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Der Aufstieg eines Underdogs
Die Amtszeit keines amerikanischen Präsidenten war derart eng mit einem Krieg verbunden wie die Abraham Lincolns mit dem Bürgerkrieg der Jahre 1861 bis 1865. Historiker haben den Konflikt zwischen den Nord- und den Südstaaten, der schließlich zur Abschaffung der Sklaverei führte, häufig als den Kulminationspunkt angesehen, auf den Lincolns Biographie fast zwangsläufig zugesteuert sei. Sein Leben vor der Präsidentschaft wurde entsprechend als Vorbereitung auf die große Aufgabe der Emanzipation der Sklaven gedeutet.
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von GEORG SCHILD
Die Amtszeit keines amerikanischen Präsidenten war derart eng mit einem Krieg verbunden wie die Abraham Lincolns mit dem Bürgerkrieg der Jahre 1861 bis 1865. Historiker haben den Konflikt zwischen den Nord- und den Südstaaten, der schließlich zur Abschaffung der Sklaverei führte, häufig als den Kulminationspunkt angesehen, auf den Lincolns Biographie fast zwangsläufig zugesteuert sei. Sein Leben vor der Präsidentschaft wurde entsprechend als Vorbereitung auf die große Aufgabe der Emanzipation der Sklaven gedeutet.
Eine solche Sichtweise ist jedoch problematisch, da Lincoln nie ein Abolitionist war. Seine politischen Überzeugungen lagen auf einem anderen Gebiet. Er sah in der amerikanischen Demokratie die beste aller denkbaren politischen Ordnungen, weil sie die (weißen) Bürger aus monarchischer Bevormundung befreit, den Bewohnern selbst der kleinsten Städte und Dörfer eine politische Mitsprache gegeben und ihren wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Aufstieg durch eigener Hände Arbeit ermöglicht hat.
Diese politischen Ziele wurden in den 1830er bis 1850er Jahren von der Whig-Partei politisch vertreten, der sich Lincoln lange zugehörig fühlte. In einer autobiographischen Skizze aus dem Präsidentschaftswahlkampf von 1860 schrieb Lincoln, dass er politisch „immer ein Whig“ gewesen sei. Lincoln war bewusst, dass Sklaverei nicht zum Ideal der Whigs von einem Aufstieg durch eigener Hände Arbeit passte. Schließlich wurde den Sklaven Freiheit und wirtschaftlicher Erfolg verwehrt.
Bis zum Bürgerkrieg äußerte er sich dennoch nur zurückhaltend zur Sklaverei, weil abolitionistische Propaganda den Zusammenhalt des Landes und damit das amerikanische Experiment eines demokratischen Staates bedroht hätte. Erst als die Südstaatler ihren Austritt aus der Union verkündet und Waffen gegen die Union erhoben hatten, zwangen sie Lincoln zu einem Krieg, an dessen Ende neben der Wiederherstellung der Einheit die Befreiung der Sklaven stand.
Entbehrungsreiche Kindheit in einer Blockhütte
Abraham Lincoln hat nur selten und ungern über seine frühen Lebensjahre gesprochen. Als er vor der Präsidentschaftswahl von 1860 von einem Journalisten gebeten wurde, ihm etwas über seine Jugend mitzuteilen, antwortete er, dass alles in einem Satz zusammengefasst werden könne: „…the short and simple annals of the poor“ („…die kurzen und einfachen Aufzeichnungen der Armen“).
Lincoln kam im Februar 1809 in einer einfachen Blockhütte auf einer Farm in Kentucky, einem sklavenhaltenden Südstaat, als zweites von drei Kindern des Farmers Thomas Lincoln und seiner Frau Nancy zur Welt. Abrahams jüngerer Bruder Thomas Jr. überlebte nur wenige Tage, seine Mutter starb, als er neun Jahre alt war; seine Schwester Sarah verstarb bei der Geburt ihres ersten Kindes. Lincoln erfuhr also in seiner Kindheit und Jugend die ganze Härte, die Gefahren und Einsamkeit eines Lebens an der Frontier.
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Das entbehrungsreiche Dasein prägte ihn, und er nahm sich vor, dieses Leben hinter sich zu lassen. „Every man is said to have his peculiar ambition“, so Lincoln im März 1832. Jeder habe seine ureigene Bestimmung im Leben. Sein Interesse an Bildung und Büchern, sein Studium rechtswissenschaftlicher Literatur, die Tätigkeit als Anwalt, die Hinwendung zur Politik und die Hochzeit mit Mary Todd, der Tochter aus einer reichen und einflussreichen Familie, waren Schritte auf dem Weg, seine Vorstellung von persönlichem Aufstieg in die Tat umzusetzen.
