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Das unerklärte Opfer des Leonidas
Als Xerxes I. 480 v. Chr. Griechenland angriff, stellte sich der spartanische König Leonidas dem zahlenmäßig weit überlegenen Gegner mit einer kleinen Truppe am Engpass der Thermopylen entgegen. Die Spartaner wurden komplett aufgerieben, weil die Perser den Pass umgingen – und weil Leonidas die Gelegenheit zum Rückzug verstreichen ließ.
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Im Herbst 481 v. Chr. kamen Abgesandte der bedeutendsten griechischen Stadtstaaten auf dem Isthmos von Korinth zusammen, um der größten Gefahr zu begegnen, die der Halbinsel seit Menschengedenken drohte. Wenige Wochen zuvor hatte der Perserkönig Xerxes I. (486–465 v. Chr.) seine Truppen in Kleinasien zusammengezogen, um im Frühjahr über den Hellespont zu setzen. Herolde waren unterwegs, um die Griechen zur freiwilligen Unterwerfung aufzufordern. Nur Athen und Sparta wurden ausgespart. Von beiden wusste der König, dass sie niemals persischen Befehlen folgen würden. Die Athener hatten wenige Jahre zuvor den Landungsversuch der Perser bei Marathon zurückgeschlagen. Und Sparta war nicht bereit, seine Herrschaft über die Peloponnes gegen eine Rolle als Vasall des Großkönigs einzutauschen. So waren es auch diese beiden Poleis, welche die Verteidigung organisierten und möglichst viele weitere Poleis als Mitstreiter zu gewinnen suchten.
Die Verteidigung organisieren: eine große politische ebenso wie eine strategische Herausforderung
Leicht war es nicht. Zu groß erschien die persische Übermacht von mehr als 100 000 Kämpfern und beinahe 1000 Kriegsschiffen, zu perfekt waren die logistischen und diplomatischen Vorbereitungen des Perserkönigs. Beinahe täglich bröckelte die Schar der Abwehrwilligen. Höchste Zeit also, ein starkes Verteidigungsbündnis zu schließen und einen überzeugenden Abwehrplan zu entwerfen.
Alle in Korinth versammelten Abgesandten schworen zunächst für ihre Städte, gemeinsam den Kampf gegen den Aggressor aufzunehmen. All denen, die mit Persien sympathisierten, wurden hohe Strafen angedroht. Sparta beanspruchte als stärkste Militärmacht und als einzige Polis mit einer professionellen Armee den Oberbefehl über die Kampfgemeinschaft, auch wenn die Athener gehofft hatten, zumindest den Seekrieg zu leiten, da sie die größte Flotte besaßen.
Doch wie und wo sollte man den Persern entgegentreten? Schon hier begannen die Kontroversen, die sich über Monate hinzogen, bis man sich im Frühjahr des kommenden Jahres darauf einigte, 10 000 Hopliten (schwerbewaffnete Infanteristen) per Schiff an die thessalische Küste zu transportieren, um die Invasoren an den Pässen des Olympos aufzuhalten. Dieser Plan war vor allem politisch motiviert, hoffte man doch so, die nach wie vor wankelmütigen Thessaler in die Schar der Verteidiger aufnehmen zu können.
Doch das Gelände war nicht für eine Verteidigung geeignet: Zu leicht konnte das im Tempetal postierte Heer umgangen werden, und so zog man schon nach wenigen Wochen wieder ab. Thessalien fiel daher ohne einen Schwertstreich in die Hände des Gegners. Wohlversorgt und von thessalischen Verbänden unterstützt, schoben sich Flotte und Armee des Großkönigs parallel an der Küste nach Süden. Panik machte sich breit im griechischen Kriegsrat. Erneut stießen die Meinungen aufeinander. Viele Poleis der Peloponnes sprachen sich dafür aus, Mittelgriechenland zu räumen und sich auf den Isthmos von Korinth zurückzuziehen. Das hätte allerdings den Übertritt weiterer Poleis außerhalb der Peloponnes in die Reihen der Perser beschleunigt und vor allem die Aufgabe Athens bedeutet, auf dessen Kriegsschiffe man nicht verzichten konnte.
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Die spartanische Elitetruppe soll den Engpass abriegeln
So einigten sich die Abgesandten schließlich auf den Kompromiss einer Doppelstrategie. Ein rund 7000 Mann starkes Expeditionsheer unter Führung des spartanischen Königs Leonidas sollte die einzige Durchzugsmöglichkeit nach Mittelgriechenland, den Engpass der Thermopylen, sperren. Parallel und auf gleicher Höhe musste die Flotte einen Durchbruch der gegnerischen Armada nach Süden durch den Euripos, die Meerenge zwischen Euböa und dem Festland, verhindern und die maritime Flanke der Landarmee sichern.
