Seit den 230er Jahren saßen die römischen Kaiser meist nicht gerade fest im Sattel. Dramatischer Höhepunkt war das Jahr 238, in dem es insgesamt sechs Imperatoren gab, darunter zwei vom Senat ernannte. All diese Herrscher hingen von der wankelmütigen Unterstützung der Soldateska ab.
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Es war eine dieser steilen Karrieren, wie sie typisch waren für die unruhige Zeit, in die das Imperium schon unter den Severern gestürzt worden war. Rutilius Pudens Crispinus war nicht der Sohn eines Senators, aber er war im Zentrum der Macht angekommen. Seinen Aufstieg verdankte er dem Militär: Crispinus war Präfekt einer in Ägypten stationierten Auxiliarkohorte gewesen, war dann unter Septimius Severus in Rom Quästor geworden, war die senatorische Ämterlaufbahn bis zur Prätur emporgestiegen, hatte in Italien wichtige Ämter der Zivilverwaltung bekleidet und als Statthalter in den Provinzen Lusitanien, Thrakien, Syria Phoenice und Achaea gedient. In Syrien hatte er unter Severus Alexander seit 230 für drei Jahre das Kommando im Krieg gegen die Perser geführt. Schließlich, 238, bekleidete er den Konsulat.
Der Senat gerät mitten hinein in das heftige Ringen der konkurrierenden Kräfte
Kaum hatte er dieses Amt nach zwei Monaten abgelegt, wurde er in einen 20-köpfigen Senatsausschuss berufen, dem die knifflige Aufgabe oblag, einen Ausweg aus der schwersten Krise der römischen Monarchie seit Augustus zu finden: Zu Jahresanfang war im nordafrikanischen Thysdrus der Prokonsul der Provinz Africa proconsularis, Marcus Antonius Gordianus, zum Kaiser ausgerufen worden. Er hatte sogleich seinen gleichnamigen Sohn zum Mitherrscher befördert, und beide waren vom Senat als Augusti anerkannt worden.
Damit hatte sich das ehrwürdige Gremium in Rom weit aus dem Fenster gelehnt. Denn erstens führte Maximinus Thrax, der Kaiser, gegen den sich die Gordiane erhoben hatten, mit einem großen Heer Krieg nördlich der Alpen, in Pannonien. Er befand sich damit in Reichweite Roms, und es war nur eine Frage der Zeit, bis er seine Soldaten gegen die Hauptstadt führen würde. Zweitens genügte, wie sich zeigen sollte, ein Windhauch, um die Herrschaft der beiden Gordiane in Afrika hinwegzufegen: Der Statthalter der benachbarten Provinz Numidien, Capelianus, blieb Maximinus treu und marschierte in die Africa proconsularis ein. Die Gordiane wurden besiegt und fanden den Tod.
Die Zwanzigerkommission wählte in dieser brenzligen Situation zwei Männer aus ihrer Mitte zu Augusti: Marcus Clodius Pupienus war wie Crispinus ein sozialer Aufsteiger, hatte unter den Severern seinen ersten und 234seinen zweiten Konsulat bekleidet, war Statthalter in Germanien und in der Provinz Asia gewesen und 234 als praefectus Urbi so etwas wie der Oberbürgermeister Roms geworden. Der zweite Mann, Decimus Caelius Calvinus Balbinus, stammte aus einer in Spanien beheimateten patrizischen Familie und hatte bereits unter Kaiser Caracalla seinen zweiten Konsulat absolviert. Beide Männer gehörten damit zur Crème de la Crème der Senatorenschaft.
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Unter dem Druck der stadtrömischen Plebs verständigte sich die Zwanzigerkommission auch darauf, den erst 13-jährigen Sohn des Jüngeren der beiden Gordiane zum Caesar und damit zum designierten Nachfolger der beiden „Senatskaiser“ Pupienus und Balbinus zu ernennen. Der Ausnahmezustand, in dem sich die römische Welt in der Regierungskrise des Jahres 238 befand, hatte den Senat noch einmal für kurze Zeit, zum letzten Mal in seiner langen Geschichte, zum Machtzentrum des Imperiums gemacht. Und die 20 Männer hatten in ihrer Not zu einer Lösung gegriffen, die an das politische System der Republik erinnerte, in dem zwei Konsuln kollegial an der Spitze des römischen Staates gestanden hatten.