Als junger Mann verließ Lincoln die elterliche Farm und zog in das Dorf New Salem, wo er die Jahre 1831 bis 1837 verbrachte. Er ging dort unterschiedlichen Tätigkeiten nach, arbeitete in einem Laden, war Landvermesser und Postbote und diente während des Black Hawk War (1832), einer Auseinandersetzung mit Indigenen, die entlang dem Mississippi lebten, einige Wochen in der Miliz von Illinois. Gleichzeitig las er rechtswissenschaftliche Bücher, um sich auf die Tätigkeit als Anwalt vorzubereiten.
Lincoln war in New Salem zwar weit entfernt von den politischen Zentren des Landes, er erkannte jedoch, dass staatliche Maßnahmen Folgen für das Leben der Menschen dort hatten. Solange der Fluss Sangamon, an dem New Salem lag, wegen seines stark schwankenden Wasserstandes keinen verlässlichen Transportweg darstellte, waren die Farmer der Gegend auf einen kostspieligen und zeitaufwendigen Transport ihrer Güter über Land angewiesen. Eine Schiffbarmachung des Flusses hätte New Salem zu einem Handelszentrum machen können.
Im März 1832 kündigte Lincoln an, dass er für die Whig-Partei um einen Sitz im Parlament von Illinois kandidieren werde. Das „Sangamo Journal“ veröffentlichte im März sein Wahlprogramm, in dem er eine Verbesserung der Infrastruktur forderte. Gerade die bis dahin nur spärlich besiedelten Landkreise würden davon profitieren, wenn Straßen und Eisenbahnen gebaut und Flüsse schiffbar gemacht würden. Lincoln gelang der Sprung ins Parlament von Illinois zwar erst im zweiten Anlauf 1834, danach wurde er jedoch noch zweimal wiedergewählt.
Im April 1837 zog der 28-jährige Lincoln nach Springfield, das gerade zur Hauptstadt von Illinois erhoben worden war. Fast ein Vierteljahrhundert lang würde er dort als Rechtsanwalt tätig sein. Die vielen hundert Fälle, die seine Kanzlei übernahm, spiegelten die Lebenswirklichkeit einer amerikanischen Gemeinde im 19. Jahrhundert wider. Es ging um Scheidungen, Schulden, Insolvenzen und unklare Landgrenzen. Es gelang Lincoln aber auch, einige besonders zahlungskräftige Mandanten zu gewinnen. Über Jahre hinweg vertrat er die Interessen großer Eisenbahngesellschaften vor Gericht. Die wachsende Familie Lincolns – es wurden vier Söhne geboren, von denen jedoch nur der erstgeborene das Erwachsenenalter erreichte – lebte in einem stattlichen Haus in Springfield.
In nur wenigen Fällen ging es in Lincolns Kanzlei um Sklaverei, die im Staat Illinois verboten war. Er vertrat dabei 1841 vor dem Obersten Gerichtshof des Staates die Interessen einer nach Illinois geflohenen Sklavin („Bailey v. Cromwell“). Einige Jahre später setzte er sich für einen Plantagenbesitzer ein, der einen vermeintlich unrechtmäßig befreiten Schwarzen wieder versklaven wollte („Matson v. Rutherford“, 1847). Historiker tun sich schwer mit der Beantwortung der Frage, warum Lincoln den Sklavenhalter Robert Matson vor Gericht vertrat – zumal dessen Ansprüche zweifelhaft waren. Lincoln verlor den Fall schließlich auch. Der Historiker David Herbert Donald schrieb lapidar, dass Lincolns Geschäft das Gesetz und nicht die Moral gewesen sei.
Ganz so einfach sollte man es sich jedoch nicht machen, denn Lincoln war zum Zeitpunkt des Matson-Verfahrens bereits zum Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus gewählt worden. In dieser Situation als Anwalt aus dem Norden einen Sklavenbesitzer rechtlich zu vertreten lässt darauf schließen, dass ihm wohl zu diesem Zeitpunkt die Sklaverei im Süden noch nicht als ein grundsätzliches Übel erschien, das es zu überwinden galt.