Ein kluger Plan, der aus der Not eine Tugend zu machen schien: Nicht nur, dass die Thermopylenstellung näher an der Heimat der griechischen Kämpfer lag; weil sie sehr eng war, bot sie auch beste Voraussetzungen, mit zahlenmäßig unterlegenen Kräften die Truppen des Gegners aufzuhalten. Dennoch war es ein Vabanquespiel. Würden 7000 Kämpfer ausreichen, um den Vormarsch der Perser zu stoppen? Was passierte, wenn die Flotte ihrer Aufgabe nicht gerecht wurde und der Gegner von der Seeseite her die Verteidiger umging? Wo blieben die Reserven für einen solchen Fall? War das Leonidas-Unternehmen gar ein Himmelfahrtskommando, wie später manche behaupteten?
Eine Teilantwort gibt der Geschichtsschreiber Herodot, die einzige verlässliche Quelle. Allerdings beurteilte er die Ereignisse aus dem Abstand einer Generation. Nach Herodots Darstellung stand das spartanische Oberkommando unter erheblichem Druck, als es seinen König nach Norden ziehen ließ: Einerseits musste man Entschlossenheit demonstrieren und Präsenz zeigen, um die Bundesgenossen zum Kampf zu animieren und von einem Übertritt zu den Persern abzuhalten. Andererseits verhinderten religiöse Feste (unter anderem das von Olympia), dass man mit der gesamten Heeresmacht ausrückte. Immerhin erhielt Leonidas die Zusage, dass unmittelbar nach Beendigung der Feierlichkeiten umfangreiche Verstärkungen ausgesandt würden.
Ob diese Rekonstruktion der Ereignisse zutrifft, ist zweifelhaft. Warum verhinderten religiöse Feierlichkeiten den Abmarsch des Hauptheeres, nicht aber die Entsendung von 7000 Kriegern und einer Kriegsflotte mit zahlreichen Marinesoldaten? Eher scheinen politische Gründe ausschlaggebend gewesen zu sein. Wahrscheinlich blockierten die Peloponnesier die Mobilisierung des Gesamtaufgebotes, da sie nicht einsahen, weshalb man so weit im Norden kämpfen sollte.
Möglicherweise scheute sich die spartanische Führung aber auch nur, alle verfügbaren Truppen nach Mittelgriechenland zu verlegen, weil man sich so jeglicher Kräfte beraubt hätte, um die unterworfene Bevölkerung (die Heloten) ihres eigenen Herrschaftsgebietes an der Kandare zu halten. Die Entsendung eines schlagkräftigen Vorauskommandos schien vor diesem Hintergrund ein praktikabler Weg: Die Eliteeinheit der „300“ bildete eine mobile Eingreiftruppe. Ihr konnten Truppen verbündeter Poleis angegliedert werden, ohne dass Sparta sich seines gesamten Militärpotentials entledigte.
Dass Leonidas nur verheiratete Männer auswählte, die Söhne hatten, mag auf ihre Kampferfahrung deuten; offenbar wollten die spartanischen Behörden aber auch nicht das Risiko eingehen, dass junge Männer getötet wurden und nicht mehr ihrer Pflicht nachkommen konnten, die nächste Generation kräftiger Krieger zu zeugen. Leonidas selbst war „wider alle Erwartung“ als jüngster Sohn und dritter Kandidat König geworden und brannte darauf, sich im Krieg zu bewähren. Von ihm und seinen Männern mochte man erwarten, dass sie alles geben würden, um die Stellung zu halten.
Und doch war der Einsatz mit unvorhersehbaren Risiken behaftet. Selbst wenn die Entsendung einer Entsatzarmee geplant war und Leonidas mit dieser Gewissheit aufbrach – wie lange würde es dauern, bis diese heranrückte? Sollte diese die Stellung am Pass verstärken oder dem Gegner auf den Ebenen Mittelgriechenlands entgegentreten? Hierauf weiß auch Herodot keine Antwort. Sicher wissen wir nur eines: Tatsächlich ist eine solche Entsatzarmee niemals aufgetaucht.
Die Perser umgehen die Verteidiger über den Gebirgskamm
Umso mehr kam alles auf Leonidas an. Seine Entscheidungen zählten, ohne Rücksicht auf die erhoffte Hilfe, die jeden Tag illusorischer wurde. So blieb ihm nichts anderes übrig, als die Gegebenheiten vor Ort bestmöglich zu nutzen. Der Thermopylen-Pass ist ein schmaler, von West nach Ost verlaufender Weg, der auf der südlichen Seite von den Höhen eines Gebirges, auf der anderen Seite von den Gewässern des Malischen Golfes begrenzt wird. Er bot für Durchziehende keinerlei Ausweichmöglichkeiten, schon gar nicht größeren Heeresverbänden wie denen der Perser, die mit Reitern und verschiedenen Waffengattungen heranrückten.
