Als sich der Diktator der Zentralafrikanischen Republik im Dezember 1977 zum Kaiser krönte und von nun an Bokassa I. genannt werden wollte, war dies nicht der Beginn einer neuen Dynastie, wie der ehemalige Offizier annahm. Stattdessen war es der Höhepunkt einer Tyrannei, der das letzte Kapitel seiner Herrschaft einläutete.
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Jean-Bédel Bokassa betrat an diesem 4. Dezember 1977 gegen 10.15 Uhr den festlich geschmückten Jean-Bédel-Bokassa-Sportpalast. Tausende Gäste aus der ganzen Welt wurden Zeuge, wie Bokassa den Saal durchschritt und schließlich auf dem vergoldeten Thron Platz nahm, der speziell für die Krönung angefertigt worden war. Der Thron hatte die Form eines Adlers, war über drei Meter hoch und über vier Meter breit. Anschließend wurden Bokassa die ebenfalls neu angefertigten Reichsinsignien überreicht, beginnend mit einem Schwert.
Nachdem ihm der neun Meter lange Krönungsmantel aus rotem Samt umgelegt worden war, nahm Bokassa die Krone entgegen und wollte sie sich gerade aufs Haupt setzen, als ihm auffiel, dass er noch einen goldenen Lorbeerkranz trug. Mit der linken Hand, in der er bereits das Schwert hielt, nahm er ihn etwas umständlich ab, übergab ihn einem Höfling und setzte sich die Krone auf. Die rechte Hand war nun frei, um das zwei Meter lange, mit Diamanten besetzte Zepter aus Ebenholz entgegenzunehmen. Auf einen Salut und höflichen Applaus folgte Bokassas feierlicher Schwur auf die Verfassung des Zentralafrikanischen Kaiserreichs, das er bereits ein Jahr zuvor hatte ausrufen lassen. Er war nun Kaiser Bokassa I. – lange sollte er es allerdings nicht bleiben.
Wer war dieser Mann? Bokassa wurde am 22. Februar 1921 in der Provinz Ubangi-Schari geboren. Diese gehörte zur Kolonie Französisch-Äquatorialafrika. Im Alter von 18 Jahren trat Bokassa in die Armee ein und kämpfte bald darauf an der Seite der französischen Kolonialherren auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges. Auch in den Jahren danach kämpfte er für Frankreich, diesmal in Indochina.
Nachdem er die französische Armee schließlich verlassen hatte, war er am Aufbau der zentralafrikanischen Armee beteiligt. 1964 wurde er vom ersten Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik, David Dacko (1960–1966), zum Stabschef ernannt. Ein Jahr später – in der Neujahrsnacht von 1965 auf 1966 – putschte Bokassa, setzte Dacko ab und übernahm selbst die Macht.
Bokassa beherrschte die Zentralafrikanische Republik diktatorisch. Dabei häufte er im Lauf der Jahre eine ganze Reihe von Titeln und Funktionen an: 1967 machte er sich zum General, 1972 zum Präsidenten auf Lebenszeit, 1974 zum Marschall und 1975 darüber hinaus zum Premierminister.
Er brauchte die Kaiserkrönung keinesfalls, um alles und jeden zu beherrschen. Die Staatseinnahmen landeten zu großen Teilen auf seinen Privatkonten. Den Handel mit Diamanten, Rohstoffen (darunter auch Uran) und Elfenbein betrachtete er als sein persönliches Geschäft. Die Gewinnbeteiligung der ausländischen Firmen steckte er in die eigene Tasche. Ähnliches geschah mit der Entwicklungshilfe, die vor allem aus Frankreich kam (umgerechnet 25 Millionen Dollar pro Jahr).
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Für sich und seine Konkubinen errichtete Bokassa zahlreiche prunkvolle Villen – darunter die Villa Kolongo, wo er die rumänische Tänzerin Gabriela Drimbo einquartierte. Kolongo war eine seiner Lieblingsvillen. Sie verfügte über Schwimmbecken, Springbrunnen, Gärten, französische Kronleuchter und ein riesiges, rundes, rotierendes Bett.
Drimbo zählte zeitweise zu den Favoritinnen unter den Konkubinen Bokassas. Zu den zahlreichen Geschichten, die nach seinem Sturz in Umlauf kamen, gehörte auch, dass der Kaiser und die Rumänin in der Villa Kolongo gemeinsam über das Schicksal von verschleppten Regimegegnern entschieden hätten: Erschießungskommando, Krokodile oder langsamer Tod im Gefängnis. Sofern die Rumänin eine gewisse Begeisterung an den Tag legte, wenn es darum ging, Bokassas grausame Spiele mitzuspielen, so hatte sie professionelle Gründe dafür: Sie war eine Agentin des rumänischen Auslandsgeheimdienstes DIE. Ihre Verbindung mit Bokassa war vom rumänischen Diktator Nicolae Ceau¸sescu (1965–1989) eingefädelt worden, um Rumänien Zugang zu den zentralafrikanischen Diamanten zu verschaffen – was Drimbo erfolgreich tat.