Lincoln wird Abgeordneter für den Staat Illinois in Washington
Ende Oktober 1847 brach Lincoln gemeinsam mit seiner Familie nach Washington auf. In den folgenden zwei Jahren vertrat er die Interessen seines Wahlbezirks im Kongress. Er machte sich in dieser Zeit einen Namen als führender Kritiker des Krieges gegen Mexiko, der in den Jahren 1846 bis 1848 geführt wurde. Wie im vorhergehenden Kapitel beschrieben wurde, weiteten die USA in der Folge des Kriegs ihr Staatsgebiet bis zum Pazifischen Ozean aus. Diese Gebietserweiterung machte den Krieg in der Bevölkerung populär.
Lincoln fürchtete jedoch, dass die territoriale Erweiterung nach Westen negative Folgen für bestehende Bundesstaaten haben werde. Wer würde noch nach Illinois ziehen und dort investieren, wenn es im Westen weit billigeres Land gab? Würde der Staat nach dem kostspieligen Krieg noch Geld für notwendige Infrastrukturmaßnahmen haben? Vor allem jedoch sorgte sich Lincoln um die Frage, ob die neuen Gebiete als freie oder als sklavenhaltende Staaten organisiert würden.
Eine zweite Initiative des Abgeordneten Lincoln bezog sich auf die Sklaverei in Washington. In der US-Hauptstadt mit ihren etwa 50000 Einwohnern (1850) lebten 2000 Sklaven und 8000 freie Schwarze. Abgeordnete aus dem Norden brachten wiederholt Resolutionen ein, nach denen Sklaverei in der Hauptstadt verboten werden sollte; Südstaatler lehnten dies regelmäßig ab.
Lincoln nahm hier eine vermittelnde Position ein. Er erkannte an, dass der Kongress Sklaverei in der Hauptstadt verbieten könne; er gab jedoch zu bedenken, dass dies nicht ohne Zustimmung der dortigen Bevölkerung erfolgen sollte. Im Januar 1849 schlug Lincoln ein Referendum vor, an dem alle freien Weißen der Stadt teilnehmen sollten. Wenn eine Mehrheit zustimme, würde Sklaverei in Washington beendet werden. Das amerikanische Schatzamt sollte Sklaven zu marktüblichen Preisen kaufen und in die Freiheit entlassen. Nach 1850 geborene Kinder von Sklavinnen (der Status „Sklave“ vererbte sich in den USA durch die Mutter) sollten frei sein.
Gleichzeitig bestätigte Lincoln noch einmal, dass entflohene Sklaven, die im Norden Schutz gesucht hatten, an ihre master ausgeliefert werden mussten. Dies war im „Fugitive Slave Act“ von 1793, dem Gesetz zur Auslieferung entflohener Sklaven, gesetzlich geregelt. Manche Nordstaatler hielten sich jedoch nicht daran und gewährten entlaufenen Sklaven Schutz.
Lincolns Plan traf auf allgemeine Ablehnung. Gegner der Sklaverei kritisierten, dass die Bereitschaft zu Kompensationszahlungen der Sklaverei eine Legitimität verleihen würde, die ihr nicht zustehe. Südstaatler lehnten den Plan als ersten Schritt hin zu einer allgemeinen Abschaffung der Sklaverei ab. Die historische Bedeutung des Vorschlages von Lincoln lag gerade darin, dass niemand darauf einging. Die Positionen des Nordens und des Südens in der Sklaverei-Frage hatten sich um 1850 bereits so sehr verhärtet, dass keine Kompromisse mehr möglich waren.
Nach Ablauf seiner zweijährigen Amtszeit als Abgeordneter trat Lincoln nicht zur Wiederwahl an. Seine Kritik am Krieg gegen Mexiko hatte ihn in Illinois so unbeliebt gemacht, dass er nicht erneut als Kandidat aufgestellt wurde. Er kehrte enttäuscht nach Springfield zurück und nahm die Tätigkeit als Anwalt wieder auf. Die unspektakuläre politische Karriere eines Anwalts aus Illinois schien beendet.
In seiner autobiographischen Skizze aus dem Wahlkampf 1860 nannte Lincoln die Auseinandersetzung um den „Kansas-Nebraska Act“ von 1854 als Grund für seine Rückkehr in die Politik. In der amerikanischen Diskussion über Sklaverei ging es Mitte des 19. Jahrhunderts vorrangig um die Frage der Machtverteilung zwischen freien und sklavenhaltenden Staaten. Jeder Bundesstaat war im Kongress mit zwei Senatoren und einer von der Bevölkerungszahl abhängigen Anzahl an Abgeordneten vertreten. Wann immer ein neuer Staat um Aufnahme in die Union bat, stellte sich die Frage, wie sich damit das Verhältnis der freien zu sklavenhaltenden Staaten verändern würde.