An zwei Stellen war der Pass besonders eng, nämlich an den beiden Zugängen („Toren“) im Westen und im Osten; sie erlaubten laut Herodot jeweils nur einem Wagen die Durchfahrt. Die Perser hatten ihr Hauptlager jenseits des westlichen Tores aufgeschlagen, wo die von Flüssen bewässerte Ebene eine gute Versorgung ermöglichte. Für die Griechen reichte die Verbindung zu einem kleinen Dorf namens Alpenoi aus, um sich zu verpflegen. Allerdings bezogen sie nicht etwa an der östlichen Enge Stellung, sondern postierten sich ungefähr in der Mitte zwischen beiden „Toren“. Hier verlief über den zehn Meter breiten Passweg zusätzlich eine Mauer, die einst die heimischen Phoker gegen die Thessaler errichtet hatten und nun von den Spartanern rasch ausgebessert wurde. Sehr wahrscheinlich bot die Breite dieser Stelle den Schwerbewaffneten ein gutes Kampfgelände, ohne Gefahr zu laufen, von einer Übermacht umringt zu werden.
Herodot ergänzt, die Phoker hätten einst in ihrem Abwehrkampf gegen die Thessaler den Pass zusätzlich mit warmem Wasser aus den nahen Quellen (die den Thermopylen ihren Namen gaben) überschwemmt und so die sumpfigen Ränder des Golfes erweitert. Beides war für Reiterverbände wie die der Thessaler und jetzt der Perser ein unüberwindbares Hindernis, und das galt auch für schweres Gerät, das nötig gewesen wäre, um die Mauer einzureißen. All diese Erwägungen dürften Leonidas dazu bewogen haben, dieselbe Position zu nutzen und die am östlichen Eingang gelegene Engstelle als letzte Rückzugslinie in Reserve zu halten.
Vier Tage wartete Xerxes ab, um seine Truppen zu ordnen und der Flotte Gelegenheit zu geben, am Kap Artemision in Stellung zu gehen. Dann begann der Angriff von der Westseite. Drei Tage lang bissen sich die persischen Truppen an der Abwehrstellung des Leonidas die Zähne aus, sogar die Eliteeinheit der „10 000 Unsterblichen“ blieb erfolglos. Leonidas konnte seine Schwerbewaffneten rotieren lassen und die vom Kampf Erschöpften stets durch neue, hinter der Mauer wartende Verbände austauschen.
Ein Durchkommen schien unmöglich, und so befahl Xerxes am Abend des zweiten Kampftages einer Heeresabteilung, vom Lager aus die Berghöhen zu erklimmen auf der Suche nach einem Umgehungsweg, der sie an den griechischen Abwehrstellungen vorbeiführen sollte. Laut Herodot gab ein Einheimischer aus dem Stamm der Malier gegen eine stattliche Belohnung den entscheidenden Hinweis auf einen entlang dem Gebirgskamm verlaufenden Pfad. „Diesen Bergpfad hatten“ – so ergänzt Herodot – „bereits die Malier entdeckt, und nachdem sie ihn entdeckt hatten, hatten sie auf ihm die Thessaler gegen die Phoker geführt.“ Insofern muss auch Leonidas mit der Möglichkeit einer solchen Umfassung gerechnet haben, und tatsächlich hatte er wohl deshalb den phokischen Abteilungen den Schutz des Weges von der Ostseite aus anvertraut.
Doch auch die besten Soldaten sind nicht gegen Müdigkeit gefeit, und so wurden sie bei Morgengrauen von den persischen Einheiten überrascht. Einige konnten fliehen und melden, dass der Feind kurz davor war, in ihrem Rücken anzugreifen. Unter den Griechen brach Panik aus. Nun musste sich zeigen, ob ein spartanischer König auch in der schlimmsten Krise kühlen Kopf bewahrte. Und damit beginnt das eigentliche Rätsel der Schlacht bei den Thermopylen.
Die Überlieferung ist eindeutig: Leonidas hätte genügend Zeit gehabt, entweder das von den Bergen im Osten anrückende persische Kommandounternehmen abzufangen und eine neue Stellung hinter der östlichen Enge zu beziehen oder sich und seine Truppen komplett geordnet zurückzuziehen. Doch er tat weder das eine noch das andere, sondern entließ die Mehrheit der Verbündeten; er selbst blieb mit seinen 300 Spartiaten sowie den Einheiten der Thespier und Thebaner, angeblich um den Rückzug der anderen zu decken.
