Am 1. März 1872 unterschrieb US-Präsident Ulysses S. Grant (1869–1877) ein Gesetz, das Teile der Territorien von Wyoming und Montana „nahe des Quellgebiets des Yellowstone River“ für einen „öffentlichen Park“ reservierte. Dies war die Geburtsstunde des Yellowstone-Nationalparks. Eine ungewöhnlicheAllianz aus Geschäftsleuten, Wissenschaftlern und Politikern hatte sich dafür eingesetzt.
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Die Wildnis war für die meisten Menschen seit biblischen Zeiten vor allem eins: eine Quelle der Furcht. Sie war nur dann positiv besetzt, wenn sie Asyl vor der vermeintlich verkommenen Gesellschaft bot. In dieser Tradition kamen auch die ersten Siedler aus Europa über das Meer nach Amerika: Die Weite des neuen Kontinents bot Puritanern, Quäkern und anderen ausgegrenzten Gruppen einen Fluchtraum – aber einen, den es erst zu zivilisieren galt.
Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts trat die Faszination der unheimlichen, rauen Wildnis (fast) gleichberechtigt an die Seite einer geradezu als lieblich wahrgenommenen, geordneten und harmonischen Kulturlandschaft. In Nordamerika trug neben der Romantik der Transzendentalismus seinen Teil dazu bei, eine idealistisch-intellektuelle, der Natur zugewandte Bewegung, deren Einfluss bei Autoren wie Herman Melville und Walt Whitman zu beobachten ist. Mit dem Ausbau der Eisenbahn in den USA seit den 1830er Jahren erweiterte sich zudem der Aktionsradius der Menschen erheblich und vermittelte ihnen ein Gefühl für die Weite des Landes. Frischluft-Aktivitäten wie Wandern, Klettern, Campen, Fischen und Jagen gewannen an Popularität, und die Wertschätzung der Natur wurde für gebildete (und reiche) US-Amerikaner beinahe zur Pflicht.
Die Erzählung von einer Landschaft voller Tiere und heißer Quellen gilt lange als unglaubwürdig
Ende der 1840er Jahre kam in New York die Idee auf, einen Park nach englischem Vorbild einzurichten: zum Spazierengehen, Reiten, Rudern und Baseballspielen. Dafür wurde der sumpfige, waldige „Jones’s Wood“ von Grund auf umgestaltet. Auch das Seneca Village, in dem Afroamerikaner, deutsche und irische Einwanderer lebten, musste weichen. Zeitweise bis zu 20 000 Arbeiter schufteten unter Anleitung des Landschaftsarchitekten Frederick Law Olmsted – und schufen den weltberühmten Central Park. 1858 wurde das erste Teilstück freigegeben, 1873 der gesamte Park offiziell eröffnet.
Olmsted war ein weltgewandter Mann und holte sich Anregungen auf Reisen durch Europa – und nach Kalifornien, wo er ein Gebiet bereiste, das für seine Granitfelsen und Mammutbäume berühmt ist: Yosemite. Während Olmsted in New York der Natur ein Facelift verpasste, wirkte er in Kalifornien an einem Meilenstein des Naturschutzes mit: der Gründung des allerersten State Parks im Jahr 1864.
Die Gründung des Yosemite State Parks ging der des ersten Nationalparks in Yellowstone um acht Jahre voraus (1890 wurde auch Yosemite zum Nationalpark). Dabei kursierten seit geraumer Zeit Gerüchte und Geschichten über eine sagenhaft schöne Landschaft voller heißer Quellen und Geysire im Quellgebiet des Yellowstone River. In den Jahren 1807/08 hatte der Pelzhändler John Colter die Region bereist und von heißen Quellen berichtet. 1812 war diese Angabe von einem Trupp der Canadian North West Company, die ebenfalls im Pelzhandel tätig war, bestätigt worden.
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Doch die Trapper, Pelzhändler und Goldsucher, die in die abgelegene Region gelangten, galten nicht unbedingt als vertrauenswürdigste Zeitgenossen. Viele von ihnen besaßen ein ausgesprochenes Talent für das Erzählen fabelhafter Geschichten am Lagerfeuer. Und auch den Berichten der vereinzelten Jesuitenpater, die in die Region vorgedrungen waren, wurde kaum Beachtung geschenkt. Erst nach dem Bürgerkrieg (1861–1865) wurden Bemühungen unternommen, die Gegend systematisch zu erforschen.