Der Missouri-Kompromiss von 1820 hatte 36,3 Grad nördliche Breite als Nordgrenze der Sklaverei festgelegt. Als 1854 über die Aufnahme von Kansas und Nebraska als Bundesstaaten debattiert wurde, stellten Sklaverei-Vertreter diese Linie wieder in Frage. Der Süden fürchtete, durch die Aufnahme weiterer freier Staaten in eine Minderheitsposition zu geraten. In dieser Situation pochte der Anwalt und Demokrat Stephen A. Douglas, der wie Lincoln in Springfield lebte, auf die bereits aus den „Northwest Ordinances“ (1784/85, 1787) bekannte popular sovereignty: Die Bewohner jedes neu aufzunehmenden Staates sollten selbst entscheiden, ob Sklaverei dort erlaubt sein solle oder nicht.
Lincoln lehnte dies ab. In einem Artikel für das „Illinois State Journal“ vom September 1854 verglich er popular sovereignty mit dem Einreißen eines Zauns, der zwei Felder voneinander trennte, ohne zugeben zu wollen, dass damit den eigenen Rindern ein Grasen auch auf der anderen Weide ermöglicht werden solle.
In einer Rede in Springfield verteidigte Douglas Anfang Oktober 1854 noch einmal den „popular sovereignty“-Vorschlag, der seiner Meinung nach in Übereinstimmung mit den demokratischen Vorstellungen Amerikas stand. Lincoln forderte ihn an Ort und Stelle zu einem öffentlichen Streitgespräch auf und verteidigte seinerseits den Missouri-Kompromiss, der eine klare Grenze zwischen freien und sklavenhaltenden Staaten festgelegt hatte.
Für Lincoln bestand ein klarer Unterschied zwischen Sklaverei in den Südstaaten, wo diese bereits zum Zeitpunkt der Verfassunggebung existiert hatte und für ihn damit Bestandsschutz genoss, und den neu zu errichtenden Staaten im Westen, in denen Sklaverei keine Rechtsgrundlage hatte.
Lincoln warf den Verfechtern des „popular sovereignty“-Ansatzes vor, dass Amerikas politische Bekundungen damit unglaubwürdig würden: „Ich hasse sie [Sklaverei] wegen der monströsen Ungerechtigkeit der Sklaverei selbst. Ich hasse sie, weil sie unser republikanisches Beispiel seines gerechten Einflusses in der Welt beraubt – sie ermöglicht es den Feinden freier Institutionen, uns als Heuchler zu bezeichnen – weil sie unter Freunden der Freiheit Zweifel an unserer Ernsthaftigkeit weckt.“ Lincoln forderte, dass der Missouri-Kompromiss beibehalten werde. Popular sovereignty überzeuge ihn nicht, weil die Frage der Sklaverei eine solch grundlegende moralische Wertentscheidung sei, die auch von demokratischen Mehrheiten nicht beschlossen werden könne.
Lincolns Position in der Sklaverei-Frage war nicht frei von Widersprüchen. Konnte Sklaverei im Süden unangetastet bleiben, wenn die Frage der Sklaverei eine grundlegende moralische Wertentscheidung war? Wenn die Gleichheit aller Menschen ein zentraler Bestandteil der politischen Philosophie Amerikas war, hätte sich Lincoln dann nicht stärker für die unmittelbare Beseitigung der Sklaverei im Süden einsetzen müssen?
Nicht nur, dass er das nicht tat. Lincoln erschien vor allem unsicher darüber, was mit Schwarzen nach ihrer Befreiung zu geschehen habe: „Falls ich alle Macht der Welt hätte, so wüsste ich doch nicht, was ich im Hinblick auf die bestehende Institution [der Sklaverei] tun sollte“, so Lincoln. Sein erster Impuls sei, alle befreiten Sklaven in ihre Heimat Afrika zu bringen. Aber dort würden sie keine zehn Tage überleben. Sollten sie als „Untergebene“ (underlings) in Amerika bleiben? Das kam für ihn nicht in Frage. Zur Alternative, Schwarze zu befreien und sozial und politisch als gleichwertig anzusehen, konnte er sich einstweilen nicht durchringen. Als einzige Lösung erschien ihm eine allmähliche Emanzipation – mit anderen Worten ein Hinauszögern der Befreiung auf einen unbestimmten Tag.