Doch anstatt sich an das östliche Tor als letzte Verteidigungslinie zurückzuziehen, warf er sich mit seinem auf kaum mehr als 1500 Mann zusammengeschmolzenen Aufgebot den vom Westen vorrückenden persischen Infanteristen entgegen. Leonidas und viele seiner Mitkämpfer fielen. Als gemeldet wurde, dass nun auch in ihrem Rücken persische Abteilungen die Berghöhen herabstiegen, „wichen die Griechen in die Enge des Passes zurück, und nachdem sie die Mauer passiert hatten, gingen sie zu dem Hügel [am Eingang des Passes] und setzten sich dort fest“, so erzählt Herodot. Hier wurden sie von einem Pfeilhagel dezimiert und schließlich bis auf den letzten Mann niedergemacht.
Was bewog Leonidas dazu, den sicheren Tod zu wählen?
Damit war der Mythos der Thermopylen geboren, der Mythos der bis zum letzten Blutstropfen gegen eine Übermacht ringenden Kämpfer, die den Tod einer Flucht vorzogen. Doch was hat Leonidas eigentlich dazu bewogen? Taktisch und strategisch erwies sich sein Durchhaltewillen als sinnlos. Der persische Angriff wurde nur um wenige Tage hinausgezögert. Danach fiel den Persern kampflos ganz Mittelgriechenland in die Hände. Von der griechischen Entsatzarmee keine Spur. Auch die Flotte hatte sich nach dem sich abzeichnenden persischen Durchbruch an den Thermopylen nach Süden abgesetzt, kurzum: Was hatten die Griechen mit dem Tod des Leonidas und seiner Mannen gewonnen, außer den Stoff für einen Mythos, der sich bis heute in den Köpfen der Menschen eingegraben hat?
Herodot behauptet, Leonidas habe einen Rückzug für unehrenhaft gehalten. Doch tatsächlich gab es einen solchen militärischen Ehrenkodex in Sparta bis dahin gar nicht; er wurde vielmehr erst nach der Thermopylenschlacht entwickelt, um die Niederlage und den Tod der „300“ zu erklären. War somit die Entscheidung des Leonidas eine Art Egotrip, mit dem er vorausgegangene Fehler sühnen wollte?
Immerhin hatte der König in einem vorgerückten Alter von 60 Jahren wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen, wenn er seine Nachlässigkeiten bei der Überwachung des Umgehungspasses durch einen heroischen Tod überspielte. Wollte er zusätzlich für die übrigen Griechen ein Fanal setzen, es ihm gleichzutun und im Kampf gegen den Aggressor nicht nachzulassen? Oder traf Leonidas einfach eine falsche Entscheidung, womöglich immer noch in dem Glauben, die Entsatzarmee würde rechtzeitig eintreffen?
Wahrscheinlich spielen all diese Aspekte eine gewisse Rolle. Doch eines bleibt davon unbenommen, nämlich das Versagen der politischen Führung in Sparta selbst. Sie hatte ihren König in dem falschen Glauben losgeschickt, dass alsbald größere Truppenverbände eintreffen würden, tatsächlich aber nichts getan, um seine Armee zu unterstützen und damit eine Elitetruppe für die weiteren Kämpfe zu retten.
Die Geschichte kennt genügend Beispiele dafür, dass Opfer staatlicher Fehler im Nachhinein heroisiert werden, um von der eigenen (Mit-)Schuld abzulenken. Und so war es wohl auch hier. Nicht von ungefähr begannen die Behörden Spartas unmittelbar nach dem Untergang der „300“, den Leonidas-Mythos voranzutreiben. Sie waren es, welche die berühmten Verse des Simonides in Auftrag gaben, die davon kündeten, dass die Spartaner gefallen seien, weil sie den Befehlen (rhémata) gehorchten.
Indem man aus der objektiven Niederlage und dem Tod der Elitekämpfer eine heroische Pflichterfüllung inszenierte, konnte der erschütterte Ruf der spartanischen Unbesiegbarkeit auch gegenüber den Bundesgenossen wiederhergestellt werden. Und mehr noch: Nicht nur Leonidas, sondern ganz Sparta – so die Botschaft – hätte für die gemeinsame Sache das größte Opfer gebracht. Nun mussten auch die übrigen Griechen liefern und sich ohne Zögern dem Oberbefehl der Spartaner unterordnen, die sich auch moralisch als die wahren Führer Griechenlands im Kampf gegen die Perser erwiesen hatten.
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