Von vielen seiner Auslandsreisen brachte Bokassa Frauen mit. So wussten die Menschen in der Hauptstadt Bangui, dass es nicht nur eine Rumänin gab, sondern auch eine Tunesierin, eine Gabunerin, eine Französin, eine Vietnamesin, eine Belgierin, eine Libyerin, eine Kamerunerin, eine Deutsche, eine Schwedin, eine Zairerin und eine Chinesin.
Wenn hoher Besuch nach Bangui kam, machte Bokassa großzügige Geschenke. Diplomaten und Politiker bekamen regelmäßig Diamanten geschenkt, die sie teilweise zu Hause pflichtbewusst meldeten oder – wie von Bokassa beabsichtigt – in der eigenen Tasche verschwinden ließen.
Der französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing (1974–1981) hatte schon zu seiner Zeit als Minister ein ausgezeichnetes Verhältnis zu Bokassa gepflegt. Regelmäßig kam er nach Zentralafrika, um sich dort zu amüsieren und beschenken zu lassen. Später sollte Bokassa behaupten, Giscard d’Estaing habe nicht nur Diamanten als Geschenk angenommen, sondern auch ein Verhältnis mit Bokassas dritter Ehefrau, der Kaiserin Catherine, begonnen, obwohl Bokassa ihn, wie er selbst sagte, mit „jungfräulichen Mädchen und jungfräulichem Land, wo er zahlreiche Elefanten schießen konnte“, versorgt habe – Anschuldigungen, die der Franzose zurückwies, die ihn aber 1981 die Wiederwahl kosteten.
Bokassa hielt sein Land in eisernem Griff. Aber es auf Lebenszeit zu beherrschen reichte ihm nicht aus. So ließ er die Republik – denn das war Zentralafrika auf dem Papier immer noch – in ein Kaiserreich umwandeln. Eines seiner Motive für diesen Schritt war es, seiner Herrschaft zusätzliche Legitimität zu verleihen, ein weiteres, den Westen und besonders Frankreich zu beeindrucken. Bokassa liebte Frankreich; er hatte dort mehrere Schlösser erworben. Und er verehrte Napoleon Bonaparte, in dem er sich selbst wiederzuerkennen glaubte. Offiziell ließ er erklären, demokratische Strukturen seien eine westliche Erfindung und daher „unafrikanisch“. Die Errichtung einer Erbmonarchie bedeute die Wiederherstellung der Tradition und die Überwindung des Kolonialismus. Zudem beweise gegenwärtig Äthiopien, dessen Kaisertum 1974 sein Ende gefunden hatte, dass die Abkehr vom Kaisertum in den Niedergang führe. Bokassas naheliegende Schlussfolgerung: Afrika brauche ein Kaiserreich, und Zentralafrika werde es errichten.
Der Diktator plante, die königlichen Familien der Welt in Bangui zu versammeln, damit sie dort seiner Krönung beiwohnen konnten. Doch im Gegensatz zur Krönung Haile Selassies von Äthiopien (1930–1936 und 1941–1974), zu der sich 1930 zahlreiche Aristokraten und hochrangige Gesandte in Addis Abeba eingefunden hatten, erschien die geplante Krönung Bokassas den geladenen Königen und Staatenlenkern eher als peinliches Spektakel, dem man besser fernblieb. Papst Paul VI. (1963–1978) schlug nicht nur die Einladung mit harschen Worten aus, sondern verbot auch die Nutzung der Kathedrale von Bangui für die Krönungszeremonie, weshalb diese im Sportpalast stattfinden musste. Auch Bokassas Diktatorenfreunde Mobutu aus Zaire (1965–1997) und Idi Amin aus Uganda (1971–1979) ließen sich entschuldigen.
Aus den Nachbarländern des neuen Kaiserreichs kamen dennoch relativ hochrangige Gesandte zur Krönung: ein früherer Präsident von Mauritius, die Ehefrau des mauretanischen Präsidenten, ein ranghoher Gefolgsmann Mobutus aus Zaire, der Ministerpräsident von Kamerun, der Außenminister des Tschad und weitere Minister. Die Europäer ließen sich unterdessen fast alle nur von ihren Botschaftern vertreten. Die Bundesrepublik schickte als Sonderbotschafter den diplomatischen Ruheständler Harald Graf Posadowski-Wehner, verheiratet mit einer Prinzessin von Hohenzollern-Sigmaringen. Man vermutete zu Recht, dass Bokassa adlige Gäste besonders schätzte.