Der Kern der Position Lincolns war und blieb, Sklaverei aus dem Westen fernzuhalten. Nur dann wären diese Gebiete für arme Weiße, die sich keine Sklaven leisten konnten, attraktiv. Lincoln erklärte: „Ob Sklaverei in Nebraska oder anderen neuen Territorien Einzug hält, ist nicht nur die Angelegenheit der Menschen, die dorthin ziehen. Die ganze Nation ist daran interessiert, dass wir den besten Nutzen aus diesen Territorien ziehen. Wir wollen sie als Heimat für die freien Weißen. Das können diese Gebiete nicht sein, falls Sklaverei dort gepflanzt wird. Staaten mit Sklaverei sind Orte, aus denen arme Weiße fortziehen, keine, in die sie hineinstreben. Neue freie Staaten sind Orte, in die arme Leute hinziehen, um ihr Los zu verbessern.
Lincolns unmittelbares politisches Ziel im Jahr 1854 war die Wahl in den US-Senat. Er trat als Whig und noch nicht als Kandidat der neugegründeten sklavereikritischen Republikanischen Partei an. Vor der Verabschiedung des 17.Zusatzes zur amerikanischen Verfassung im Jahr 1913 wurden Senatoren nicht direkt von der Bevölkerung gewählt, sondern von den Legislativen der Einzelstaaten bestimmt. Lincoln warb unter den Abgeordneten von Illinois um Unterstützung für seine Kandidatur und war enttäuscht, als er nicht gewählt wurde. Er musste seine politische Strategie überdenken.
Lincoln hatte sich bis dahin mit seinem Verbleib in der Whig-Partei bewusst zwischen den offen sklavenfeindlichen Republikanern und den südstaatlich orientierten Demokraten positioniert. Im zunehmend aufgeheizten politischen Klima der späten 1850er Jahre schien eine solche vermittelnde Position nicht länger erfolgversprechend zu sein. Zur nächsten Senatswahl würde er als Republikaner antreten.
1856 wurde der Demokrat James Buchanan zum US-Präsidenten gewählt. Er war in allen Südstaaten und in vier Staaten im Norden – Pennsylvania, New Jersey, Indiana und Illinois – erfolgreich gewesen. Wenn es den Republikanern bei der nächsten Wahl gelingen würde, diese vier Staaten zu gewinnen, könnte ein Präsident allein mit den Stimmen des Nordens gewählt werden.
Epische Rededuelle zwischen Lincoln und Stephen A. Douglas
Nach der Präsidentschaftswahl von 1856 richtete Lincoln seine Aufmerksamkeit auf die Senatswahl in Illinois 1858, bei der der Amtsinhaber Stephen A. Douglas zur Wiederwahl antreten musste. Im Juni nominierten die Republikaner Lincoln zu ihrem Kandidaten. In einer Wahlkampfrede am 16. Juni 1858, die unter dem Titel „A House Divided“ in die Geschichte eingegangen ist, erörterte er das Problem der Sklaverei aus nationaler Perspektive: Welche politische Zukunft hatten die in einen freien Norden und einen sklavenhaltenden Süden geteilten Vereinigten Staaten? Ein solchermaßen geteiltes Gemeinwesen könne nicht auf Dauer bestehen: „A house divided against itself cannot stand“. Die Formulierung lehnt sich an einen Satz aus dem Markus-Evangelium an: „Und wenn ein Haus mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen“ (Markus 3, 25). Laut Lincoln werde die Union nicht aufgelöst werden, und das Haus werde nicht einstürzen. Stattdessen werde Amerika in Zukunft das Eine oder das Andere sein. Entweder werde die Sklaverei beseitigt werden, oder ihre Anhänger würden den Norden so verändern, dass auch er aussehen werde wie der Süden.
Hinter dem biblisch inspirierten Bild des geteilten Hauses stand die Sorge, dass der Oberste Gerichtshof mit einer Entscheidung aus dem Jahr 1857 den Grundstein zur Wiedereinführung der Sklaverei im Norden gelegt habe. Im Fall „Dred Scott v. Sandford“ hatten die Richter geurteilt, dass ein vorübergehender Aufenthalt eines Sklaven im Norden – im Fall Dred Scotts waren es vier Jahre – diesen nicht zu einem freien Mann machen würde. Sklavenhalter konnten von nun an ihre Sklaven in alle nördlichen Staaten der Union bringen und dort für sich arbeiten lassen. Ende der 1850er Jahre schien die Sklaverei stärker als jemals zuvor in der amerikanischen Gesellschaft verankert zu sein: Dank des „Kansas-Nebraska Act“ stand der Weg nach Westen offen, und als Folge der Dred-Scott-Entscheidung wurde Sklaverei sogar wieder im Norden denkbar.
