Während die Inhalte streng vorgegeben waren, blieb die Anbringung der Plakate und Transparente den örtlichen und betrieblichen Funktionären überlassen. So kam es, dass das Umfeld oft in groteskem Widerspruch zur Politwerbung stand. In diesem Sinn ist ein Foto aus Perleberg ein Volltreffer: Um die Stellwand mit den Plakaten stehen vier verbeulte Mülltonnen, rundherum liegen reichlich Abfälle und Bauschutt. Den Hintergrund der Szenerie bildet eine zerfallende Ziegelwand mit einer Regenrinne, an der offenbar schon längere Zeit alles Wasser vorbei- statt hindurchfloss. Das Bild ist hochsymbolisch.
Es erzählt von Verfall, Gleichgültigkeit und provinzieller Tristesse. Doch dabei bleiben die Fotos von Jürgen Nagel nicht stehen. Sie lassen einen fast vergessenen Alltag wieder auferstehen. Hat man den DDR-Alltag noch selbst erlebt, so schwankt man beim Anblick der Mülltonnen und defekten Dachrinnen zwischen sentimentaler Erinnerung und neuem Zorn. Was war das damals für ein Kampf mit der ständig säumigen Müllabfuhr, wie schwer war es, eine zusätzliche Tonne zu erhalten – von Regenrinnen ganz zu schweigen.
Viele Geschichten sind nicht lustig. Sie konterkarieren das inzwischen manchmal dominierende Bild von der schönen DDR. Insofern sind die Bilder von Jürgen Nagel oft fast grausam. Dabei sind sie nie denunziatorisch. Seine Liebe gehört den kleinen, einfachen Leuten, die irgendwie ihren Alltag bewältigten und dabei ihr kleines Glück fanden. Das gilt fast noch mehr für die Reisefotos aus der Sowjetunion und den sozialistischen Ländern wie auch für die Bilder aus West-Berlin, die er seit 1988 Gelegenheit hatte zu fotografieren.
Dabei handelte es sich bei Jürgen Nagel um eine Doppelbegabung. Der vorliegende Band verbindet die erzählenden Bilder mit bildhaften Erzählungen. Dabei werden Zitate aus alten Tagebüchern, literarische Texte und Ausschnitte aus Stasi-Akten zusammengefügt. Über die Biographie des 1942 in Berlin geborenen Fotografen, über sein Leben in der DDR sowie seine Schwierigkeiten mit Staatsmacht erfährt man viel. Die lapidare, nüchterne Sprache ähnelt der Ästhetik der ausschließlich schwarz-weißen Fotos. Auch die Realität der Nachwendezeit wird mit einem ähnlichen Blick bildlich und erzählerisch dokumentiert.
Das Archiv der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat rund 100 000 Fotos von Jürgen Nagel übernommen und wird sie für eine künftige Nutzung katalogisieren. Der Text-Bild-Band des Mitteldeutschen Verlages ist also nur ein erster Vorgeschmack auf einen Schatz der Erinnerungsbilder.