Für Bokassa bedeutete die Krönung in erster Linie, dass er meinte, sich nun allen anderen afrikanischen Herrschern überlegen fühlen zu können. In der Praxis nutzte ihm das Schauspiel allerdings wenig. Die Weltöffentlichkeit betrachtete die bombastische Zeremonie, deren Kosten sich grob geschätzt auf 22 bis 30 Millionen Dollar beliefen, als unangemessene Verschwendung. Gold und Galauniformen lenkten den Blick nun erst recht auf die wirtschaftliche Stagnation des Landes sowie auf die dort grassierende Korruption.
Dass Bokassa sich auf Napoleon bezog, wurde in Europa zwar zur Kenntnis genommen, aber keineswegs mit Bewunderung quittiert. Niemand sah in dem Aufmarsch von Soldaten in napoleonischen Uniformen einen legitimen Anschluss an das Kaiserreich Bonapartes. Die Bürger Zentralafrikas konnten mit der historischen Figur Napoleon dagegen gar nichts anfangen. Die meisten von ihnen ignorierten den Staatsakt. Jubelnde Massen suchte man am Tag der Krönung vergebens; viele Straßen waren leer, das Leben auf den Märkten ging einfach weiter.
Der deutsche Sonderbotschafter Graf Posadowski, der von der Zeremonie durchaus beeindruckt gewesen war, sagte noch am selben Abend: „Na, so zwei Jahre wird es halten.“ Er sollte damit richtig liegen. Im Januar 1979 kam es zu schweren Unruhen. Bokassa, der seinen luxuriösen Lebensstil zu keinem Zeitpunkt einschränkte, erhöhte die Zahl der Staatsdiener immer weiter, ohne die nötigen Gehälter bereitzustellen. Dazu kamen Steuererhöhungen. Als Bokassa schließlich verfügte, dass alle Schulkinder ihre Uniformen in Geschäften kaufen mussten, die Kaiserin Catherine gehörten, kochte die Stimmung über. Es kam zu Demonstrationen und zur Plünderung von Geschäften, die im Besitz des Machthabers waren.
Bokassa reagierte mit dem Einsatz der Armee, die am 15. Januar ein Massaker an Zivilisten verübte. Er selbst beteiligte sich am 20. April 1979 an einem Einsatz, bei dem etwa 100 Jugendliche getötet wurden. In Radioansprachen erweckte Bokassa zunehmend den Anschein geistiger Verwirrung. Während er in einer Wutrede nach der anderen gegen Journalisten, die Sowjets, die Franzosen und die Libyer wetterte, kursierten Flugblätter, auf denen das Ende des Kaiserreichs beschworen wurde.
Und das Ende kam in der Nacht auf den 21. September. Die französische Regierung, deren Experten und Finanzhilfen das Kaiserreich bis dahin am Leben gehalten hatten, entzog dem gewalttätigen Alleinherrscher ihre Unterstützung. Im August versuchten französische Diplomaten, Bokassa zum Rücktritt zu bewegen. Als dies nicht funktionierte, wurde in Absprachen mit den Nachbarländern sichergestellt, dass diese eine Intervention Frankreichs hinnehmen würden. Die Gelegenheit zum Umsturz bot schließlich ein Besuch Bokassas in Tripolis. In Abwesenheit des Kaisers landeten französische Militärflugzeuge auf dem Flughafen von Bangui. Kein Schuss fiel. Das Zentralafrikanische Kaiserreich war Geschichte.
Neuer Staatschef wurde David Dacko, den Bokassa im Januar 1966 aus dem Amt geputscht hatte. Bokassas Gegner feierten. Statuen wurden umgestürzt, Besitzungen Bokassas geplündert, seine Gefolgsleute verfolgt und getötet, Konkubinen von neuen Machthabern beansprucht.
Während sich Bokassa im Exil in der Elfenbeinküste aufhielt, begann 1980 der Prozess gegen ihn – abgehalten in demselben Sportpalast, in dem er sich selbst gekrönt hatte. Die Vorwürfe waren weitreichend. Zu der leicht beweisbaren Beteiligung an Gewalttaten kamen Gerüchte von Kannibalismus. Zeugen der Verteidigung ließ das Gericht nicht zu. Bokassa wurde in allen Punkten schuldig gesprochen und in Abwesenheit zum Tod verurteilt.
1986 kehrte Bokassa nach Hause zurück, um seinen Namen reinzuwaschen, wie er ankündigte. Erneut kam es zum Prozess. Vom Kannibalismus wurde er diesmal freigesprochen, dennoch blieb es beim Todesurteil. Hingerichtet wurde Bokassa aber nicht. Das Urteil wandelte man in eine Haftstrafe um, und 1973 wurde der frühere Machthaber im Zuge einer Generalamnestie in die Freiheit entlassen. Weitgehend mittellos, verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens im Haus der ehemaligen Kaiserin, die nach seinem Sturz in die Schweiz geflohen war. Ohne Reue und in der festen Überzeugung, der Papst habe ihn heimlich zum 13. Apostel ernannt, starb Bokassa 1996 an einem Schlaganfall.
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