Kaum dass die beiden Senatskaiser im zeitigen Frühjahr 238 in Amt und Würden waren, erreichte sie die Nachricht, Maximinus sei im Begriff, die Alpen zu überqueren, um in Norditalien einzufallen und sein Heer gegen Rom zu führen. Wer sich ihm entgegenstellen wollte, musste befestigte Orte in Italien in seiner Gewalt haben. Deshalb verloren die neuen Machthaber in Rom keine Zeit: Senatoren schwärmten nach Norditalien aus, um die Städte des Landes zu besetzen und ihre Befestigung zu überwachen. Pupienus selbst übernahm das Kommando über die Adriaflotte in Ravenna und sammelte dort ein Heer zur Verteidigung Italiens. Die beste Verteidigungsstellung gegen Maximinus aber bot Aquileia, der Ort, an dem die über die Alpenpässe führenden Straßen Via Gemina und Via Julia Augusta an das Straßennetz Italiens angeschlossen waren. Den Auftrag, diese Stadt für die Senatskaiser zu sichern, erhielt Crispinus gemeinsam mit seinem Kollegen Tullius Menophilus.
Für Maximinus Thrax erweist sich Aquileia als Schicksalsort
Crispinus und Menophilus rechtfertigen das in sie gesetzte Vertrauen mit bewundernswürdiger Effizienz. Als sich das Riesenheer des Maximinus heranwälzte, hatte die Bevölkerung Aquileias hinter den starken Mauern der Stadt Schutz gesucht. „Als Maximinus erfuhr, dass Aquileia gut verteidigt und fest verschlossen war, hielt er es für klug, Gesandte zu schicken, die vom Fuß der Mauer aus die Lage mit den Bürgern besprechen und versuchen sollten, sie zu überreden, die Tore zu öffnen“, berichtet der Geschichtsschreiber Herodian, ein Zeitgenosse der Ereignisse. Maximinus setzte auf die Macht der Blutsbande: „In der Belagerungsarmee befand sich ein Tribun, der aus Aquileia stammte und dessen Frau, Kinder und Verwandte sich in der Stadt aufhielten. Maximinus schickte diesen Mann in Begleitung mehrerer Zenturionen vor die Mauer, in der Erwartung, dass sie ihre Mitbürger leicht für sich gewinnen würden.“ Die Gesandten machten den Bürgern unmissverständlich klar, dass Maximinus ihre Stadt dem Erdboden gleichmachen würde, sollten die Tore geschlossen bleiben.
Crispinus hielt mit Durchhalte-parolen dagegen: „Er warnte sie davor, den Versprechungen eines Tyrannen, eines Lügners und eines Heuchlers zu trauen und sich, eingelullt von sanften Worten, dem sicheren Untergang hinzugeben.“ Der Ausgang des Kampfes sei alles andere als gewiss. Am Ende hatte der redegewandte Crispinus Erfolg: Die Bürger von Aquileia verteidigten ihre Mauern, und die Belagerung geriet für Maximinus zur Katastrophe. Als sie sich immer länger hinzog, verloren die Soldaten die Geduld und ermordeten ihren Kaiser. Maximinus und seinem Sohn wurden die Köpfe abgeschlagen, die grausigen Trophäen auf dem Forum in Rom zur Schau gestellt.
Die Härte eines Steuereintreibers – der Zündfunke für die Revolte
Maximinus Thrax, der zuvor erfolgreich gegen die Barbaren in Germanien und Pannonien gekämpft und eine gefährliche militärische Krise des Imperiums entschärft hatte, war an einer einzigen Stadt Italiens und an der Rhetorik eines einzigen Senators gescheitert. So wie der Zufall ihn und seinen Sohn am Ende buchstäblich den Kopf gekostet hatte, war er dem Anschein nach auch dafür verantwortlich gewesen, dass die Gordiane wenige Monate zuvor in Afrika nach dem kaiserlichen Purpur gegriffen hatten.
Gewährsmann für die Ereignisse ist wiederum Herodian. Der Geschichtsschreiber berichtet, wie im nordafrikanischen Thysdrus (heute El Djem, Tunesien) eine Revolte ausbrach, weil der kaiserliche Prokurator die Großpächter finanziell stark belastete. „Der Prokurator von Afrika war ein Mann, der sein Amt mit übertriebener Strenge ausübte; er fällte äußerst harte Entscheidungen und erpresste Geld, um die Gunst des Kaisers zu gewinnen“, lässt uns Herodian wissen. Der Kaiser, stets in Geldnöten, hatte die Finanzverwalter in sämtlichen Provinzen angewiesen, Abgaben und Pachten rücksichtslos einzutreiben und gegen säumige Zahler saftige Strafen zu verhängen. Im Hinterland von Karthago überzog der Prokurator die Söhne der reichen Großpächter mit einer Klagewelle.