Im Juli 1858 brach Douglas zu einer Wahlkampfreise durch Illinois auf. Lincoln folgte ihm und hielt jeweils an den Orten, die Douglas besuchte, am folgenden Tag ebenfalls eine Rede. Schließlich forderte Lincoln seinen Kontrahenten auf, bei allen anstehenden Wahlkampfveranstaltungen mit ihm zu debattieren. Douglas zögerte zunächst, weil er den weniger bekannten Lincoln nicht aufwerten wollte. Schließlich einigten sich die beiden Kandidaten darauf, dass sie in sieben Orten diskutieren würden.
Die erste Debatte fand in der Stadt Ottawa (nicht zu verwechseln mit der Stadt in Kanada), 70 Kilometer südwestlich von Chicago, statt und zog über 10000 Zuhörer an. Douglas wiederholte den Vorwurf, dass Lincoln Abolitionist sei. Er wolle das Recht auf Selbstbestimmung der Weißen in den neu zu gründenden Staaten durch das Verbot der Sklaverei einschränken. Lincoln verwies in seiner Replik darauf, dass er immer erklärt habe, dass er nicht wisse, wie Sklaverei zu beenden sei. Dann fügte er hinzu: „Ich sage hier, dass ich nicht beabsichtige, direkt oder indirekt in die Institution Sklaverei, wo sie existiert, einzugreifen. Ich glaube, dass ich kein Recht habe, dies zu tun, und ich habe keine Veranlassung, dies zu tun.“ In dieser und allen weiteren Lincoln-Douglas-Debatten erscheint Lincolns Position in der Sklaverei-Frage moderat, weil ihm vorgeworfen wurde, Abolitionist zu sein, und er dies vehement bestritt.
Bei der Wahl 1858 erzielten die Republikaner in Illinois mit 52 Prozent der Stimmen zwar einen Wahlsieg, wegen der unterschiedlichen Größe der Wahlkreise gewannen die Demokraten jedoch mit 54 Abgeordneten eine Mehrheit gegenüber 46 Republikanern. Am 5. Januar 1859 wählte diese Mehrheit Douglas für eine weitere Amtszeit zum Senator.
Lincoln war zum zweiten Mal bei einer Wahl in den Senat in seinem Heimatstaat unterlegen. Für republikanische Zeitungen wie die „Chicago Tribune“ ging er dennoch gestärkt aus dem Wahlkampf hervor: „Er hat sich eine nationale Reputation geschaffen, die er verdient und für die er beneidet wird.“ Die Zeitung betonte seine moralischen Qualitäten und seinen scharfen Verstand. Die „Illinois Gazette“ nannte ihn einen möglichen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 1860.
Lincoln selbst unternahm nach 1858 vorsichtige Schritte, um sich für die Präsidentschaftsnominierung seiner Partei zu empfehlen. So veranlasste er, dass seine und Douglas’ Reden aus dem Wahlkampf in Buchform erschienen. In den Jahren 1859 und 1860 entwickelte er Vorstellungen weiter, die er in den Debatten mit Douglas angedeutet hatte. So betonte er immer wieder, dass ein Nebeneinander mit Sklaverei negative Auswirkungen für freie Weiße habe: „Ich sage, dass es genug Raum gibt, dass alle frei sein können. Es fügt den Weißen nicht nur keinen Schaden zu, falls die Schwarzen befreit werden. Aber es fügt der großen Mehrheit der Weißen durchaus einen Schaden zu, dass der Schwarze versklavt wird. Eine große Zahl weißer Männer wird durch die Folgen von Sklavenarbeit in der Nähe ihrer Felder geschädigt.“
Die Republikanische Partei entschied auf einem Nominierungskonvent in Chicago im Mai 1860 über ihren Präsidentschaftskandidaten. Zunächst erschien Senator William H. Seward aus New York als der aussichtsreichste Kandidat. Doch es wurden Besorgnisse wegen seiner vermeintlich zu radikalen Gegnerschaft zur Sklaverei laut. Seward hatte ein Jahrzehnt zuvor erklärt, dass es ein „höheres Gesetz als die Verfassung“ gebe, das die Sklaverei verbiete. Dieses höhere Gesetz sei die Vorstellung Gottes, dass alle Menschen gleich seien. Die Republikanische Partei war im Widerstand gegen Sklaverei gegründet worden. Das sprach für den Kandidaten Seward, der dieses Ziel offensiv vertreten würde. Andererseits war den Delegierten bewusst, dass ihre Partei in allen Nordstaaten, das heißt auch in den vier Staaten, in denen 1856 noch die Demokratische Partei gesiegt hatte, Erfolg haben musste, um den Präsidenten stellen zu können. Vor diesem Hintergrund erschien Seward zu radikal.