1869 organisierten führende Bürger Montanas die erste Expedition, deren Motivation nicht die Suche nach Gold oder der Pelzhandel war, sondern Neugier. Letztlich brachen jedoch nur drei Männer auf: David Folsom, Charles Cook und William Peterson hatten lange in Goldgräbercamps gewohnt, galten als exzellente Jäger und verstanden es, sich in der Wildnis selbst zu versorgen. Von dem, was sie entdeckten, waren sie extrem beeindruckt. Doch als Cook verschiedenen Magazinen einen Bericht über die Reise anbot, lehnten diese dankend ab, mit der Begründung, dass man keine fiktiven Geschichten drucke.
Immerhin lieferten Folsom, Cook und Peterson den Anstoß für eine Nachfolgeexpedition im Jahr darauf. Die Teilnehmer waren von höchster Integrität und unbedingt glaubwürdig. Ihren Namen erhielt die „Washburn-Doane-Expedition“ von dem Brigadegeneral und ehemaligen Kongressabgeordneten Henry D. Washburn, in dessen Büro David Folsom mittlerweile arbeitete, und dem Leiter der militärischen Eskorte, Leutnant Gustavus C. Doane. Die wichtigsten Teilnehmer aber waren der lokale Geschäftsmann Nathaniel P. Langford sowie der Anwalt Cornelius Hedges.
Langford sorgte für die Finanzierung der Reise, und zwar dank seiner Kontakte zu Jay Cooke, dem Finanzier der Northern Pacific Railroad Company. Cooke suchte gerade weitere Investoren für die Eisenbahngesellschaft, und die Berichte über die Entdeckung einer spektakulären Region im Nordwesten der USA kamen ihm äußerst gelegen. Auch die Lokalpolitiker und Geschäftsleute machten die Reise nicht nur zum Spaß, sondern mit Blick auf die weitere Erschließung und Entwicklung der Region. Was jedoch nicht hieß, dass die Schönheit der Natur sie kalt ließ.
„Die Schönheit der Szenerie raubt einem den Atem“
Die Notizen und Tagebucheinträge der Reisenden geben einen Einblick in ihre Eindrücke von einer Region, die mit rund 500 Geysiren sowie tausenden heißen Quellen, mit Wasserfällen, Schluchten und Bergen aufwarten kann und in der Elche, Bisons, Bären, Pumas, Wölfe und Biber leben. Selbst auf den Berufssoldaten Doane übten die Wunder der Natur ihre Wirkung aus. Als die Gruppe den „Old Faithful“ Geysir erreichte, notierte er: „Die Schönheit der Szenerie raubt einem den Atem. Es ist überwältigend, überschreitet die Vorstellung vom Paradies der Muslime, die Erde gewährt nichts Ebenbürtiges, es ist das schönste unbeseelte Objekt, das es gibt.“
Dabei stand dem Schönen häufig der Schrecken gegenüber, wovon Cornelius Hedges’ Eintrag über den „Grand Canyon of the Yellowstone“ zeugt: „Der Anblick ist zunächst beinahe furchteinflößend und lässt einem die Knie weich werden im Bewusstsein der eigenen Machtlosigkeit … dieses Gefühl des Entsetzens unterbrach den Genuss der Schönheit der Szenerie.“
Der Legende nach war es ebenjener Cornelius Hedges, der am 19. September 1870 am Lagerfeuer an der Madison Junction, wo sich Gibbon und Firehole River treffen, die Idee geäußert haben soll, die Region als Nationalpark zu bewahren. Hedges war auch Mitglied der Entourage von Thomas Meagher, dem Gouverneur des Montana Territory, gewesen, als dieser fünf Jahre zuvor in einen Schneesturm geraten war und Zuflucht in einer Jesuitenmission am Sun River gesucht hatte. Dort berichtete Father Francis Xavier Kuppens am Abend vor dem warmen Kamin von einer eigenen Reise in die Yellowstone-Region. Meagher, der von der vorangegangenen Einrichtung des Yosemite Parks wusste, soll daraufhin bemerkt haben: „Wenn die Dinge sich wie beschrieben verhalten, sollte die Regierung die Gegend als Nationalpark bewahren.“
