Rund 200 Jahre nach Kelsos schien es so weit: Gestützt auf die Fürsprache der Kaiser seit Konstantin, drängten die Christen im 4. und 5. Jahrhundert in die Mitte des Staates und trieben die Heiden dorthin, woher sie kamen, an den Rand der Gesellschaft. Denn der christliche Gott war ein eifersüchtiger Gott: Weder im Himmel noch auf Erden duldete er einen Rivalen neben sich.
Also führten seine Gläubigen Krieg gegen die alten Götter. Sie stürzten deren Bilder um, schlugen Statuen den Kopf ab, um ihren Geist auszutreiben, und brannten deren Tempel und Bibliotheken nieder. Am Ende ging es den heidnischen Bauten wie der Philosophin Hypatia: Ein aufgehetzter Pöbel steinigte sie 415 in Alexandria, hackte ihren Körper in Stücke und verbrannte sie öffentlich: Die Flammen des Scheiterhaufens sollten die Stadt von der Verführung des Bösen reinigen.
Wer dies tat, so die englische Historikerin und Journalistin Catherine Nixey, habe sich schuldig an der Zerstörung der klassischen Welt gemacht. Gewiss, das eine oder andere habe überlebt. Es zähle aber nichts gegenüber dem Leid, das im Namen des Gekreuzigten verübt worden sei. Geschrieben habe sie ein Buch über die Tragödien, die der Triumph des Christentums gekostet habe. Geworden ist daraus ein mit Herzblut geschriebenes Werk, „das sich nicht schämt, die größte Zerstörung von Kunst seit Menschengedenken zu betrauern.“ Denn die Christianisierung des Imperiums sei „die Geschichte der gewaltsamen Bekehrung und der Verfolgung Andersgläubiger durch die Regierung“.
Ein christlicher Verteidiger hätte wenig Mühe, die Argumentation Nixeys zu entkräften. Er würde etwa an die christlichen Soldaten erinnern, die sich lange und vergeblich gegen die Barbaren des Nordens stemmten. Er würde die Bischöfe und Priester in den Zeugenstand rufen, die ihre Gemeinden nach römischem Vorbild organisierten und Kult, Lehre und Glauben in den Mantel der römischen Sprache hüllten. Er würde vergleichend Glauben und Moral der Kontrahenten analysieren. Und er würde erklären, was „Bekehrung“ in der Praxis bedeutete: ein zähes Ringen um die Seelen der Getauften.
Dort widerstand ein schwer auffindbarer Gegner: die liebgewordenen Gewohnheiten der Menschen. Denn diese blieben lange heidnisch. Wer in seiner Not vor dem Bild der Madonna niederfiel, machte keinen Unterschied zwischen der Mutter Jesu und den alten Muttergottheiten. Wer beim Gottesdienst das Glaubensbekenntnis anstimmte, pflügte mittags seinen Acker mit den Segensformeln der Vorfahren. Platons Akademie zu schließen oder Jupiter-Statuen zu stürzen war leichter, als in die trägen Köpfe der Menschen eine Vorstellung von der Dreieinigkeit zu pflanzen. Kurz: Nixey gebührt Dank für ihre Zusammenstellung. Zustimmung zu ihrer Kernaussage wird sie schwerlich finden.