Abraham Lincoln war der ideale Kompromisskandidat. Er war in einem Südstaat geboren worden, von einfacher Herkunft und hatte sich selbst hochgearbeitet. Vor allem war er jedoch ein moderater Sklaverei-Kritiker, der seine Forderungen einstweilen auf ein Verbot der Ausweitung der Sklaverei beschränkte. Schließlich sprach für Lincoln auch, dass er in Illinois lebte, einem Staat, den die Republikaner bei der Präsidentschaftswahl gewinnen mussten.
Im ersten Wahlgang des Nominierungskonvents hatte Seward mit 173 von 233 zum Sieg notwendigen Stimmen noch deutlich vor Lincoln gelegen, der 102 Stimmen auf sich vereinigen konnte. Bei der dritten Abstimmung wurde Lincoln schließlich nominiert. Die „New York Times“ stellte ihren Lesern den Kandidaten am 18.Mai als Mann vor, der in seiner Jugend Bäume gefällt und Vieh gehütet hatte. Demokratische Zeitungen verspotteten ihn als „drittklassigen Rechtsanwalt aus dem Westen“.
Allein der Norden beschert Lincoln den Sieg
Anders als heute beteiligten sich die Spitzenkandidaten der Parteien im 19. Jahrhundert nicht selbst an den Wahlkämpfen. Die Parteien organisierten überall im Land politische Zusammenkünfte, auf denen Redner für die Kandidaten ihrer Parteien warben. Lincoln verbrachte den Herbst 1860 und auch den Wahltag, den 6.November, in Springfield. Dort erfuhr er, dass er mit knapp 1,9 Millionen Stimmen die Mehrheit erhalten hatte. Die Verteilung der Stimmen im Wahlmännerkollegium – Lincoln erhielt 180 von 303 Stimmen – überzeichnete jedoch seinen Erfolg. Er war nur in einem Teil des Landes erfolgreich gewesen und hatte weniger als 40 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen können.
Für den Süden erschien die politische Lage Ende des Jahres 1860 prekär. Ein Kandidat war Präsident geworden, der sich dem Süden nicht verpflichtet fühlte und der die dort vorherrschende Art der Wirtschaft ablehnte. Die Südstaaten, die es gewohnt waren, Präsidenten, wichtige Kabinettsmitglieder und oberste Richter zu stellen, waren zum ersten Mal gegenüber einem geeinten Norden in eine Minderheitsposition geraten.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein fand die Amtseinführung eines Präsidenten erst vier Monate nach der Wahl Anfang März statt. Von November 1860 bis März 1861 musste der neugewählte Präsident Lincoln mit ansehen, wie das Land auseinanderbrach. Sieben Südstaaten erklärten noch vor seinem Amtsantritt ihren Austritt aus der Union; vier weitere folgten im Frühjahr 1861. Kein Präsident vor ihm war mit einer solchen Herausforderung konfrontiert gewesen.
Vereinzelte Stellungnahmen Lincolns und eine Reihe von vertraulichen Briefen, die er um die Jahreswende 1860/61 an befreundete Politiker sandte, machten seine Ablehnung der Sezessionsentscheidung sowie seine Bereitschaft deutlich, dem Süden eine Bestandsgarantie für Sklaverei zu geben. Er betonte wiederholt, dass die Loslösung von der Union unnötig sei, weil Sklaverei in den Staaten des Südens auch unter seiner Führung unangetastet bleiben werde.