Die allerdings waren nicht gewillt, die Schikanen einfach so klaglos hinzunehmen. Die Jungpächter verschworen sich gegen den Prokurator und planten seine Ermordung. Sie bewaffneten ihre Landarbeiter und baten um eine Unterredung mit dem Finanz-beamten. Über das, was dann geschah, berichtet Herodian: „Als die Morgendämmerung nahte, erschienen die jungen Leute und befahlen der Arbeiter-kolonne, ihnen zu folgen, als wären sie einfach Teil der Menge; sie wiesen die Arbeiter an, die ihnen zugewiesenen Positionen einzunehmen und, ihre Waffen versteckt haltend, tapfer Widerstand zu leisten, falls einer der Soldaten oder jemand aus dem Volk sie angreifen sollte, um das Attentat zu rächen. Die jungen Männer, die unter ihren Gewändern Dolche trugen, näherten sich dem Prokurator, als ob sie über die Auszahlung des Geldes sprechen wollten; dann griffen sie ihn plötzlich an, stachen zu und töteten ihn. Als seine Leibwächter zur Vergeltung ihre Schwerter zogen, zückten die Feldarbeiter ihre Knüppel und Äxte und schlugen ihre Gegner im Namen ihrer Herren mit Leichtigkeit nieder.“
Die Großpächter waren vom Erfolg ihrer Aktion selbst am meisten überrascht. Damit aber war die Krise nicht ausgestanden, denn dass Kaiser Maximinus Thrax über die Ermordung eines seiner Prokuratoren einfach so hinwegsehen würde, stand nicht zu erwarten. Deshalb fassten die Männer von Thysdrus spontan den Entschluss, den Statthalter ihrer Provinz, Gordianus, zum Kaiser auszurufen.
Sie begaben sich nach Karthago, zur Residenz des Prokonsuls. Herodian: „An dem Tag, an dem sich diese Ereignisse ereigneten, ruhte sich Gordian zu Hause aus und genoss eine kurze Pause von seinen Mühen und Pflichten. In Begleitung der gesamten Bande und mit gezückten Schwertern überwältigten die jungen Männer die Wachen an den Toren und drangen in das Haus ein, wo sie Gordian auf einem Sofa ruhend fanden. Ihn umringend, hüllten sie ihn in einen purpurnen Mantel und begrüßten ihn mit den kaiserlichen Ehren.“
Gordian fürchtete zuerst einen Anschlag auf sein Leben, wies dann das Ansinnen der Jungpächter zurück, indem er sich vor ihnen auf den Boden warf, und nahm schließlich, nur scheinbar widerstrebend, die Kaiserwürde an. Seinen Sohn ernannte er zum gleichrangigen Augustus. Vor der Residenz versammelte sich eine große Volksmenge, und rasch drang die Nachricht von der Usurpation nach Rom, wo der Senat die Kaisererhebung der Gordiane ratifizierte, was dann, wie bereits geschildert, die Eigendynamik auslöste, die schließlich in den Tod des Maximinus vor den Toren Aquileias mündete.
Die beiden Senatskaiser werden Opfer ihrer Zerstrittenheit
Die Senatskaiser Pupienus und Balbinus allerdings konnten sich des Sieges nicht lange erfreuen. Beide planten große Feldzüge gegen die Germanen und die Perser, zerstritten sich aber so gründlich, dass an ein gemeinsames Agieren der beiden Augusti nicht zu denken war. Jeder reklamierte wegen seiner Leistungen und Abstammung den Vorrang für sich. Die Prätorianer stürmten schließlich den Palast auf dem Palatin und ermordeten die Kaiser, während diese noch heftig am Streiten waren. Der junge Caesar Gordianus war der einzige Überlebende des kaiserlichen Trios. Graue Eminenz hinter dem neuen Augustus Gordian III. wurde der Prätorianerpräfekt Timesitheus. Crispinus’ Karriere setzte sich unter den neuen Herren übrigens nahtlos fort. Er wurde Statthalter in Spanien.
Sechs Kaiser hatten einander 238 in rascher Folge abgelöst und so die schwerste politische Krise des Prinzipats seit seinem Bestehen heraufbeschworen. Was steckte hinter der explosiven Dynamik? Setzte der Aufstand in Thysdrus wirklich durch puren Zufall die fatale Ereigniskette in Gang? Oder glitt das Imperium, wie der Althistoriker Michael Rostovtzeff urteilte, in einen „Klassenkampf“ zwischen dem ländlichen Proletariat, dessen Exponent Maximinus gewesen sein soll, und besitzbürgerlichen Schichten, wie sie die Pächter in Thysdrus vermeintlich repräsentierten?
Während die Hypothese vom Zufall zu kurz greift, schießt Rostovtzeffs Modell deutlich übers Ziel hinaus. Weder die Kleinbauern noch die reichen Pächter handelten als „Klassen“, sondern rotteten sich, wie die Thysdrus-Krise lehrt, unter dem Druck hoher Abgaben gegen die Vertreter der Staatsmacht zusammen. Alle „Soldatenkaiser“ seit Maximinus ächzten unter exorbitanten Ausgaben für das Militär und Finanzknappheit. Die sogenannte Krise des 3. Jahrhunderts war eine militärische, aber auch eine fiskalische Krise, keine allgemeine Reichskrise und schon gar keine Revolution der Landbevölkerung gegen die Elite.
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