Fast wäre die Washburn-Doane-Expedition von einem tragischen Zwischenfall überschattet worden, als ein Mitglied namens Truman Everts im Wald verloren ging. Erst nach 37 Tagen gelang es „Yellowstone Jack“ Baronett, einem ehemaligen Walfänger, Goldsucher und Scout, den halb Verhungerten aufzustöbern. Baronett berichtete, er habe Everts zunächst für ein Tier gehalten, aber dann bemerkt: „Es sah nicht wie ein Tier aus, das ich schon einmal gesehen habe, und es war ganz sicher kein Mensch.“ Das Ding habe ein tiefes Grunzen von sich gegeben, als ihm klar geworden sei: „Dies ist das Ziel meiner Suche.“
Bilder und Fotografien: der endgültige Beweis
Hedges, Langford und Washburn schrieben eine Reihe von Artikeln für die Wochenzeitung „Helena Herald“, und Leutnant Doane verfasste einen offiziellen Bericht für den Kongress. Im Winter 1870/71 brach Langford dann mit Unterstützung der Northern Pacific Railroad zu einer Vortragsreise auf. In Washington D.C. befand sich der Geologe Ferdinand V. Hayden im Publikum, der vom Bericht Langfords begeistert war und den Kongress um Mittel für eine Forschungsreise bat. 1871 brachen eine Gruppe Wissenschaftler um Hayden sowie – noch wichtiger – der Illustrator Thomas Moran und der Fotograf William Henry Jackson nach Yellowstone auf. Die Bilder und Fotografien, die sie mitbrachten, lieferten den unwiderlegbaren Beweis: Die Berichte der Goldsucher, Trapper und Jesuitenpater über die Schönheit der Berge, Schluchten, Geysire und heißen Quellen Yellowstones waren nicht übertrieben.
Bei seiner Rückkehr nach Washington erwartete Hayden schon ein Brief von der Eisenbahngesellschaft. Darin wurde er auf einen Vorschlag des Kongressabgeordneten William Kelley aus Philadelphia hingewiesen, der die Idee geäußert hatte, die Gegend nach dem Vorbild des bundesstaatlichen Yosemite Parks zu einem Nationalpark zu erklären, und Hayden daher bat, genau dies in seinem Expeditionsbericht an den Kongress zu empfehlen.
In der folgenden öffentlichen und politischen Debatte spielte die Bewahrung der Natur allerdings nur insofern eine Rolle, als dass sie als Mittel zum Zweck diente. Wichtiger war der Nationalstolz: Gegenüber Europa hatten die USA weniger Geschichte und Kultur – und blickten nun auf die großartige Natur, um dieses Manko wettzumachen. Expeditionsteilnehmer Langford meinte dazu: „Im Katalog der Wunder der Erde ist [Yellowstone] das größte und sollte es immer bleiben. Es verleiht unserem Land einen besonderen Charakter, größer als der von Niagara, Yosemite oder Mammoth Cave.“
Natürlich lockt auch die Aussicht auf das Geschäft mit den Touristen
Hand in Hand mit dem Nationalstolz ging die Aussicht auf ein lukratives Geschäft mit ausländischen Touristen, war die Gegend doch offensichtlich dazu geeignet, der Welt die Wunder Amerikas vorzuführen: „Hier sind die großartigsten, wunderbarsten und einzigartigsten Elemente der Natur miteinander verbunden, anscheinend um der Welt eine unvergleichliche Schau von gewaltigsten Ausmaß zu bieten“, sagte der Geschäftsmann. Selbst die Geysire in Island seien gegenüber denen Yellowstones unbedeutend, was Qualität und Quantität angehe.
Auch dem Wissenschaftler Hayden war bewusst, dass die Finanzierung weiterer Forschungsreisen entscheidend davon abhing, den Abgeordneten aufzuzeigen, dass der Erhalt der Region in ihrem Urzustand ein gutes Geschäft darstellte. Nach einer kurzen Phase intensiver Lobbyarbeit, vor allem durch Nathaniel Langford, Hayden selbst und den Abgeordneten William Clagett aus Montana, wurde der Gesetzentwurf für einen Nationalpark im Yellowstone-Gebiet angenommen. Clagett hatte ihn am 18. Dezember 1871 in den Kongress eingebracht, Hayden eine Präsentation im Kapitol gehalten, bei der er Fotos, Zeichnungen und gesammelte Proben zeigte, während Langford Zeitungsartikel schrieb und Vorträge hielt.