Ende des Jahres 1860 versuchte Lincoln den designierten Vizepräsidenten der Konföderierten Staaten, Alexander H. Stephens, zu beschwichtigen: „Befürchten die Bewohner des Südens wirklich, dass sich eine republikanische Administration direkt oder indirekt in die Beziehungen zu ihren Sklaven einmischen werde? Falls sie dies tun, so möchte ich Ihnen als einem ehemaligen Freund und wie ich hoffe heute keinem Feind sagen, dass es keinen Grund für solche Besorgnisse gibt. Der Süden ist in dieser Frage in keiner größeren Gefahr als in den Tagen von [Präsident George] Washington. … Sie denken, dass Sklaverei rechtmäßig ist und ausgedehnt werden sollte; wir denken, dass sie falsch ist und eingeschränkt werden sollte. Das scheint das Problem zu sein. Es stellt den einzigen wirklichen Unterschied zwischen uns dar.“
Während Lincoln in der Frage der Sklaverei im Süden seine bisherige moderate Position weiter verfolgte, äußerte er sich zur Frage der Ausdehnung der Sklaverei nach Westen sowie über das Recht auf Sezession unnachgiebig. „Es darf keinen Kompromiss in der Frage der Ausdehnung der Sklaverei geben“, so Lincoln in einem Brief an Senator Lyman Trumbull im Dezember 1860. „Wenn es so kommen sollte, ist unsere ganze bisherige Arbeit vergebens gewesen und muss von neuem begonnen werden. Der gefährliche Punkt – der, nach dem einige unserer Freunde gerufen haben – ist popular sovereignty. Lehnen Sie dies ab.“ In einem Brief an William Kellogg warnte Lincoln erneut vor einer Aufweichung der harten Position der Republikanischen Partei gegenüber der Erweiterung der Sklavereigebiete: „Stimmen Sie keinem Vorschlag für einen Kompromiss in Bezug auf eine Ausdehnung der Sklaverei zu.“
Lincoln versichert: „Es wird kein Blutvergießen geben“
Am 11. Februar 1861 bestieg Abraham Lincoln in Springfield einen Zug, mit dem er sich auf die Reise nach Washington machte. Er verließ die Stadt, in die er ein Vierteljahrhundert zuvor gekommen war und in der er seinen Aufstieg vom Anwalt zum Abgeordneten und schließlich zum Präsidenten der Vereinigten Staaten erlebt hatte. Unterwegs sprach er wiederholt vor großen Zuhörergruppen und beschwor den Geist der Union. Dabei machte er die defensive Ausrichtung seiner zukünftigen Politik deutlich. Er habe keine Absicht, den Süden militärisch zu besetzen.
In Philadelphia erklärte er, dass seine Administration keinen Konflikt beginnen werde: „Es wird kein Blutvergießen geben, außer wenn es der Regierung aufgezwungen wird. Diese Regierung wird keine Gewalt einsetzen, solange keine Gewalt gegen sie eingesetzt wird.“ Er forderte alle Amerikaner auf, an der Einheit festzuhalten. In der Stadt Dunkirk im Bundesstaat New York griff er nach einer amerikanischen Flagge und rief den Zuhörern zu: „Ich bitte euch, zu mir zu stehen, solange ich zu ihr stehe.“ In New York City, wo es besonders enge Handelsbeziehungen zum Süden gab, erklärte Lincoln, dass er niemals einer Spaltung des Landes zustimmen werde: „Es gibt nichts, das mich jemals dazu bringen könnte, bewusst einer Zerstörung dieser Union zuzustimmen, unter der nicht nur die Handelsstadt New York, sondern das ganze Land seine Größe erreicht hat.“
Die Karriere Abraham Lincolns von einem Dorf an der Frontier über die erfolgreiche Tätigkeit als Anwalt in Springfield zum Weißen Haus in Washington hat seine Vorstellung bestätigt, dass das politische System Amerikas im 19. Jahrhundert weißen Bürgern einen wirtschaftlichen und politischen Aufstieg ermöglichte. Das war es, was Lincolns Auffassung nach im Bürgerkrieg zur Disposition stand. Die Südstaatler waren für Lincoln Rebellen, die sich gegen die Verfassung verschworen hatten. Nach den Sezessionsentscheidungen der Südstaaten erschien das amerikanische Experiment einer großräumigen demokratischen Republik, das drei Generationen zuvor begonnen hatte, an inneren Widersprüchen gescheitert. Lincoln stand am Beginn einer Präsidentschaft, in der zunächst über die Zukunft von Einheit, Freiheit und Demokratie und dann über die Beseitigung der Sklaverei entschieden wurde.
Autor: Prof. Dr. Georg Schild
geb. 1961, lehrt Nordamerikanische Geschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen.
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