gedanklicher Austausch auch zwischen Juden und Christen stattfinden konnte. So machte im Übrigen auch der Genuss von Kaffee, dessen Einfuhr Anfang des 17. Jahrhunderts begann und kurz darauf zur Gründung des ersten europäischen Kaffeehauses in Venedig führte, keineswegs halt vor den streng bewachten Toren des Ghettos. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lassen sich dort zwei solcher Etablissements nachweisen.
Auch teilten die Bewohner des Ghettos mit den Christen Venedigs die ruinöse Begeisterung für das Glücksspiel. Nur am Rand sei noch Rachel Cantarina erwähnt, eine geradezu exzentrische Figur, die es sich nicht nehmen ließ, sich im Jahr 1613 bei Nacht in einer Gondel singend durch die Kanäle Venedigs rudern zu lassen, und damit zum Vergnügen des Publikums die Grenzen des Verbotenen überschritt.
Seit dem 17. Jahrhundert war das Ghetto auch eine touristische Sehenswürdigkeit für ausländische Besucher. Vor allem englische Reiseführer empfahlen neben dem Besuch vieler anderer Sehenswürdigkeiten ausdrücklich auch das jüdische Ghetto. Für die Reisenden von nördlich der Alpen war nicht nur das rituelle Leben der Juden von Interesse. Wiederkehrend wird in den Beschreibungen auf die Anwesenheit schöner Frauen – „divers very beautifull Portuguez-Jewesses“ (so John Evelyn am 24. März 1646) – hingewiesen, die darüber hinaus laut den Schilderungen Thomas Coryats mit Schmuck und kostbarer Kleidung prunkten („Coryat’s Crudities“, 1611). Die besondere Faszination, die diese Frauen auf die Besucher ausstrahlten, rührte zum Teil wohl auch daher, dass sie stark mit deren Vorurteilen kontrastierte.
Als Napoleon im Jahr 1797 das Ende der Serenissima Repubblica erzwang, wurden am 19.Messidor, dem 7. Juli, auch die Mauern des Judenviertels, ein Symbol der Ungleichheit, eingerissen. Die Tore des Ghettos, die ein Chronist als „niederträchtiges Sinnbild eines barbarischen Vorurteils“ bezeichnete, hob man aus den Angeln und verbrannte sie auf dem Campo.
Von nun an durften die Juden wohnen, wo sie wollten, sofern sie es sich leisten konnten sogar am Canal Grande, wie die Familie des Bankiers Jacob Levi im Palazzo Fontana a San Felice. Im Zuge der bürgerlichen Emanzipation der Juden wurde das ehemalige Ghetto dann zunehmend bedeutungslos. Seine urbane Grundstruktur blieb indes bis in die Gegenwart bewahrt.
Der idyllische Anblick, den der Campo heutigen Besuchern vor allem an stillen Tagen oder in lauen Nächten bietet, lässt nichts ahnen von der Katastrophe, welche die venezianischen Juden im 20. Jahrhundert heimsuchte. Als 1938 in Italien die sogenannten Rassengesetze (legge razziali) in Kraft traten, lebten etwa 1400 Juden in Venedig, die in der Folge diskriminiert, drangsaliert, vertrieben und deportiert wurden. Manche konnten emigrieren oder untertauchen.
Von den 254 während des Zweiten Weltkriegs deportierten Menschen hat kaum jemand überlebt, nach 1945 kehrten nur acht nach Venedig zurück. An die Opfer erinnern sieben Bronzetafeln des litauisch-jüdischen Bildhauers Arbit Blatas, die 1980 an der Nordseite des „Campo del Ghetto nuovo“ angebracht wurden. Gegenwärtig zählt die jüdische Gemeinde in Venedig weniger als 600 Mitglieder.
Als vor wenigen Jahren im Rahmen zahlreicher Veranstaltungen des 500. Jahrestags der Einrichtung des Ghettos gedacht wurde, war das ein schwieriges Datum und bestimmt kein klassisches Jubiläum. Aber der Jahrestag fiel in eine insgesamt günstige Zeit, denn seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ist das Interesse am jüdischen Erbe Venedigs enorm gestiegen. Nicht nur wurden die fünf noch bestehenden Synagogen und zahlreiche Wohnhäuser saniert und restauriert, auch die historische und urbanistische Erforschung des Ghettos erlebte einen Aufschwung.
Die Modernisierung des jüdischen Museums mit seinen einzigartigen Ausstellungsobjekten ist erst kürzlich erfolgt. Im angrenzenden Gebäude befindet sich eine Gemeindebibliothek und daneben eine Schule des orthodox-chassidischen Chabad Lubawitsch. Judaika-Läden und koschere Restaurants komplettieren das kleinstädtische Idyll. In gewissem Sinn ließe sich von der „Wiedergeburt des Ghettos“ sprechen, auch wenn es heute kein jüdischer Wohnbezirk mehr ist, denn nur wenige Jüdinnen und Juden leben hier. Aber es ist ein jüdischer Ort, dessen Symbolkraft mehr und mehr an Leben gewinnt. Ein Erinnerungsort, der zum Ausgangspunkt für ein Nachdenken über den Ursprung dieser Einrichtung vor einem halben Jahrtausend und über aktuelle Ausgrenzungsphänomene religiöser oder kultureller Art in Europa und überall in der Welt werden kann.
Autor: Prof. Dr. Rafael D. Arnold
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