Es waren aber wohl nicht nur ihre Darlegungen zum wissenschaftlichen Interesse, zum Nationalstolz oder zu den touristischen Attraktionen, welche die Abgeordneten überzeugten: Die Yellowstone-Region schien für jede andere Form der Erschließung schlicht ungeeignet. So erklärte Senator George F. Edmunds am 30. Januar 1872: „Ich habe einige Mühe auf mich genommen, mich mit der Geschichte dieser höchst interessanten Region vertraut zu machen. Sie ist so hoch über dem Meeresspiegel gelegen, dass sie für privaten Besitz unbrauchbar ist, aber wahrscheinlich eine der herrlichsten Regionen der Welt, und deshalb schaden wir den materiellen Interessen des Volkes nicht, wenn wir bestrebt sind, sie zu bewahren.“
Selbst die Indigenen leben nicht dauerhaft in dieser Region
Tatsächlich scheint es auch seitens der Ureinwohner wenig Interesse an der Besiedlung der Region gegeben zu haben. Im 19. Jahrhundert nutzten zwar verschiedene Stämme die Gegend zur Jagd, aber regelmäßig hielten sich dort nur wenige, relativ isoliert lebende Familien der Tukudeka auf. Ob der gewaltigen Schneefälle im Winter bezweifelt die Forschung inzwischen auch zeitgenössische Berichte, dass diese Indigenen das ganze Jahr in Yellowstone lebten. Infolge der Indianerkriege der 1860er und 1870er Jahre verließen die Tukudeka Yellowstone und folgten ihren Verwandten von den Shoshone ins Reservat nach Idaho – wenngleich sie selbst nicht direkt in Kampfhandlungen verwickelt wurden.
Erster Superintendent des Parks wurde unterdessen Nathaniel Langford. Es handelte sich um ein Ehrenamt ohne Residenzpflicht. Langford wurde eher in Washington als in Montana gebraucht, denn das Gesetz zur Gründung des Parks sah weder konkrete politische Vorgaben noch die Bereitstellung von Geldmitteln vor. Als dann in der großen Börsenpanik des Jahres 1873 die Northern Pacific und mit ihr die Privatbank Jay Cooke & Co. insolvent gingen, fuhr die Eisenbahn vorerst weiterhin nur bis Dakota, und auch die erhofften Touristen für den Park blieben zunächst aus.
Während Langford in Washington um ein Budget kämpfte und den Zugang zum Park herzustellen versuchte, drangen aus der Yellowstone Region vermehrt Berichte über Wilderei und das massenhafte Abschlachten von Wildtieren. Erst 1880 wurde mit „Rocky Mountain Harry“ Yount ein Wildhüter eingestellt. Dieser konnte zwar allein in dem riesigen Gebiet wenig ausrichten, aber mit dem Aufschwung des Tourismus wurden seit den 1880er Jahren ernsthafte Bemühungen unternommen, den Schutz und Erhalt des Nationalparks auch durchzusetzen. Indem die Zuständigkeit für die Verwaltung des Parks an das Militär übertragen und erfahrene Kavalleristen dorthin versetzt wurden, konnte Wilderern und illegalen Siedlern Einhalt geboten werden.
Als dann Hauptmann G. L. Scott am Morgen des 12. März 1894 den Wilderer Edgar Howell auf frischer Tat ertappte, war dies der Anstoß für das erste Gesetz zum Schutz der Tierbestände. Auf dem Rückweg begegneten Scott und seine Männer nämlich einer Reisegruppe, zu der auch ein Fotograf des New Yorker Magazins „Forest and Stream“ gehörte. Prompt landete der Vorfall auf den Titelblättern an der Ostküste. Nur 13 Tage nach der Verhaftung Howells brachte der Republikaner John F. Lacey ein Gesetz „zum Schutz der Vögel und Tiere im Yellowstone National Park“ in den Kongress ein, den sogenannten Lacey Act. Dieses Gesetz markierte den Anfang des Tierschutzes im Yellowstone Park. Der ertappte Wilderer Edgar Howell soll zeit seines Lebens sehr stolz darauf gewesen sein.
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